Julia Stepanowa ist mit ihrem Ehemann untergetaucht, fürchtet um ihr Leben. FOTO: DPA
+
Julia Stepanowa ist mit ihrem Ehemann untergetaucht, fürchtet um ihr Leben. FOTO: DPA

"Wenn sie uns in Russland töten…"

  • vonSID
    schließen

Julia Stepanowa und Witali Stepanow halfen bei der Aufdeckung des russischen Dopingskandals. Während vor dem CAS über das sportliche Schicksal ihrer Heimat verhandelt wird, lebt das Ehepaar weiter im Verborgenen.

Beide Orte sind geheim. Der eine Ort liegt irgendwo in Lausanne, der andere irgendwo in den USA. Mehr darf nicht verraten werden. Zu viel steht auf dem Spiel. Zum einen: Das Schicksal des internationalen Anti-Doping-Kampfes. Zum anderen: Die Sicherheit einer kleinen Familie.

Während in Lausanne der Sportgerichtshof CAS über den russischen Einspruch gegen die Vierjahressperre der einstigen Sportgroßmacht verhandelt, ist das Ehepaar, das alles ins Rollen gebracht hat, noch immer untergetaucht. Julia Stepanowa und Witali Stepanow leben mit ihrem Sohn in Angst, weit weg von der Heimat, längst desillusioniert. Wird sich ihr Risiko irgendwann auszahlen?

"Wir glauben nicht, dass sich etwas geändert hat", sagt Stepanow dem "Evening Standard": "Die Anti-Doping-Bewegung hat weiterhin große Probleme in fast allen Ländern dieser Welt." Ernüchtert klingt auch seine Ehefrau, die ehemalige 800-Meter-Läuferin, die in der ARD-Doku "Geheimsache Doping" die Ermittler auf die Spur des größten Dopingskandals der vergangenen Jahre brachte.

"Betrug liegt in der russischen Mentalität", sagt Stepanowa. Sie selbst ist "froh, die Wahrheit zu sagen. Ich muss die ganzen Lügen nicht mehr mit mir herumtragen." Wie eine Heldin fühle sie sich aber nicht. Wie auch? Helden werden gefeiert. Die Stepanowas müssen sich verstecken, zurück in die alte Heimat können sie nicht.

"Wenn sie uns hier in Amerika töten, wird alles unabhängig untersucht, und die ganze Welt erfährt die Wahrheit", sagt Stepanowa: "Wenn sie uns in Russland töten, werden die Russen es untersuchen und behaupten, es sei ein Unfall."

Das Versteck in den USA bietet zwar Schutz, eine neue Heimat ist es jedoch nicht. "Wir hoffen, dass wir diesen Ort irgendwann Zuhause nennen können, aber derzeit ist er nur der Ort, an dem wir uns aufhalten. Im Grunde haben wir gar keine Dokumente, die es uns erlauben, dauerhaft hierzubleiben", sagt Stepanow, der frühere Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur. Die RUSADA ist es, um die sich der Prozess an dem geheimen Ort am Genfersee dreht, zumindest formell. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat ihr Mitglied suspendiert, weil massenhaft Daten manipuliert wurden. Russische Athletinnen und Athleten sind für Weltereignisse wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften gesperrt, zumindest im Trikot mit den Farben Weiß-Blau-Rot.

Es begann am 3. Dezember 2014, zehn Monate nach den Winterspielen in Sotschi, bei denen sich Präsident Wladimir Putin im Glanz seiner Sportler sonnte. Die Stepanows verrieten der ARD, "wie Russland seine Sieger macht", so lautete auch der Untertitel der Dokumentation, die weltweit für Aufsehen sorgte.

Über Umwege, Untersuchungskommissionen und weitere Whistleblower kam das Ausmaß des staatlich orchestrierten Dopingsystems ans Licht. Es war ein "beispielloser Angriff auf die Integrität der Olympischen Bewegung und des Sports", wie IOC-Präsident Thomas Bach betonte. Die letzte Konsequenz folgte im Dezember 2019, doch die Vierjahressperre steht infrage.

So wird diese Woche nicht nur für den Kanadier Richard Pound, einst Chef der WADA und mittlerweile dienstältestes Mitglied im IOC, zur Woche der Wahrheit. "Entweder, wir bekommen das richtig hin, oder es wird das Signal ausgesendet, dass zu viele Menschen oder Organisationen nicht wollen, dass der Kampf gegen Doping erfolgreich ist", sagt er im Interview mit der ARD-Dopingredaktion.

Alles andere als die Bestätigung der Vierjahressperre gegen Russland würde laut Pound "eine schreckliche Botschaft aussenden". Die würde auch Julia Stepanowa und Witali Stepanow in ihrem Versteck auf der anderen Seite des Atlantiks erreichen. Ihr Risiko wäre vergebens gewesen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare