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Zurück auf Los ! ? Russland überrascht

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Der Bundestrainer sollte in seiner Herangehensweise auf dem Spielfeld flexibler und in seiner Selbstinszenierung bescheidener werden, wollte er glaubwürdig und kraftvoll für einen Restart sorgen – oder sich vom Amt zurückziehen.

Es dürfte wohl noch etwas dauern, bis weißer Rauch aus dem Haus Löw drunten am Rande des Schwarzwaldes aufsteigen wird. Aber das Zeitfenster ist nicht sperrangelweit auf nach dem größten anzunehmenden Sportunfall, sondern bloß noch einen Spalt. So wie vor sechs Jahren, als er sich trotzig in eine wochenlange Privatheit zurückzog, nachdem er das EM-Halbfinale gegen Italien gründlich vercoacht hatte und danach wie ein Aussätziger durch die Republik geprügelt wurde, kann es der Bundestrainer diesmal nicht halten. Zumal der 58-Jährige nach dem in Form und Inhalt blamablen WM-Vorrundenaus zwar fundierte Kritik ertragen muss, ihm ein Tribunal wie 2012 allerdings bislang erspart geblieben ist. Löw mag dem Volk fremdgeblieben sein, ein merkwürdiger Kauz manchmal, entrückt zwar oft und doch auch recht sympathisch. Kein Feldherr, den man unbedingt vertreiben möchte.

Sogar das mächtigste Blatt im Land läuft auffällig brav bei Fuß. Nirgendwo ein Auflösungsvertragsentwurf auf der ersten Seite der "Bild" mit der Aufforderung: "Löw, unterschreiben Sie hier!" Stattdessen: "Jogi bleib!" Der Treuerabatt eines noch zwei Wochen lang amtierende Weltmeistertrainers ist noch nicht aufgebraucht. Löw könnte ihn einlösen und durchhalten – oder verfallen lassen und hinschmeißen.

Der Deutsche Fußball-Bund will seinen Vier-Sterne-General auf der Kommandobrücke halten. Das hat das Präsidium zum Wochenende per Telefonkonferenz beschlossen. Es ist mehr eine Botschaft an die Residenz Löw als an die Menschen da draußen. In der Verbandszentrale hoffen sie, dass die Nachricht auch so durchgesteckt wird an den Einsiedler am Rand der Republik, wie sie gemeint ist. Der nette Herr Löw soll wissen, dass die Funktionäre ihn stützen und er die Zukunft des deutschen Fußballs nicht an Krücken anhinken muss.

Aber es gibt noch etwas Kleingedrucktes unter der Botschaft: Damit es was wird mit der Mannschaft, darf der neue Herr Löw nicht mehr der nette Herr Löw bleiben. Er selbst hat nach der weichen Landung in Frankfurt harte Worte gefunden und in der Konsequenz "tiefgreifende Maßnahmen" angekündigt. Die tiefgreifendste wäre ein Rücktritt, der dem Verband einen kundigen Fußballlehrer und mutmaßlich viele Millionen Euro Abfindung kosten würde. So ist das Geschäft.

Löw, der Fußballästhet, hat dem deutschen Fußball über die 14 Jahre seiner Schaffenszeit im Verband das Rumpeln abgewöhnt. Jetzt ist er, Ironie des Schicksals, an einem Punkt angelangt, an dem Deutschland wieder mehr Rumpeln wagen müsste, um die Welt auf dem falschen Fuß erwischen zu können.

Löws Herangehensweise, nennen wir es einen schöngeistiger Fußball, ist von der Konkurrenz hinreichend enttarnt worden. Niemand fürchtet sich mehr davor, noch nicht einmal Südkorea.

Den Passpassagen des DFB-Teams fehlt es an Dynamik, die meisten Laufwege waren voraussehbar beim verkorksten WM-Auftritt, die deutschen Auftritte gerieten zu dogmatisch am Flachpassspiel orientiert, selbst die Hereingaben von außen mussten bodentief kommen und wurden bis auf eine – das einzige WM-Tor aus dem Spiel heraus von Marco Reus gegen Schweden – allesamt entschärft. Es gab keine sehenswerte Variabilität, keine Überraschungen, keine Rhythmusänderungen, kein Zurückziehen und Locken des Gegners, kaum Halbflugbälle – und bis auf die verzweifelte Schlussphase gegen Südkorea, als der beste deutsche Spieler, Mats Hummels, nach vorn beordert worden war und prompt per Kopf zu mehreren Großchancen kam, keine brachiale Wucht und Wut im Spiel.

Löw sollte bereit sein, das Dogma des alternativlosen Flachpassspiels neu zu hinterfragen, wenn er es ernst meint mit einem Restart. Sonst liefe seine Mannschaft auch künftig Gefahr, am Passspiel zu ersticken. Denn sie ist schlicht nicht mehr gut genug, um auf diese Art und Weise zielführend Fußball zu spielen. Das würde nur dann funktionieren, wenn die Abläufe so präzise und überlegen ausgeführt würden, dass jeder Gegner irgendwann müde gespielt wäre. Es braucht also eine neue taktische Mischung. Will Löw das? Oder würde er es als Selbstverrat begreifen?

