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Wie ein Spielertrainer

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Von: Redaktion

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Ein Wortführer im Nationalteam ist Thomas Müller. Er sagt: »Ich versuche, sachdienliche Informationen auf dem Platz weiterzugeben.« © Imago Sportfotodienst GmbH

Thomas Müller verpasste das Bundestrainerdebüt von Hansi Flick verletzt und wurde damals gar nicht so sehr vermisst - jetzt ist er zurück im Kreis der besten deutschen Fußballer. Und wie.

Draußen vor den Toren von Hamburg hat der DFB den Trainingsplatz der Nationalmannschaft mit Sichtschutzplanen umbaut. Aber für die Profis des Hamburger SV und deren Trainer Tim Walter wird natürlich eine Ausnahme gemacht. Nach der Übungseinheit auf dem Nachbarplatz schleichen sich die Zweitligaspieler noch geschlossen an den Spielfeldrand der Elitekicker. Und können dabei beeindruckt beobachten, wie Thomas Müller sich während einer Trinkpause einen Ball schnappt und das Spielgerät aus gewiss 25 Metern aus ganz spitzem Winkel exakt in ein nur ein Meter breites Minitor schlenzt. Was der 32-Jährige umgehend nach Art des Hauses Müller bejubelt.

Unübersehbar und unüberhörbar ist: Müller ist zurück im Kreis der Nationalmannschaft, die am Freitagabend (20.45 Uhr/RTL) im Volksparkstadion in der WM-Qualifikation auf Rumänien trifft. Beim Bundestrainerdebüt von Hansi Flick vor einem Monat gegen Liechtenstein (2:0), Armenien (6:0) und Island (4:0) hatte die Führungskraft wegen Adduktorenbeschwerden gefehlt, genau wie sein Kumpel Mats Hummels.

Wenn man ehrlich ist, hat sich das in beiden prominenten Fällen nicht als sonderlich großes Problem dargestellt. Beide galten für die EM als Heilsbringer, konnten die hohen Erwartungen (auch an sich selbst) aber nicht erfüllen. Müllers Fehlschuss beim Achtelfinal-Aus im Wembleystadion gegen England kurz vor Schluss beim Stand von 0:1 ist Legende, ein paar unruhige Nächte folgten.

Pikante Aufgabe für Hansi Flick

Ohne Müller und Hummels hat das DFB-Team unter Flick nun einen veritablen Restart hingekriegt. In der Abwehr verteidigten Antonio Rüdiger und Niklas Süle zentral so gut, dass Hummels nach drei Zu-null-Spielen nicht vermisst wurde. Vorne vertraten Kai Havertz, Marco Reus und Ilkay Gündogan den verletzten Müller auf der Zehnerposition adäquat. Aber es war klar, dass der 106-fache Nationalspieler zurückkehren würde, Flick hat nie Zweifel daran gelassen, Flick war es ja auch, der Müller seinerzeit beim FC Bayern wieder den Raum und die Spielzeit ließ, um seine bemerkenswerten Stärken auszuspielen. Und doch könnte die Rolle jetzt eine andere werden.

Bei der Rückkehr im Sommer zur EM war klar, dass Müller sofort zum Stamm gehören würde. Ergo war er bei allen vier EM-Spielen dabei, schaffte es aber in einer nicht gut austarierten Mannschaft nicht, auch nur annähernd an seiner Leistungsgrenze heranzukommen. Jetzt ist er gesund zurück, aber auch Reus und Havertz sind in Abwesenheit des angeschlagenen Gündogan in Hamburg vor Ort und wollen spielen. Eine pikante Aufgabe für Flick, der zudem angekündigt hat, dass er im Zweifel auf die Jugend setzen will.

Müller gibt sich als Reaktion auf diese Form der Altersdiskriminierung diplomatisch, er hat sie gemeinsam mit Hummels und Jérôme Boateng in der Ära Löw zwischen März 2019 und Mai 2021 ja schon viel eklatanter erlebt. Jetzt sagt er zu Recht: »Es gibt nicht gleich gut, es gibt unterschiedliche Profile.« Die Spieler seien dazu da, »dass wir der Route des Trainers folgen, und dabei meine ich Route mit ›ou‹«. Typisch Müller. Schafft es, allen Themen noch eine witzige Note zu geben. Aber es stimmt natürlich, dass sein individuelles Profil nicht per »copy and paste« reproduzierbar ist. Es ist zu einmalig. Havertz und Reus haben bei Weitem nicht so viel Mitteilungsbedürfnis auf und neben dem Platz wie Müller. Als Löw ihn und Hummels seinerzeit aussortierte, war die geplante (und gescheiterte) Entwicklung einer neuen Hierarchie ja die zentrale Idee hinter der viel kritisierten Maßnahme.

Es darf ruhig ruppig werden

Am Dienstag wurde Müller in der Pressekonferenz gefragt, ob er - wie bei den Bayern unter Flick und Nagelsmann - auch im DFB-Team eine Art Co-Trainer sei? Er könne mit dieser Begrifflichkeit »nicht so viel anfangen«, entgegnete er zwar, beschrieb aber dann alle Zutaten für genau diese Rolle. »Die meiste Zeit ist ein Fußballspieler nicht am Ball. Da gilt es dann, mit Kommandos zu arbeiten. Ich versuche, sachdienliche Informationen auf dem Platz weiterzugeben und dabei nicht allzu belehrend zu wirken.« Und er erwarte, dass etwas zurückkommt: »Ich habe das Gefühl, dass ich meine Mitspieler damit anstecken kann. Und dann muss man mich nicht mit Vor- und Zunamen ansprechen, da kann es auch etwas ruppiger zugehen.«

Müller denkt wie ein Trainer, er spricht wie ein Trainer, er coacht seine Kollegen wie ein Trainer, und es wäre wenig überraschend, sollte er eines Tages auch ein Trainer werden. Der Deutsche Fußball-Bund hat ja gerade eine Offensive gestartet, verdiente und kluge Ex-Nationalspieler genau dahin zu bringen.

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