03. September 2017, 22:06 Uhr

Engelsgleich und teuflisch finster

Satter Sound an historischer Spielstätte. Edward Elgars Oratorium »The dream of Gerontius« gewinnt beim Rheingau Musik Festival viele neue Freunde. Doch beinahe wäre es nicht zur Aufführung gekommen.
03. September 2017, 22:06 Uhr
Und bitte! Paul McCreesh gibt bei Edward Elgars Oratorium »The dream of Gerontius« den Ton an. Tenor Brenden Gunnell setzt passgenau ein, Mezzosopranistin Kathryn Rudge steht bereit. (Foto: © RMF /Ansgar Klostermann)

Edward Elgar – das ist der mit den knapp drei Sinfonien und dem wunderbaren Cellokonzert, dem schönsten von allen. Dass Elgar auch Oratorien komponiert hat und sein »The dream of Gerontius« (Der Traum des Gerontius) in England zu den Berühmten gehört, ist in Deutschland zwar bekannt. Gespielt wird das Werk hierzulande aber nicht alle Tage, weshalb es viele Klassik-Fans nicht kennen. Auch beim Rheingau Musik Festival (RMF), dessen 30. Auflage am Samstagabend in der Basilika von Kloster Eberbach nach 155 Aufführungen an 42 Spielstätten zu Ende ging, stand das Stück bislang noch nie auf dem Spielplan. Höchste Zeit also, das zu ändern.

Beinahe aber wäre das Konzert nicht realisiert worden. Anfang Juni verstarb überraschend der planmäßige Dirigent, Sir Jeffrey Tate, im Alter von 74 Jahren. Ersatz war zwar schnell gefunden: Martyn Brabbins erklärte sich bereit, sagte jedoch aus familiären Gründen in letzter Minute ab. Was nun? Die Festivalleitung verpflichtete kurzfristig den Ersatzmann des Ersatzmannes: Paul McCreesh. Der Brite hatte den »Gerontius« schon einmal dirigiert, und seine Aufführung von Händels »Messiah« beim RMF im Juli dieses Jahres war ein Erfolg.

Um es vorwegzunehmen: McCreesh leitete am Samstag das Orchester, die Symphoniker Hamburg, mit sichtlicher Leidenschaft und sicherer Hand. Die Musiker ließen unter seiner Stabführung den Elgar intensiv und gleichermaßen einfühlsam erklingen. McCreesh arbeitete die Substanz des Stückes heraus, ohne vordergründige Affekte zu setzen. Einmal freilich heißt es in der Partitur für alle, so laut wie möglich zu spielen. Auch das gelang wie mit Donnerhall.

Erzählt wird im ersten Teil des Oratoriums die Todesstunde eines Greises, ehe im zweiten Abschnitt die Seele des Verstorbenen ihren reinigenden Weg durchs Fegefeuer antritt. Brendall Gunnell sang die Riesenpartie des Gerontius, des alten Mannes (vom griechischen »geron«), mit Aplomb. Die Stimme des aus dem US-Staat Maryland stammenden Tenors lag stets über dem Orchester und füllte das große Kirchenschiff bis in den letzten Winkel. Wie gut er intonierte und ausformulierte, wurde im Vergleich zu Kathryn Rudge in der Rolle des Schutzengels deutlich. Die in Liverpool geborene Mezzosopranistin hatte zu Beginn Mühe, sich durchzusetzen. Sie fand auch im Forte nicht immer das geeignete Mittel, um zu brillieren. Markus Eiche als dritter Solist zeigte eine solide Leistung. Man hätte dem Schwarzwälder Bariton in seinen Rollen als Priester und Todesengel eine etwas dunklere Färbung gewünscht.

Der Philharmonia Chorus war der Star des Abends. Die rund 100 Männer- und Frauenstimmen zogen alle Register, klangen mal sphärisch entrückt, mal teuflisch finster. Im Piano sorgte der sinfonische Spitzenchor aus London, der zum ersten Mal beim RMF gastierte, für Gänsehaut, im Forte für schallgewaltigen Nachdruck. Zusammen mit dem Orchester ergab sich eine Klangapotheose, die ihresgleichen sucht. Langer, erfrischender Applaus vom begeisterten Publikum.

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