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Britta Steffen zeigt sich besorgt über den Zustand im Verband und hofft auf Veränderungen.

»Wir zerstören uns selbst«

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(sid). Britta Steffen lächelt süffisant und zuckt kurz mit den Schultern. Angesichts so manch chaotischer Vorgänge im Deutschen Schwimm-Verband (DSV) müsse man sich »schon Galgenhumor zulegen«, sagt die Doppel-Olympiasiegerin von 2008, »letztlich macht es mich jedoch traurig.« Denn drei Monate vor den Olympischen Spielen werden die größten Wellen im deutschen Schwimmsport abseits des Beckens produziert.

Wieder einmal.

»Wir brauchen also gar keine Konkurrenz in der Welt, wir zerstören und sabotieren uns in solchen Fällen selbst«, sagte Steffen (37) im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID): »Man sagt ja, aus verbrannter Erde könne etwas Neues entstehen, aber wir kommen gar nicht dazu, mal etwas wachsen zu lassen. Wir brennen immer gleich alles nieder. Und das ist Mist.«

Die jüngsten Missbrauchs-Vorwürfe, die Posse um den Sportdirektor-Posten, interne Machtkämpfe - der ganze Wirbel »fällt den Athleten auf die Füße«, berichtet Steffen aus eigener Erfahrung: »Sie wollen eigentlich nur schnell schwimmen, wenn man aber permanent auf solche Dinge angesprochen wird, kann man sich dem gar nicht entziehen. Das schwächte mich damals enorm.«

Steffen, die nach ihrem Studium (Wirtschaftsingenieurwesen und Human Resources Management) inzwischen als Laufbahnberaterin am Olympiastützpunkt Berlin arbeitet, sieht den DSV »seit 30 Jahren« reif für einen Kurswechsel. Den von den Bundestrainern und Athletensprecherin Sarah Köhler ins Gespräch gebrachten Michael Groß (»Der DSV ist am Zug«) kann sich auch Steffen als neuen Leistungssportdirektor gut vorstellen.

»Wenn er im Change Management eine große Fachkompetenz hat, könnte er eine Schlüsselposition bekleiden«, sagte die Berlinerin. Der dreimalige Olympiasieger sei vielleicht jemand, »bei dem weniger Neid und Missgunst aufkommen und die Leute sagen: Der hat einen richtig guten Weg hingelegt, er hat die entsprechende Fachkompetenz, den akzeptiere ich auch über mir.«

Eigentlich hatte die DSV-Führung den früheren Wasserball-Nationalspieler Dirk Klingenberg für die vakante Stelle des Sportdirektors vorgesehen. Doch nur einen Tag nach der Ernennung wurde der schon wieder abberufen. Der offizielle Grund: Ein »frivoler Bericht« aus seiner Vergangenheit. Klingenberg hatte vor sieben Jahren mit Teamkollegen auf einem Foto für ein Berliner Groß-Bordell geworben.

»Da frage ich mich, warum man nicht im Vorhinein sorgfältig recherchiert hat«, sagte Vizeweltmeisterin Sarah Köhler jüngst im SID-Interview. Steffen stimmt ihr zu, diese Peinlichkeit hätte sich der Verband leicht ersparen können. »Leute haben mich angerufen und gesagt: Wenn man ein Fettnäpfchen hinstellt, der DSV tritt hinein«, berichtete die zweimalige Weltmeisterin.

Deutlich ernsthafter und schwerwiegender sind jedoch die Missbrauchs-Vorwürfe, die auch Steffen »tief betroffen« machen. »Als ich die Artikel gelesen habe, wurde mir echt schlecht. Wenn das alles stimmt, hätte man viel früher reagieren müssen«, sagt sie. Marco Troll, der Ende des vergangenen Jahres zum neuen DSV-Präsidenten gewählt wurde, hatte sich bereits im Namen des Verbandes für mögliche interne Versäumnisse entschuldigt und eine lückenlose Aufklärung angekündigt.

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