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Der FC Gießen setzte in seinem ersten Halbjahr gleich ein Ausrufezeichen. (Foto: Friedrich)

Sportjahr 2018

Das war das Gießener Sportjahr 2018

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Gießen hatte 2018 sportlich viel zu bieten: Vom FC Gießen über John Bryant bis zur Vielfalt rund um Rudern, Laufserie und Landeskinderturnfest. Ein Rückblick mit zehn Merkmalen.

Aufgrund der neuen Präsenz des FC Gießen, starker Leistungen von Gießen 46ers sowie HSG Wetzlar und breiter sportlicher Basiserfolge setzt dieses Gießener Sportjahr 2018 Maßstäbe.

1. Das perfekte erste Halbjahr des FC Gießen

Der erst im Sommer 2018 gegründete FC Gießen hat gezeigt, welches fußballerische Potenzial in der Region schlummert. 2100 Waldstadion-Zuschauer im Schnitt in der fünften Liga sind eine Hausnummer, acht Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten der Hessenliga zur Winterpause ebenfalls. "Wir haben eine Sehnsucht gestillt", sagt FC-Geschäftsführer Jörg Fischer. Sein Team im Hintergrund und die sportliche Führung um Trainer Daniyel Cimen samt Mannschaft sorgte für ein "Sommermärchen", wie Fischer anmerkt. Im neuen Jahr soll der Regionalliga-Aufstieg anvisiert, die Entwicklung fortgesetzt werden.

2. Das Aus des Fußballs beim VfB 1900 Gießen

Jahrzehntelang war der VfB 1900 das fußballerische Aushängeschild – viel blieb durch finanzielle Querelen und kontinuierlichem Verfall Anfang 2018 nicht übrig. "Wenn bei unseren Heimspielen nicht einige Gästefans gekommen wären, hätten wir nicht mal den Schiedsrichter bezahlen können", sagte VfB’ler Karl-Heinz Wagner. Mitte März 2018 wird die Auflösung der Fußball-Abteilung beschlossen, der Zusammenschluss mit dem SC Teutonia Watzenborn-Steinberg folgt. Ende 2018 trifft der damalige Spruch von Egon Fritz zu: "Mir blutet das Herz, aber es ist der richtige Weg."

3. Chaos rund um die TSG Wieseck

Die sportlich Verantwortlichen Deniz Solmaz und Fabian Durst stürzen nach dem dritten Spieltag Trainer Benni Höfer, daraufhin treten 17 Spieler zurück. Die A-Jugend soll aufrücken – im Winter muss der Verein eingestehen, dass der plötzliche Umbruch misslang, das Fußball-Gruppenligateam wird aus dem Ligabetrieb zurückgezogen und startet in der neuen Saison in der Kreisoberliga. "Mit dem Projekt, die A-Jugendlichen hochzuziehen, haben wir alle überfordert", gesteht Solmaz. "Wir haben ordentlich auf die Glocke bekommen." Durch das frühe Abwerben von Talenten im Jugendbereich gibt’s zusätzliche Kritik. Solmaz betont: "In Gießen ist eine Dynamik entstanden, die nicht fair ist. Außerhalb von Gießen sind wir für viele Vereine Vorbilder."

4. John Bryant und Gießen 46ers im Aufschwung

Der 31-jährige zweifache MVP der Basketball-Bundesliga, John Bryant, ist im Jahr 2018 in aller Munde, allen voran wegen seiner starken Leistungen in der Osthalle. Im Mai die Zweijahresverlängerung, im Dezember erhält er von OB Dietlind Grabe-Bolz dann Urkunde und deutschen Pass. Der 2,11-m-Hüne ist absoluter Leistungsträger im Team von Trainer Ingo Freyer, der seinen Kontrakt ebenfalls verlängert. Kontinuität in der Personalplanung ist ein Merkmal der 46ers, erfrischender, begeisternder Basketball ein anderes. Im April wird Alba Berlin erstmals seit Ewigzeiten mit 102:87 geschlagen. Die 46ers befinden sich im Aufschwung: Nach Platz elf in der Vorsaison liegen die Playoffs in dieser Spielzeit mit den bisherigen Leistungen im Bereich des Möglichen.

5. HSG Wetzlar zwischen den Extremen

Der heimische Handball-Bundesligist hat in diesem Jahr die volle Bandbreite an Emotionen abgedeckt: Im Februar wird sensationell der zweite Sieg in Folge gegen den THW Kiel gefeiert, im Mai folgt beim Pokal-Final-Four der Kollektivausfall gegen Hannover-Burgdorf. Nach dem 4:14-Halbzeitstand im Halbfinale muss HSG-Geschäftsführer Björn Seipp konstatieren: "Wir sind am Druck im Do-or-Die-Spiel zerbrochen." Über 1000 mitgereiste Fans verlassen Hamburg enttäuscht. Über allem aber steht das kontinuierliche Formen von Talenten zu Bundesligaspielern. Kollege Ralf Waldschmidt schreibt: "Aufzuzählen, wer von Kai Wandschneider und Co alles weiterentwickelt wurde, hieße Sand an den Kieler Ostseestrand zu tragen." Der Abstiegskampf in der Bundesliga bleibt eine Konstante – wieder stehen die Wetzlarer Chancen gut.

