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"Wir hatten eine Achterbahnfahrt"

  • vonred Redaktion
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Für Eintracht Frankfurt endet heute (15.30 Uhr) mit dem Spiel gegen Absteiger SC Paderborn eine nervenaufreibende Bundesliga-Saison. Eintracht-Trainer Adi Hütter (50), der noch einen Vertrag bis Sommer 2021 in Frankfurt hat, zieht im Interview Bilanz, er blickt voraus - und er wehrt sich gegen Kritik.

Herr Hütter, wie schwer ist es, die Mannschaft für das letzte, bedeutungslose Spiel gegen Paderborn zu motivieren?

Ich finde nicht, dass es um nichts mehr geht. Es geht um die Chance, Platz acht zu erreichen oder sicher Neunter zu bleiben. Die Mannschaft will das Spiel unbedingt gewinnen. Nach dem 2:5 gegen Bayern haben wir als Team gesagt, 24 Punkte sind zu erreichen, wir wollen so viele wie möglich holen. Das interessiert die Mannschaft.

Wäre ein achter Platz ein Platz, mit dem Sie gut leben können?

Ja.

Weil es eine schwierige Saison war?

Ja, und weil es realistisch denkend eine gute Platzierung wäre. Ich verliere nicht so schnell den Boden unter den Füßen. In der öffentlichen Wahrnehmung, auch bei Ihnen, ist das Anspruchsdenken teilweise stark verbreitet. Schauen Sie: In den letzten 25 Jahren ist Eintracht Frankfurt zweimal über die Liga ins internationale Geschäft gekommen, 2013 unter Armin Veh und einmal im letzten Jahr mit mir, Niko Kovac hat es über den Pokalsieg geschafft. Jetzt haben wir wieder einen einstelligen Tabellenplatz vor Augen. Nun herzugehen und die Nase zu rümpfen, kann ich nicht verstehen. Ich gebe Ihnen Recht: Wir haben sinnloserweise Punkte liegen gelassen - aber das werden alle anderen Mannschaften auch von sich sagen. Sie müssen sehen: Wir haben drei Topstürmer verloren, haben in zwei Jahren 104 Spiele in den Beinen, da kann ich nicht sagen, die Saison hake ich unter ferner liefen ab. Schauen Sie sich den 1. FC Köln an, Anthony Modeste verloren, keine drei Punkte in der Europa League geholt, sang- und klanglos abgestiegen. Oder Werder Bremen: Max Kruse verloren, jetzt droht bestenfalls die Relegation.

Erwarten die Medien zu viel?

Erwarten ist der falsche Begriff. Erstaunlich ist, wie schnell das Pendel nach oben und unten ausschlägt. Eben noch Abstiegsangst, eine Woche später Enttäuschung darüber, dass es der siebte Platz nicht geworden ist. Es stimmt: Wir haben eine Achterbahnfahrt, ein Wechselbad der Gefühle in dieser Saison gehabt, aber ich weiß nicht, ob man ernsthaft behaupten kann, das war eine schlechte Saison mit einstelligem Tabellenplatz, Pokal-Halbfinale und mindestens Achtelfinale in der Europa- League.

Sie halten das Anspruchsdenken für falsch? Immerhin gab es sehr gute Spiele, zu Hause gegen Bayern, Leverkusen und Dortmund.

Da gebe ich Ihnen Recht. Das waren Topspiele. Viele Menschen in dieser Gesellschaft sehen nur das Schlechte, wie etwa bei unserem Spiel gegen Schalke, als wir 60 Minuten wirklich gut gespielt haben und 30 Minuten nicht. Und nur über die letzte halbe Stunde wird gesprochen, das finde ich mühsam. Ich bin keiner, der nur über das Schlechte redet. Der letzte Eindruck bleibt haften. Wenn wir am Samstag gewinnen, haben wir 45 Punkte geholt, in zwei Jahren exakt 99 Punkte, das heißt: pro Saison 50 Punkte, plus zweimal international unterwegs mit 29 anspruchsvollen Spielen - und wir sind noch dabei, haben dazu zwei Halbfinals erreicht. Meine Ziele sind immer sehr hoch gesteckt, die Frage ist nur: Kann man sie stets erreichen.

