+
Die Sympathien der Fans zurückgewonnen - die deutsche Fußball-Nationalmannschaft um Kapitän und Torwart Manuel Neuer (2. v. l.).

Die Wiedervereinigung

  • schließen

Zum Länderspiel ziehen sich die Besucher Trikots an. Man sieht auf dem Weg zum Stadion wie am Dienstagabend in Mainz die Kollektionen der vergangenen Jahre. Vom Polyester-Leibchen eines im Umfeld der WM 2006 wirkenden Deo-Herstellers bis zum offiziellen Verkaufsschlager, dem 2014er-rot-dunkel-gestreiften im Flamengo-Style, mit dem die Mannschaft in Brasilien die Herzen der Einheimischen erwärmte.

Bevorzugt aufgeflockte Rückennummer ist die 13, sie steht noch immer ein wenig für Michael Ballack (Star 2006), hauptsächlich aber für Thomas Müller (Held 2010, 2014). Wegen Lukas Klostermann dem neuen Besitzer der 13, kauft niemand sich ein Nationaltrikot. Man muss sich an all die Namen erst gewöhnen. Als Marcel Halstenberg beim 8:0 gegen Estland für Nico Schulz eingewechselt wurde, lagen die Zuschauer in Mainz beim Rufen seines Namens mehrheitlich daneben. "Neu im Spiel mit der Nummer 16: Marcel. . ." - ". . . Halstenberger."

Es wird noch dauern, bis die Leute auf den Rängen und vor den Fernsehern zu den Namen der Leipziger Klostermann und Halstenberg die Gesichter vor Augen haben werden und bis sie an den Bewegungsabläufen die aus der Distanz ähnlich wirkenden Thilo Kehrer und Serge Gnabry auseinanderhalten können - doch man ist auf gutem Wege, zueinanderzufinden. Die Mannschaft und das Publikum. Die Fans, die sich zwischenzeitlich abgewendet haben von "Die Mannschaft", sind bereit, eine neue Generation in die Arme zu schließen. Die Wiedervereinigung.

Das ist die Erkenntnis am Ende eines Zeitraums von zwölf Monaten, die die heftigsten in der jüngeren deutschen Fußballgeschichte waren. Am 12. Juni 2018 flog der DFB-Tross zur WM nach Russland, wo er in der Vorrunde krachend scheiterte, am 12. Juni 2019 war es noch ein Jahr bis zum Auftakt der auch in Deutschland (München) stattfindenden EM 2020, und Manuel Neuer, wenn er nach dem vergangenen Jahr gefragt wird, sagt tadelnd: "Wir wollen doch den Blick nach vorne richten."

Das 8:0 über Estland war als Spiel nicht viel wert - abgesehen davon, dass die deutsche Mannschaft in der Offensive ein paar Nachlässigkeiten aus der Weißrussland-Partie (2:0) vermied und den Vorsatz von Marco Reus realisierte, "dass wir mehr Tore schießen". So deutlich wurde es am Ende, dass man die Torschützen wie im Bericht von einem einseitigen Amateurkick zusammenfassen kann: Reus, Gnabry (je 2), Goretzka, Gündogan (Foulelfmeter), Werner, Sané je 1. Der bleibende Eindruck war aber die Atmosphäre des Abends. Von den Tribünen wurde jede deutsche Aktion mit Sympathie begleitet.

Es war nicht wie bei anderen Länderspielen, in denen die Freude am Vortrag dem Kalkül weicht und die zweite Halbzeit nur noch ein Verwaltungsakt ist. Mit 5:0 ging die deutsche Elf in die Pause, und auch im zweiten Durchgang erzielte sie fünf Tore (von denen zwei von Leroy Sané keine Anerkennung fanden). Doch gerade Sané lief sogar noch in der Nachspielzeit die Esten beherzt an, als hätte man den Ball zu erkämpfen, um einen knappen Rückstand aufzuholen.

"Die Mannschaft sprühte vor Energie", bilanzierte Vertretungs-Bundestrainer Marcus Sorg, "sie hat versucht, die Menschen zu begeistern". Das machte der Gegner nicht besonders schwer, die Esten werden die Letzten sein in der deutschen EM-Qualifikationsgruppe - doch Marcus Sorg glaubt, spezielle Qualitäten in der DFB-Mannschaft zu entdecken: "Sie hält unfassbar zusammen, sie kann auch Widerstände überwinden." Beweisen müssen hat sie das aber erst einmal, beim 3:2-Sieg im März in den Niederlanden zum Auftakt der EM-2020-Qualifikation. Ohne diesen Sieg hätte sie nicht neun Punkte nach drei Spielen und wäre gegenüber Überraschungs-Tabellenführer Nordirland (vier Spiele, vier Siege) schon im Hintertreffen.

Wegen der holländischen Beteiligung am Finalturnier der Nations League ist die deutsche Quali-Gruppe ein wenig krumm (die Teams haben zwei bis vier Spiele), Sorg sagt: "Das ist sicher unglücklich. Vor allem für die Niederländer, die hinterherhinken." Weiter geht es für Deutschland im September eben gegen die guten Teams Nordirland und Holland - dann wieder unter der Leitung von Joachim Löw, der während der zehn Lehrgangstage in Venlo, Aachen, Minsk, Borissow und Mainz nach seinem Sportunfall krankgeschrieben war. "Er ist derjenige, der vorangeht, er hat gefehlt", sagt Marcus Sorg loyal.

Sorg hat selbst einen kleinen Akzent gesetzt, indem er den Leverkusener Kai Havertz, der von den Berufskollegen in der Bundesliga in einer Umfrage als ihr bester Spieler überhaupt genannt wurde, keine Minute einsetzte in den beiden Qualifikationsspielen. Dabei wäre die Estland-Partie auf den 20. Geburtstag des Ausnahmetalents gefallen. Sorg blieb aber bei seiner Linie, sich niemanden in die Mannschaft hineinschreiben und hineinschreien zu lassen: "Kai ist noch so jung. Man muss nicht gleich alles auf einmal haben."

Sorg mag die Aufgeregtheiten der Branche nicht. Er wehrt sich auch dagegen, dass man ihn in eine Position schiebt, in der er wirken könnte wie eine Alternative zu Joachim Löw. Trotz seiner Bilanz von zwei Spielen mit zwei Siegen und 10:0 Toren werde er gewiss nicht als erfolgreichster Bundestrainer aller Zeiten Eingang finden in die Geschichtsbücher, denn: "Ich bin gar kein Bundestrainer." Sorg ist ein Back-up. Als Trainer. So wie Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg als Spieler. Günter Klein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare