26. August 2018, 12:35 Uhr

Salzburger Festspiele 2018: ein Flop und viele Sternstunden

Mit einem Auftritt von Superstar Anna Netrebko gehen die Salzburger Festspiele in wenigen Tagen zu Ende. Der Intendant Markus Hinterhäuser gelang erneut ein spannendes Programm mit wenigen Ausrutschern. Eine Bilanz.
26. August 2018, 12:35 Uhr
Von Georg Etscheit, dpa
Asmik Grigorian begeisterte das Publikum in Salzburg. (Foto: Barbara Gindl)

Echte Sternstunden sind selten, auch bei einem Hochklasse-Festival wie den Salzburger Festspielen. Doch diesmal waren sich Publikum und Kritik einig: Romeo Castelluccis Neuinszenierung von Richard Strauss' Oper «Salome» war das Ereignis der am 30. August zu Ende gehenden Festspielsaison.

Vor allem der sängerische Furor der litauischen Sopranistin Asmik Grigorian in der Titelrolle, die als eine der schwersten der Opernliteratur gilt, löste Begeisterungsstürme aus. Wie kommerziell erfolgreich diese Festspiele waren, soll am Dienstag (28. August) auf der Abschlusspressekonferenz verkündet werden.

Manche Kommentatoren raunten, dass sich mit Grigorian der Triumph einer gewissen Anna Netrebko wiederholt habe, die 2002 bei ihrem Salzburg-Debüt als Donna Anna in Wolfgang Amadeus Mozarts «Don Giovanni» Furore machte. Die Russin ist seither aus Salzburg nicht mehr wegzudenken. Dieses Jahr war sie allerdings nicht in einer Opern-Neuproduktion zu erleben. Sie gibt zum Abschluss des Festivals jedoch einen Duo-Abend mit italienischen Opern-Schmachtfetzen, zusammen mit ihrem Ehemann, dem Tenor Yusif Eyvazov.

Salzburg 2018 - das war ein Festival der starken Frauen. Ob es sich um die großartige, schon 75 Jahre alte Hanna Schwarz handelte, die in Peter Tschaikowskys «Pique Dame» einen gefeierten Auftritt hatte, oder Kate Lindsey und Sonya Yoncheva als Nerone und Poppea in Claudio Monteverdis «L'incoronazione di Poppea». Im Schauspiel brillierten die freche Sophie Rois in Frank Castorfs sechsstündiger Inszenierung von Knut Hamsuns Roman «Hunger» und Valery Tscheplanova in der Neuinszenierung des antiken Dramas «Die Perser» von Aischylos in Ulrich Rasches Ohren und Sinne betäubendem Mega-Maschinentheater.

Von der Kritik fast durchgängig als Flop gewertet wurde Lydia Steiers überladene und etwas altbackene Deutung von Mozarts «Zauberflöte» zur Eröffnung des Opernprogramms. Das lag auch an dem zuweilen recht willkürlich anmutenden Dirigat von Constantinos Carydis und der Fehlbesetzung der Bass-Rolle des Sarastro mit dem Bariton und Liedsänger Michael Goerne.

Alles andere trug zumindest den Stempel «sehenswert»: Der frühere Regie-Berserker Hans Neuenfels ließ mit einer klassisch-altmeisterlichen Sicht der «Pique Dame» einstige Theater-Skandale vergessen; der belgische Tanzkünstler Jan Lauwers berührte mit einer ebenso eigenwilligen wie anrührenden Tanztheater-Version von Monteverdis «L'incoronazione» und der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski mit seiner fein ziselierten, psychologisierenden Sicht der Oper «The Bassarids» von Hans Werner Henze.

Alle Regiearbeiten zeigten, dass die Zeit der Holzhammer-Polit-Inszenierungen vorbei zu sein scheint. Heute versteckt sich gesellschaftliche Kritik in mehr oder weniger subtilen literarischen Anspielungen. So zieht Warlikowski in seinen «Bassariden» Parallelen von der faschistischen Gewaltverherrlichung in Pier Paolo Pasolinis «Die 120 Tage von Sodom» zu aktuellen rechtspopulistischen Strömungen in Italien und andernorts. Um solche Bezüge zu verstehen, sollte man das Programmheft gelesen haben.

Pannen gab es natürlich auch in den sechs Festspielwochen: Beim Soloabend des russischen Pianisten Grigory Sokolov regnete es während eines Gewitters ins Große Festspielhaus und vor dem Beginn der Castorf-Premiere musste die Halleiner Feuerwehr anrücken, um das Dach der alten Salzsiedehalle auf der Pernerinsel, der Off-Spielstätte des Festivals, mit Wasser zu kühlen. Möglicherweise auch dem Wetter geschuldet war die Lungenentzündung, die Tobias Moretti als «Jedermann» ereilte. Für ihn sprang quasi in letzter Minute der Vollblut-Mime Philipp Hochmair ein, in Österreich unter anderem mit der TV-Politsatire «Vorstadtweiber» schon länger ein Star und womöglich bald auch in Deutschland.

Vergangenes Jahr hatte Teodor Currentzis mit Mozarts «La clemenza di Tito» einen Coup gelandet. Diesmal präsentierte der im russischen Perm tätige griechische Dirigent einen Zyklus sämtlicher Beethoven-Symphonien. Zum Auftakt wählte er Beethovens «Neunte», die er dem begeisterten Publikum in Rekord verdächtigem Tempo von sechzig Minuten darbot. Die Urteile der Kritiker reichten von «grenzgenial» bis «Scharlatanerie». Sicher wird Intendant Markus Hinterhäuser dem Klassik-Punk, der stets schwarze Jeans und schwere Stiefel trägt, weitere anspruchsvolle Aufgaben anvertrauen. Auch die nächsten Salzburger Festspieljahre werden spannend, soviel ist sicher.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Aischylos
  • Anna Netrebko
  • Dame
  • Don Giovanni
  • Frank Castorf
  • Hans Neuenfels
  • Hans Werner Henze
  • Knut Hamsun
  • Liedsänger
  • Ludwig van Beethoven
  • Markus Hinterhäuser
  • Oper
  • Pier Paolo Pasolini
  • Richard Strauss
  • Russische Pianisten
  • Salzburger Festspiele
  • Sophie Rois
  • Stars
  • Tobias Moretti
  • Wolfgang Amadeus Mozart
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 x 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.