Die zweite Heimat

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Sebastian Weber hatte doppelten Grund zur Freude. Sein HSC Coburg hat Platz zwei in der 2. Handball- Bundesliga ausgebaut, und beim 29:24 über den TV 05/07 Hüttenberg gab es ein Wiedersehen mit vielen Bekannten.

Sebastian Weber machte direkt klar, dass das kein Standard ist: "Das passiert auch nicht jedes Mal. Aber wenn man Freunde, die man nicht so oft sieht, trifft, ist das etwas ganz Besonderes", erklärte der Kreisläufer des HSC 2000 Coburg, als man ihn auf die Gesellschaft ansprach, aus der man ihn für das Gespräch kurz herauslöste. Eine halbe Stunde nach dem 29:24-Sieg seiner Coburger über den TV 05/07 Hüttenberg stand Weber mit einer großen Gruppe TVH-Spieler im Gang der Katakomben, ließ sich ein Bier schmecken und plauderte mit seinen Gegenspielern. Der 32-Jährige ist einer von gleich drei Handballern im Kader der Vestestädter, die Spielzeiten bei den Hüttenbergern in ihrer Vita stehen haben.

"Ich hatte drei wunderbare Jahre in Hüttenberg, eine der schönsten Zeiten meiner Karriere. Das ist für mich ein wunderbares Spiel, auf dem Feld gegen sie zu kämpfen und sie zu necken – das macht Spa?, strahlte Weber über das ganze Gesicht nach dem Duell mit seinem Ex-Klub.

Inzwischen hat sich der Lehramtsstudent aber auch in Oberfranken gut eingelebt – selbst wenn ihm im Schatten der Veste Dinge fehlen, die man einfach nicht ersetzen kann: "In erster Linie natürlich meine Freundin. Meine ganze Familie ist noch in Mittelhessen, mein engster Freundeskreis. Als Handballprofi ist es schwer, sich besuchen zu lassen, die Wochenenden sind rar gesät und ein Heimspiel gibt’s nur alle zwei Wochen. Ich habe 29 Jahre da gelebt, aber es gibt auch sehr viel, was ich hier in meiner neuen, zweiten Heimat schätzen und lieben gelernt habe." Die zweite Heimat – mit Betonung auf der Ordnungszahl: "Heimat ist immer Mittelhessen! Aber ich fühle mich hier unglaublich wohl, es ist ein Zuhause. Aber daheim ist Dutenhofen, Gießen, Wetzlar."

Da kommt es gelegen, dass neben seinen Mitspielern Florian Billek und Konstantin Poltrum auch sein Trainer Jan Gorr weiß, wie schön es in Mittelhessen ist – schließlich ist der Ex-Coach des TVH gebürtiger Gießener. Ist es auch für ihn noch etwas Besonderes, wenn es gegen den Ex-Klub geht? "Na klar, allein weil man vor und nach so einem Spiel ja auch immer eine Menge Austausch hat und viele Leute kennt. Es sind fast 40 Leute mitgekommen, die hier übernachten und eine Stadtbesichtigung machen – das ist schon schön."

Die sportlichen Unterschiede zwischen Oberfranken und der Handball-Hochburg Mittelhessen sind für Weber gering – und nicht ortsbezogen. "Ich glaube, wir haben einfach eine andere Spielanlage als Hüttenberg – das liegt aber nicht an Oberfranken." Sein Trainer erläutert: "In Hüttenberg waren wir 3:2:1-Liebhaber, haben das kultiviert und auf hohem Niveau gespielt, hier spiele ich eine etwas defensivere Deckung – das unterscheidet sich schon deutlich. Ansonsten sind aber beide Mannschaften tempoorientiert. Aber wenn ich mir Hüttenberger Spiele ansehe, gibt es da immer noch Parallelen und Ähnlichkeiten – so weit auseinander liegt das also nicht."

Anders als in der Tabelle: Während der TVH im Tabellenmittelfeld feststeckt, sind die Coburger auf Kurs Handball-Bundesliga, zementierten mit dem Erfolg über Hüttenberg den zweiten Tabellenplatz hinter Balingen. In der kommenden Saison könnte der Mittelhessen-Block wieder in der ersten Liga spielen: "Sie sind feste Bestandteile unserer Mannschaft. Florian und Sebastian haben schon Erstligaerfahrung gesammelt, Flo in Hüttenberg und Balingen, Sebbl in Hüttenberg, Wetzlar und hier in Coburg, von daher wären das auch im nächsten Jahr wichtige Bestandteile für uns."

Trotz derart viel mittelhessischem Lokalkolorit, für einen war das Spiel ein normaler Handball-Arbeitstag: "Klar hat man in verschiedenen Mannschaften Bekannte und spricht vor dem Spiel über Privates. Aber im Spiel ist es wie immer: Da gibt’s auf die Ohren und alles andere wird ausgeblendet", fand Christian Rompf vom TVH keinen Trost darin, dass die Niederlage gegen die alten Kumpels erfolgte.

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