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Der ehemalige Geschäftsführer Lothar Weber bei seiner Verabschiedung mit einer Bilder-Show über die mehr als 35 Jahre seines Wirkens beim TV 05/07 Hüttenberg.

TV 05/07 Hüttenberg

TV Hüttenberg: "80 statt 120 Prozent" - Lothar Weber im großen Interview

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Seit 1. Juli ist Lothar Weber offiziell im Handball-Ruhestand. Die Geschäftsführung beim Zweitligisten TV 05/07 Hüttenberg hat der 66-Jährige abgegeben.

Ehefrau Ute wird den Multi-Ehrenamtler aber auch weiterhin nicht zu 100 Prozent für sich haben, dazu ist Lothar Webers Engagement im Gemeindeparlament, bei der Lebenshilfe und im Gesangverein zu vielfältig. Mit der Aufgabe der Geschäftsführer-Tätigkeit beim TV 05/07 bleibt dennoch mehr Zeit für die Familie, Töchter und Enkelkinder.

Wann ist der Entschluss gereift, die Geschäftsführung in andere Hände zu geben?

Weber:Am Anfang der letzten Runde habe ich angekündigt, das an Fabian Friedrich übergeben zu wollen. Ich rede ja schon zehn, elf Jahre davon, aufzuhören. Mit 66 habe ich es jetzt gepackt. Was heißt aufhören. Das sind gefühlte 20 Prozent weniger als bisher. Die Sponsorengespräche führe ich weiterhin, Spielergespräche nur im Notfall. Mit Fabian Friedrich haben wir einen kompetenten Mann, der das richtig gut macht.

Wie kam es Mitte der 80er Jahre zu Ihrem Engagement beim TV 05/07 Hüttenberg?

Weber:Eberhard Lang hat mich von Lützellinden, wo ich seit meiner A-Jugend-Zeit 15 Jahre lang in der Regionalliga u. a. mit Helmut Luh und Herbert Gockert gespielt habe, geholt. 1984 war das, da hat die erste Hüttenberger Mannschaft noch 1. Liga gespielt und ich war aktiv eine Art Organisationswart. Das war eigentlich meine erste Tätigkeit. Damals gab es noch den Förderkreis, dem ich angehörte. Seinerzeit wurden noch Spielerverträge gemacht, dafür würde man heute in den Bau gehen.

Das war gleich die Erstliga-Abstiegssaison. Dann folgte über Jahre hinweg das sportlich attraktive, aber wirtschaftlich ungesunde Zweitliga-Duell mit dem TSV Dutenhofen. Das endete finanziell äußerst schmerzhaft.

Weber:Da wollten wir auf Teufel komm raus wieder hoch in die 1. Liga. Das hat uns fast zerstört.

Sie haben alle Höhen und Tiefen mit dem TV 05/07 durchlebt. Sie haben sich - zugegeben - im Ringen mit Dutenhofen finanziell übernommen, mit Verpflichtungen wie Staffan Olsson oder Andreas Wigrim ordentlich verhoben.

Weber:Da haben wir uns ziemlich verhoben, das muss man eingestehen. Wir haben zweimal gegen Scharnhausen und Düsseldorf den Aufstieg verpasst und standen danach finanziell am Abgrund. Deshalb ist damals die GmbH gegründet worden, mit dem Ziel, den Verein bis 2006 wieder zu entschulden. Das war eine sehr lange Zeit und ein hartes Stück Arbeit. Es ist uns aber gelungen.

1. Liga, 2. Liga, 3. Liga. Zweimal dieser bittere Absturz, zweimal die sensationelle Rückkehr ins Oberhaus.

Weber:"In den 35 Jahren ist es einem nie langweilig geworden. Nach unserem ersten Abstieg in die Regionalliga hatte Iljo Duketis damals den Mut, alte Zöpfe abzuschneiden und in der 3. Liga komplett zu verjüngen. Da kam die Generation von Marc Langenbach und Andreas Scholz heraus. Es hat zwar gedauert, das Ganze hat sich aber super entwickelt und ist als Hüttenberger Weg zum Erfolgsmodell geworden."

Hätten Sie es für möglich gehalten, diesen Job in den verschiedensten Funktionen 35 Jahre lang zu machen?

Weber:Nicht im Ansatz. Ich habe in dem Verein ja nie gespielt. Beim TV Hörnsheim bis zur A-Jugend, dann kam der Zusammenschluss von Hörnsheim und Hochelheim und es gab zu viele Spieler. Da ich seinerzeit in Lützellinden meine Lehre angefangen hatte, bin ich in die Verbandsliga zum TVL. Eberhard Lang hat mich irgendwann animiert, als Betreuer zum TVH zu kommen. 1980 bin ich schließlich nicht nur beruflich in die Käserei größer eingestiegen, sondern später auch ins Management des TVH.

Welches waren die emotionalsten Momente?

Weber:"Das waren eindeutig die Aufstiegsduelle 2010/11 mit GWD Minden. Beim Hinspiel in Hüttenberg habe ich kaum etwas mitbekommen, da ich wegen der Mindener Hooligans erstmals in meiner Laufbahn die Polizei rufen musste. In Minden, als wir mit fünf, sechs Toren hinten lagen, bin ich raus, habe mir drei Zigaretten reingehauen und bin erst dann wieder rein. Die Partywoche danach war gigantisch. Wir waren mit sechs, sieben Bussen in Minden und die Heimfahrt war schon unfassbar. Da haben wir auf allen Tankstellen die Biervorräte leergekauft."