Es braucht auch einen Bundestrainer, der mit seiner Aura zurück auf den Planeten Erde gelangt. Das wird schmerzlich für Löw, denn die Fallhöhe aus dem All des Weltmeistertrainers hinunter zum irdischen lizenzierten Fußballlehrer ist hoch. Er muss wissen, ob er bereit ist, diesen Schmerz zu ertragen. Der Vertrauensvorschuss, den ihm das Publikum vielleicht noch schenken wird, ist endlich. Zur Schau getragene Lässigkeit sollte minimiert, durch mehr Leidenschaft kompensiert und mit mehr Fleiß garniert werden. Löw müsste zulassen, dass er sich kritisch spiegeln lässt und nicht nur vor Schulterklopfern Hof hält.

Löws Selbstinszenierung war in seinen besten Tagen von präziser, gut vorbereiteter Rhetorik geprägt. In diesem Sommer jedoch war seine Freudlosigkeit bei öffentlichen Auftritten allgegenwärtig. Tiefpunkt: Die Bekanntgabe der Kader-Streichungen, als er erstmals in seinem Trainerleben keine Fragen zuließ und im Trainingslager in Südtirol die relevanten Namen Sane, Tah, Petersen und Leno im Stile eines Regierungssprechers übermittelte.

Am Medientag mussten die Reporter fast zwei Stunden lang in gleißender Sonne am Pool des Teamhotels ausharren, so groß war die Verspätung der gesamten Mannschaft. Sie hatten es gemeinsam vorgezogen, erst noch gemütlich miteinander Mittag zu essen. Eine Ignoranz, die in erster Linie der im persönlichen Umgang dennoch nach wie vor emphatisch wirkende Bundestrainer zu verantworten hat. Eine Arroganz, die einem Weltmeistertrainer noch nachgesehen wird, aber nicht mehr dem Übungsleiter eines Vorrunden-Letzten.

Es ist viel kaputtgegangen in den heftigen Juni-Wochen 2018, das immerhin eröffnet die Chance, vieles neu zu denken. Etwa die fürwahr im Spiegel des Geleisteten blamable Außendarstellung, in der sich der Bundestrainer als Stilikone des Leitspruchs "Best neVer rest" missbrauchen ließ und damit eine fatale Symbolik der Überheblichkeit präsentierte. Sie ist nicht in erster Linie von ihm zu verantworten, sondern von all den Spin Doctors, die im DFB-Auftrag um das Team herumschwirren und dem Trainer die Kernarbeit erschweren. Er müsste künftig die Kraft aufbringen, diese Überlegenheits-Rituale konsequent zu verweigern. Hat er diese Kraft? Ist er bereit, sich und seine Mannschaft wieder zu erden?

Auch im Personalbereich könnten unangenehme Entscheidungen getroffen werden müssen, um einen Neuanfang glaubhaft zu dokumentieren. Löw hasst unangenehme Entscheidungen, was menschlich für ihn spricht. Aber die vertraute Umgebung, das sogenannte "Team hinter dem Team", dürfte auch zu einer gewissen Lethargie und lähmenden Routine geführt haben. Strukturen müssten auch hier aufgebrochen, Personen ausgetauscht werden, auch wenn es wehtut.

Das gilt umso mehr für die Auswahl des Aufgebots auf dem Platz. Löw hat es bei der WM nicht geschafft, eine Gruppe zu formen, die ein traditionell kompliziertes WM-Turnier mit der nötigen freudigen Erregung angeht. Vielleicht hat es diesem Sommer einfach nicht gepasst unter den Spielern, und der Vorgesetzte war in der Kürze der Zeit schlicht machtlos, es passend zu machen. Umso bedeutender ist eine tiefgehende Analyse und eine radikale Konsequenz. Eine Konsequenz, die es erfordert, Trennungsschmerz auszuhalten. Kann Löw das leisten? Will er das überhaupt? Dann zurück auf Los.

Nach Frankreich und Uruguay hat überraschend auch Gastgeber Russland das Viertelfinale der Fußball-WM erreicht. Die Russen gewannen am Sonntag im Elfmeterschießen 4:3 gegen den Mitfavoriten Spanien und treffen nun in der nächsten Runde am Samstag in Sotschi auf Kroatien oder Dänemark. Nach 120 Minuten stand es 1:1 (1:1, 1:1). Vor 78 011 Zuschauern im Moskauer Luschniki-Stadion brachte Sergej Ignaschewitsch (12.) Ex-Weltmeister Spanien mit einem Eigentor in Führung, die Artjom Dsjuba (41.) per Handelfmeter ausgleichen konnte. Russlands Torhüter Igor Akinfejew parierte im Elfmeterschießen zweimal.

Während Fußball-Deutschland auf die Entscheidung wartet, ob Joachim Löw trotz des erstmaligen WM-Vorrunden-Aus als Bundestrainer weitermacht, schloss Abwehrspieler Jérôme Boateng für sich einen Rücktritt aus der Nationalelf aus. Dagegen haben die Superstars Cristiano Ronaldo aus Portugal und der Argentinier Lionel Messi noch nicht entschieden, ob sie die Karriere in ihren Auswahlteams fortsetzen. "Das ist jetzt nicht der Moment dafür", sagte der 33 Jahre alte Ronaldo nach dem Achtelfinal-K. o. für den Europameister durch das 1:2 gegen Uruguay. Sein zwei Jahre jüngerer Rivale Messi schwieg eisern zu diesem Thema.

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