Sie fühlen sich zu sehr kritisiert?

Nein. Man kann kritisch sein, natürlich, wenn Kritik angebracht ist. Aber ich finde, man muss das Gesamtbild betrachten. Wir haben unsere drei Top-Stürmer verloren, trotzdem haben wir jetzt auch wieder 56 Tore erzielt. Letztes Jahr waren es 60, das haben wir sehr ordentlich kompensiert, obwohl Gonca (Paciencia, d. Red.) lange weg war, Silva mal weg war, Bas Dost immer mal wieder weg war. Sie haben mir vorgeworfen, weniger mutig zu sein....

...das waren Sie doch auch mit den vielen defensiven Aufstellungen, oder etwa nicht?

Ich werde weiterhin mutig sein, glauben Sie mir. Aber manchmal sind einem die Hände gebunden - man muss ja Ergebnisse liefern. Dass ich, was mir von Ihnen vorgeworfen wurde, in Nibelungentreue an Spielern trotz schlechter Spiele festhalte, hat Gründe. Wenn ich einen nach einem schlechten Spiel herausnehme, ihn ersetze und der spielt dann auch schlecht und den nehme ich ebenfalls wieder heraus, dann habe ich alle Spieler auf einmal verunsichert. Ich bin ein Trainer, der einem Spieler drei, vier Chancen gibt, sich wieder zu fangen.

Die Eintracht war diese Saison nicht konstant. Worauf führen Sie diese Schwankungen zurück?

Vielleicht dachten manche nach dem 5:1 gegen Bayern, wir seien auf Champions- League-Kurs. Wir müssen immer am obersten Limit spielen, immer nahezu 100 Prozent geben, um Spiele zu gewinnen. Wir haben leider viele Punkte liegengelassen, es wäre sicherlich mehr möglich gewesen. Da waren die Hinausstellungen von Gelson Fernandes in Freiburg, von Dominik Kohr in Mainz, von David Abraham gegen Freiburg. Selbst verschuldet, keine Frage. Wir haben zu viele Gegentore bekommen. Dazu kam unsere starke Auswärtsschwäche. Aber ich sehe, was die Mannschaft leistet und in welchem körperlichen Zustand sie ist: Das ist eine Augenweide. Am Samstag haben wir das 54. Spiel und kaum Verletzte. Riesenkompliment an Ärzte, Physios, an Konditionstrainer, Hut ab. In dieser Woche haben wir alle Mann im Training, keiner ist verletzt, das ist beeindruckend.

Was war in dieser Saison für Sie ungewohnt?

Das waren die wenigen Trainingseinheiten mit der kompletten Mannschaft wegen der vielen Spiele, das war der Wahnsinn. Das hat ja schon mit der Sommervorbereitung begonnen, während die Europa-League-Quali eingebaut werden musste. Vielleicht hat auch das zu den Schwankungen geführt. Es kamen immer wichtige Spiele dazwischen, auf die man sich vorbereiten musste.

Dann sind Sie sicherlich zufrieden, in der neuen Saison international zu pausieren?

Wir alle reisen gern, haben diese Spiele genossen. Das hätte ich furchtbar gerne wieder gehabt. Und wir werden auch gegen den FC Basel bis zum Schluss ums Weiterkommen kämpfen. Aber aus Trainersicht und um die Mannschaft weiter zu entwickeln, ist eine solche Saison ohne Zusatzbelastung vielleicht ganz gut. Ich will die Mannschaft weiter bringen, will ihr eine eigene Handschrift geben. Sie soll im nächsten Jahr eingespielter sein. Daran werde ich gemessen, daran messe ich mich selber.

Ohne Europa und angesichts der Corona-Auswirkungen - Stichwort: fehlende Zuschauereinnahmen - werden Sie ihren Kader wohl verkleinern.

