27. September 2017, 22:32 Uhr

Siegelwirrwarr und versteckte Zutaten

Wer als Vegetarier oder Veganer einkaufen geht, braucht gute Augen. Ein einheitliches Siegel für die Produkte gibt es nämlich nicht. Deswegen gilt: Zutatenliste studieren. Doch nicht jedes tierische Produkt taucht dort auf.
27. September 2017, 22:32 Uhr
Bevor die Veganerin Nadeschda Schmitt ein veganes Produkt in ihren Einkaufskorb legt, studiert sie genau die Zutatenliste. (Foto: dpa)

Ein gelber Punkt mit einem großen »V» hier, ein Schriftzug »Veggie« dort, ein grünes »vegan+« im Regal da, ein »fleischfrei« darunter und eine »Veganblume« daneben. In deutschen Läden wimmelt es derzeit von vegetarischen und veganen Lebensmitteln – wobei ein Wirrwarr aus Labeln und Bezeichnungen herrscht. Weil es kein staatliches Siegel gibt, kreieren Verbände, Hersteller und Supermärkte alle jeweils eigene Zeichen.

»›Veggie‹ zum Beispiel sagt mir gar nichts, das kann vegetarisch oder vegan sein«, erklärt Nadeschda Schmitt. Die 32-Jährige steht in einem Supermarkt im rheinhessischen Weindorf Flonheim und studiert die Zutatenliste des Fertigprodukts im Kühlregal. »Johannisbrotkernmehl, das ist okay. Weizeneiweiß ist auch kein Problem. Magnesiumchlorid – da weiß ich jetzt nicht genau, was das ist.« Da sie aber ein Label sieht, dem sie vertraut, landet die Packung im Korb.

Dabei weiß die Veganerin, dass es für die Siegel keine transparenten staatlichen Kontrollen gibt – was auch die Verbraucherzentralen bemängeln. Mehr noch: Die Begriffe vegan und vegetarisch sind derzeit lebensmittelrechtlich nicht einmal definiert. Zwar gibt es eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), dass vegane Produkte nicht »Pflanzenkäse« oder »Tofubutter« heißen dürfen. Ähnliches gilt aber nur für Milch- und nicht für Fleischprodukte – weswegen nach wie vor »vegetarische Hamburger« im Regal stehen.

Immerhin dürfte bald klar sein, was vegetarisch und vegan bedeutet. Die unabhängige Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission arbeite gerade an einem entsprechenden Leitsatz, erklärt das Bundeslandwirtschaftsministerium. Die Festlegung ist dabei nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Was ist mit Äpfeln, deren Schale mit Bienenwachs überzogen ist? Wie bewertet man Weine, bei deren Klärung eine Blase von einem Fisch verwendet wurde? Und der rote Farbstoff in Weingummi, der aus gemahlenen Läusen stammt?

»Bei mir selber bin ich nicht so super streng«, sagt Schmitt. Aber wenn sie für ihr veganes Winzerhotel Trautwein einkaufe, sei es ihr wichtig, dass sie den Gästen nichts aus Versehen unterjubelt. Schmitt spricht sich für ein einheitliches Siegel aus, etwa analog zum EU-Bio-Siegel. »Gut wär ein einziges Label, das wirklich überprüft wird und den Hersteller nichts kostet.« In Indien etwa, wo die Mehrheit vegetarisch lebt, deutet ein roter Punkt auf tierische Inhaltsstoffe hin. Ein grüner Punkt bedeutet, dass es sich um ein vegetarisches Produkt handelt.

Das derzeit führende Label in Deutschland ist das V-Label der Europäischen Vegetarier-Union (EVU). Rund 4000 Produkte im Land sind damit ausgezeichnet. Das seit 1996 vergebene Label gibt es allerdings nur dann, wenn auch keine gentechnisch veränderten Produkte und keine Eier aus Käfighaltung verwendet werden.

Eine Sprecherin der Vegetarier-Union erklärt, dass Umfragen immer wieder zeigten, dass Verbraucher lieber Produkte mit Siegel kauften als solche ohne. Das Thema nimmt an Bedeutung zu, denn die Zahlen der Nicht-Fleischesser steigen. Täglich kämen etwa 2000 Vegetarier und 200 Veganer neu hinzu, schätzt die EVU. Zusammen seien es mehr als neun Millionen Menschen in Deutschland.

Die Supermärkte reagieren mit einem immer größeren Angebot – das teilweise zwischen all den anderen Lebensmitteln steht, teilweise in eigenen Regalen. Dabei wünschten sich die Kunden eine Kennzeichnung, um eine Orientierungshilfe zu haben, erklärt Aldi Süd. Auch Kaufland erweitert die Zahl der Produkte mit dem V-Label »stetig«. Viele Märkte haben Eigenmarken, wie etwa Lidl mit »My Best Veggie«.

Das Angebot sei heute ein ganz anderes als vor elf Jahren, sagt Michaela Hausdorf aus Mainz. Damals lebte sie noch im ländlichen Raum und dort habe es in einem 25 Kilometer entfernten Reformhaus Sojamilch gegeben, »ziemlich überteuert und geschmacklich wenig überzeugend«. Heute gebe es milchähnliche Produkte aus Hafer, Mandeln, Cashewnüssen, Dinkel und anderen in quasi jedem Markt. »Für mich fühlt es sich heutzutage also an wie im Schlaraffenland.«

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