6. Hüttenberg verkauft sich trotz Abstieg gut

Am 3. Juni 2018 verabschiedete sich der TV Hüttenberg bei den Füchsen Berlin von der Handball-Bundesliga. Trotz "Kirmestruppe" mit nur vier Vollprofis und dem geringsten Etat mit 1,2 Millionen Euro machte es der TVH spannend, schnupperte nach dem Durchmarsch von Liga drei in Liga eins lange am Klassenverbleib. "Wir haben trotz Abstieg eine überragende Runde gespielt", sagte Dominik Mappes, der im Sommer Ex-TVH-Coach Eyjólfsson nach Erlangen folgte. Der Bundesliga-Auftritt mit Heimspielen in Gießen belebte den TVH neu.

7. Gießener Sportler internationale Spitze

Der Gießener Ruderer Marc Weber wird im Juli Vize-Weltmeister im Einer der U23, die Gießener Bob-Anschieberin Ann-Christin Strack siegt im Dezember erstmals im Weltcup, der Wetterfelder Kickboxer Erdogan Celik wird im November Vize-Europameister in der Gewichtsklasse 94kg+. Drei Beispiele, die beweisen, dass Gießen in den "Randsportarten" auch 2018 Spitze war.

8. Sprinterin Lara Matheis hört auf

Seit den Hallenmeisterschaften 2015 stand die 26-jährige Pohlheimer Sprinterin in jedem deutschen 200-m-Finale. "Ich habe alles erreicht, was ich erreichen wollte", sagt Matheis, die Heimatbezug und berufliche Karriere dem Hochleistungssport vorzieht. Im Oktober 2018 wird ihr Rücktritt bekannt.

9. Mittelhessen-Cup eine Erfolgsgeschichte

Von März bis November werden 13 Läufe, zehn im Gießener Raum, ausgetragen. Mehr Starter, mehr Anreize für Läufer, mehr Kommunikation: Der Mittelhessen-Cup funktioniert. Siegerin der Hauptklasse und stärkste heimische Läuferin im Jahr 2018: Franziska Rachowski vom LAZ Gießen.

10. Landeskinderturnfest steigt in Gießen

Über 3000 sportbegeisterte Kinder bevölkern vom 1. bis 3. Juni Wieseckaue und Co. Über 800 Helfer organisieren das fröhliche Miteinander und liefern einen weiteren Beweis für die breite Basis in Gießen.

Kommentar

Gießens sportliche Vielfalt

Gießen besticht durch seine sportliche Vielfalt – vor allem in den Randsportarten zählt unsere Region zur deutschen oder internationalen Spitze. In gewisser Art und Weise ist eine Parallele zur Wirtschaft zu erkennen, in der es in Mittelhessen viele gut funktionierende mittelständische Unternehmen, aber eher wenige Global Player gibt, die den Sport in großem Stil unterstützen. Auch im Jahr 2018 stachen mit dem Ruderer Marc Weber, der Bob-Anschieberin Ann-Christin Strack oder dem Kickboxer Erdogan Celik heimische Akteure europa- oder weltweit heraus. Auch wenn die Vereins -und Ehrenamtsarbeit durch gesellschaftliche Entwicklungen im Jahr 2018 nicht einfacher wird, muss man festhalten: Die Vielfalt lebt. Ob der Mittelhessen-Cup, die Pfingstregatta, die Gießen Open, die TSG Blau-Gold Gießen mit ihren über 1500 Mitgliedern oder das zweitklassige Turnteam Linden – wer Sport betreiben oder ihn sich ansehen will, bekommt rund um die Lahn etwas geboten. Vor allem das macht eine "Sportstadt" aus. Verstärkt wird dieses Gefühl durch das Erscheinen des FC Gießen, der sich anschickt, bald Kickers Offenbach, Waldhof Mannheim und 1. FC Saarbrücken im Ligabetrieb im Gießener Waldstadion zu empfangen. Dass das fußballerische Interesse vorhanden ist, beweist die bisherige Zuschauerkulisse. Steigerungspotenzial gibt es im Bezug zur Verbundenheit zur Stadt – das braucht Zeit. Besser hätte das erste Halbjahr insgesamt aber nicht laufen können, der FC Gießen stößt in Sphären von Gießen 46ers und HSG Wetzlar vor. Die beiden heimischen Bundesligisten, auch 2018 etabliert in erster Basketball- bzw. Handball-Liga, leisten grundsolide Arbeit, leben auch von der beeindruckenden Führung der Trainer Ingo Freyer und Kai Wandschneider. Beide Vereine runden das mittelhessische Sportbild ab, das geprägt ist von einer breiten Basis.

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