Einen so großen Kader wie dieses Jahr werden wir nicht brauchen. Wichtig ist, dass wir viele Spieler langfristig unter Vertrag haben und nicht ständig neue Leute dazu bekommen. Ein Fundament ist da, ohnehin kommen einige Leihspieler zurück. Von denen will ich mir zunächst ein Bild machen. Sicher ist: Routine haben wir genug. Große personelle Veränderungen im Kader wird es nicht geben.

Welche Art Spieler fehlen Ihnen denn im Team?

Da müssen wir uns Gedanken machen. Ich bin ja von Haus aus eher ein Fan kreativer Spielkunst. Und so wie wir in den letzten Partien phasenweise Fußball gespielt haben, war das die helle Freude. Es könnte viel mehr sein.

Bleibt Filip Kostic?

Ich habe nicht das Gefühl, dass er Abwanderungsgedanken hat. Und alle hier würden sich freuen, wenn er bleiben würde. Stand jetzt ist, bei aller Vorsicht: Von konkreten Angeboten für ihn weiß ich gar nichts. Aber man weiß nie, was der Transfermarkt bringt.

Welchen Fußball wollen Sie in der neuen Saison spielen lassen?

Wir sind besser, wenn wir vorne drauf gehen. Was uns von der Mannschaft des letzten Jahres unterscheidet, ist, dass wir nicht mehr dieses starke Pressing spielen, das uns ausgezeichnet hat. Aber damals hatten wir mit Haller, Jovic und Rebic auch die Typen dafür, die bedingungslos drauf gegangen waren, da war Feuer unterm Dach, das war auch ein Zeichen für die anderen. Diese Dynamik fehlt uns ein bisschen. Vielleicht ist Ragnar Ache so ein Typ, vielleicht finden wir noch einen weiteren. Ich sage Ihnen was: Ich bin froh, dass wir Daichi Kamada haben, dass wir uns entschieden haben, ihn zu behalten - er hatte einen unterschriftsreifen Vertrag in Italien vorliegen. Heute ist Daichi ein absoluter Kreativkopf. Er hat sich super präsentiert, als Fußballer und als Mensch. Für mich ist er die positivste Erscheinung in diesem Jahr.

Sind Sie inzwischen ein anderer Trainer als der, der Sie vor zwei Jahren waren?

Gute Frage. Ich versuche, mich immer ein bisschen zu verändern und mich weiterzuentwickeln, auch Erfahrungen mitzunehmen, zu verarbeiten, Schlüsse daraus zu ziehen. Ich glaube aber, dass ich im Großen und Ganzen gleich geblieben bin.

Diese nicht einfache Saison hat Sie als Trainer besonders gefordert.

Ja. Ehrlich: Für mich war diese Zeit während und nach Corona eine richtig coole Herausforderung. Für mich als Trainer und Mensch war es ganz, ganz wichtig, solch eine unangenehme Phase, als außerhalb des Vereins die Abstiegsgefahr ausgerufen wurde, souverän gelöst zu haben. Das hat mich sehr viel weiter gebracht. Ich glaube, mir ist gelungen, mit Überzeugung, Souveränität, Geduld und Ruhe diese Phase zu meistern. Ich hatte auch das Vertrauen gespürt, etwa von Armin Reutershahn (Co-Trainer, d. Red.), der solche Situationen viel öfter erlebt hat, aber auch von Bruno Hübner oder Fredi Bobic. Ich habe irrsinnig viel lernen dürfen in dieser Phase. Dafür bin ich dankbar.

Wie geht es nach dem Paderborn-Spiel weiter?

Ich gebe den Spielern bis zum 27. Juli frei, auch weil die Laufwerte so gut sind. Darüber bin ich richtig glücklich. Wir waren ja elf Monate zusammen. Dann geht es wieder los, neun, zehn Tage Vorbereitung bis zum Basel-Spiel am 5. oder 6. August. Die Saison endet in der Schweiz am 2. August - bis dahin hat Basel sechs Englische Wochen am Stück. Das ist nicht einfach, mental und physisch. Wir hatten jetzt vier Englische Wochen am Stück. Die Frage wird sein: Sind sie eingespielt oder müde? Wir werden mit der besten Mannschaft antreten und versuchen, trotz des 0:3 weiterzukommen. FOTO: PM

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