02. September 2018, 14:25 Uhr

Buh-Rufe und Euphorie beim Filmfest Venedig

Tilda Swinton und «Fifty Shades of Grey»-Star Dakota Johnson lassen sich in Venedig für einen verstörenden Thriller feiern. Joaquin Phoenix und Jake Gyllenhaal sind in einem Western zu sehen. Für Gesprächsstoff sorgt auch ein Mann, der lieber im Verborgenen bleibt.
02. September 2018, 14:25 Uhr
Von Aliki Nassoufis, dpa
Die Schauspielerinnen Tilda Swinton (l) und Dakota Johnson am Lido Beach. (Foto: Ettore Ferrari)

Der Himmel über Venedig hätte nicht besser zur Stimmung vieler Filme beim Festival passen können. Dunkel, wolkenverhangen und düster war er, fast das gesamte Wochenende über - genauso wie die Werke, die in diesen Tagen ihre Premiere feierten.

Es ging um RAF-Terror in Westdeutschland, gefährliche Rituale von Hexen, die Niederschlagung friedlicher Demonstranten und Rassismus in den US-Südstaaten. So anstrengend diese Werke teilweise waren, es könnte auch ein Anwärter auf den Goldenen Löwen darunter sein.

Empörte Buh-Rufe und frenetischer Beifall - für «Suspiria» gab es in Venedig beides. Tatsächlich polarisierte der Wettbewerbsbeitrag von Luca Guadagnino enorm. Der Italiener, der zuletzt für sein Oscar nominiertes Drama «Call Me By Your Name» gefeiert wurde, legte ein Remake von Dario Argentos Horrorfilm «In den Krallen des Bösen» vor. Mit Dakota Johnson und Tilda Swinton geht er ins West-Berlin der 70er Jahre, wo eine junge Amerikanerin an einer Tanzschule angenommen wird.

Die Tage der Landshut-Flugzeug-Entführung und Anschläge durch die RAF bilden nur den Hintergrund für eine Geschichte voller Wahn und Magie, Hexen und Heldinnen, Realität und Imagination. Es wurde eine Nerven aufreibende und herausfordernde Erfahrung für das Kinopublikum, das zugleich auch einige der eindringlichen Szenen des Kinoexperiments so schnell wohl nicht vergessen wird - beste Voraussetzungen für den Hauptpreis des Festivals.

Nicht nur der Filminhalt irritierte, auch die Besetzung löste Rätselraten aus. Denn in dem Werk taucht nur ein einziger Mann auf: Der Psychoanalytiker Dr. Klemperer wurde laut Produktionsangaben von Lutz Ebersdorf gespielt. Für den 82-Jährigen wäre es die erste Rolle gewesen. Aber gibt es Ebersdorf wirklich? Dass er eine gewisse Ähnlichkeit mit Tilda Swinton hat, die im Film eine der Tanzlehrerinnen verkörpert, fiel jedenfalls vielen Festivalbesuchern auf. Nach Venedig kam er auch nicht, er wolle lieber eine private Person bleiben, hieß es. Und Swinton verwies auf Nachfrage lediglich auf die offizielle Besetzungsliste. Möglicherweise gelang Guadagnino mit dieser Rolle also ein cleveres Verwirrspiel, das die Themen seines Films auf originelle Weise aufgreift.

Viel klarer war der Ansatz des Briten Mike Leigh: Mit «Perterloo» schaut er zurück in die Vergangenheit, ins Jahr 1819. Bei Manchester treffen sich 60 000 Menschen zu einem friedlichen Protest für mehr Mitbestimmung. Die Eliten des Landes fürchten den Verlust ihrer Macht und lassen die Demonstration zusammenschlagen; beim «Peterloo-Massaker» sterben zahlreiche Menschen. «Unser Film zeigt den Moment, als moderne Demokratie geboren wurde», sagte Leigh. Er spiegele aber auch vieles von dem wider, mit dem wir derzeit konfrontiert seien: Fragen zur Demokratie und Armut, der Politik in den USA und Großbritannien.

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