Absolute Höhepunkte also waren die beiden sensationellen Bundesliga-Aufstiege 2011/12 und 2016/17.

Weber:"Der Höhepunkt war auf dem Gipfel der Ära Jan Gorr. Da sind wir für den Mut von uns und von ihm belohnt worden. Als wir Jan verpflichtet haben, war er ja erst 27 Jahre jung. Wir sind gestartet mit 0:10 Punkten und haben schon gleich in einer Krisensitzung zusammengesessen. Doch plötzlich lief es und ein paar Jahre später waren wir wieder Erstligist. Unglaublich. Jan Gorr war der akribischste Trainer, denn wir je hatten. Der hat 24 Stunden, Tag und Nacht, Handball gelebt. Wenn Jan ankam und hat gesagt, Lothar, ich hab zwei Dinge, waren es mindestens vier…"

Das war in dieser Zeit aber schon ein Fulltime-Job für den Geschäftsführer Lothar Weber.

Weber:"In der 2. Liga ist es wesentlich ruhiger. In der 1. Liga ist das mehr als ein Fulltime-Job. 2016/17 mehr noch als 2011/12. Wenn das Sportamt in Gießen oder die Stadtwerke Gießen nicht gewesen wären, hätten wir echt Probleme bekommen. Das war logistisch wahnsinnig schwierig für uns, das mit dem Umzug nach Gießen und alldem, was dazu verlangt wurde."

Es gab sicher viele spannende Geschichten.

Weber:"Über die früheren Vertragsverhandlungen in Polen könnte ich Bücher schreiben. Piotr Przybecki, Jan Koziel oder Stanislaw Nowak. Da hast du mit dem sogenannten Zos in Warschau dealen müssen, der wollte als Ablöse für sich oder den Verband drei Sätze Trikots, 20 Paar Schuhe, 50 Bälle und was sonst noch. Wenn du den gelassen hättest, hätte der den ganzen Katalog bestellt. Irgendwann mussten wir einen Rechtsanwalt einschalten. Bei Koziel z. B. wollte der Verband 50 leere VHS-Kassetten haben. Das kann man heute niemandem mehr erzählen. Die habe ich alle über die innerdeutsche Grenze geschmuggelt, da habe ich am ganzen Körper gezittert. Wenn die mich erwischt hätten, wäre ich im Bau gelandet."

Und Enttäuschungen?

Weber:"Menschlich am meisten von Mariusz Dudek, dem polnischen Torhüter. Der hat wochenlang hier campiert, wir haben ihn dann relativ schnell deutsch bekommen - aber als er den Pass hatte, war er über Nacht mit unserem Auto weg beim VfL Fredenbeck."

Wo sehen Sie den TV 05/07 in der Zukunft?

Weber:Es wird immer schwieriger, den Hüttenberger Weg zu gehen, junge Leute in dem heutigen gesellschaftlichen (Freizeit-)Umfeld für den Leistungssport zu begeistern. Emir Kurtagic hat unseren jungen Spielern und deren Eltern im letzten Jahr in Dutzenden Gesprächen unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass es nur mit 100 und mehr Prozent geht. Ausreden wie der Opa oder die Oma haben Geburtstag oder ich habe einen Ausflug, gibt es nicht. Das muss jeder wissen, wenn er sich zum Profihandball bekennt. Wenn es in diese Richtung gut läuft, werden wir weiter in der 2. Liga spielen. Aber nur, wenn wir die administrativen Dinge in den Griff bekommen und die Kooperation mit der HSG Wetzlar noch besser funktioniert und der Etat erhalten bleibt. Die Kosten ufern immer weiter aus, die GEMA- und BG-Zahlungen bei der aktuellen Gefahrenstufe 60 werden immer höher. Allein für die BG fallen mittlerweile über 100 000 Euro an. Man bekommt immer mehr aufgeladen, das funktioniert irgendwann nicht mehr.

Mit der Arbeit der HBL und der zunehmenden Professionalisierung zeigen Sie sich nicht immer ganz einverstanden. Sie gelten gerade bezüglich der Institutionen als kritischer Kopf.

Weber:Was gibt es denn noch für Dorfvereine. Nix mehr. Nur noch Städte. Konstanz, Lübeck, Dresden, Hamburg. Die Kleinen wie Großwallstadt oder jetzt Gummersbach, geschweige denn Leutershausen oder Rintheim, bleiben auf der Strecke. Ich bin Realist, kein Marketing-Mann. Die ganze HBL besteht nur noch aus Marketing-Leuten. Wir indes müssen sehen, für die zweite Liga Saison für Saison an die eine Millionen Euro an Etat hinzubekommen, nur zum Überleben. Von Gegengeschäften und Marketing können wir nicht leben. Die Anforderungen durch die Liga machen uns enorm zu schaffen.

Was bleibt haften nach 35 Jahren?

Weber:Über all die Jahre die Zusammenarbeit mit den jungen Leuten sowie die vielen Kontakte und Freundschaften, die aus der Tätigkeit entstanden sind. Das ist sehr bereichernd. Der Handball hat mir viel gegeben. Meine offizielle Verabschiedung ist schon spürbar unter die Haut gegangen. Als die Bilder-Show kam, musste ich echt kauen. Ich bleibe dem Sport und dem Verein aber noch beratend erhalten.

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