Der Wahnsinn in der Nachspielzeit

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In einem denkwürdigen Spiel setzt sich die Eintracht aus Frankfurt mit 2:1 beim FC Schalke 04 durch. Ein Handelfmeter nach Videobeweis in der Nachspielzeit bringt die Entscheidung. Nicht nur Hasebe empfindet dies "einfach als Wahnsinn".

Fredi Bobic hat den allerletzten Schuss ins Glück nicht von der Haupttribüne aus gesehen. Der Sportvorstand von Eintracht Frankfurt war längst schon in die Katakomben der Schalke-Arena geeilt und schaute gemeinsam mit Medienchef Jan Martin Strasheim auf die Monitore im Kabinengang. Und der Mann verzog keine Miene, als der Ball dann ins Netz zischte, keine Regung, kein Jubel, keine geballte Faust. Vermutlich freute sich der Frankfurter Chef nach innen. Die meisten anderen aus der hessischen Entourage fielen sich gegenseitig in die Arme, schrien ihr Glück heraus, führten wahre Veitstänze auf. "Einfach Wahnsinn", brachte Frankfurts Bester, Makoto Hasebe, die Empfindung auf den Punkt.

Wenn je der Begriff vom Sieg in letzter Sekunde eine Berechtigung hatte, dann war es diese Szene am Ende einer über weite Strecken zähen bis unattraktiven Partie auf Schalke. Dieses Fußballspiel schnurrte auf eine einzige finale Aktion zusammen, hop oder top, auf einen Elfmeter, jener ultimative Showdown, jenes Duell Mann gegen Mann, nicht um zwölf Uhr mittags in Dodge City, sondern um 17.28 Uhr in Gelsenkirchen-Buer. Und dieser Zweikampf aus elf Metern bezog seine Faszination und seine ganz besondere Bedeutung aus der Tatsache heraus, dass er definitiv der allerletzte dieser Partie war.

Als der Ball dann endlich freigegeben war, nach schier endlosen Diskussionen, Geschubse und Geschacher, Beratungen und Erklärungen, als Schiedsrichter Sascha Stegemann nach intensivem Studium der Videobilder auf diesen Handelfmeter entschieden hatte, lief bereits die 95. Minute. Stein des Anstoßes war ein Schuss von Filip Kostic, den der Schalker Daniel Caligiuri mit dem Arm blockte. Vier Minuten später war der Ball im Tor, so spät war noch nie ein Elfmeter verwandelt worden. "So einen Sieg habe ich noch nie erlebt", sollte Eintracht-Trainer Adi Hütter sagen.

In der 99. Minute also legte sich Stürmer Luka Jovic den Ball auf den Punkt, drei, vier Schritte Anlauf, und dann knallte der 21-Jährige den Ball mit Dampf unter die Latte, so als schieße er im Training aus Spaß noch ein bisschen aufs Tor. Eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken. Schalkes formidabler Torhüter Alexander Nübel blieb chancenlos. 2:1 – die Partie war zu Ende, und Eintracht Frankfurt hatte sich, nicht unverdient, drei Punkte ergattert, dreckig nennt man das.

"Man muss von einem glücklichen Sieg sprechen, wenn man mit der allerletzten Aktion ein Spiel gewinnt", sagte Hütter, der mit dem Gegner mitfühlen konnte. "Für Schalke tut es mir Leid." Die Eintracht, die damit auch im 15. Pflichtspiel in diesem Jahr ungeschlagen blieb, hat gleich zwei Vereinsrekorde aufgestellt: Noch nie hatte eine Frankfurter Mannschaft nach 28 Spieltagen 52 Punkte auf dem Konto, noch nie in der Vereinsgeschichte hatte der Klub sechs Spiele in der Bundesliga hintereinander gewonnen. "Wir haben Geschichte geschrieben", sagte Kapitän David Abraham, erstmals seit langer Zeit wieder dabei. Der vierte Platz, der zur Teilnahme an der Champions League berechtigt, ist untermauert – die Königsklasse, das ist, sechs Spieltag vor Schluss, das neue Ziel der Hessen.

Dass Luka Jovic den Strafstoß schießen würde, war klar, der etatmäßige Schütze Sebastien Haller fehlte wegen einer Bauchmuskelzerrung. Auf die Frage, ob er sich sicher gewesen sei, den Elfmeter zu verwandeln, antworte der Torjäger gar auf deutsch: "Ja." Ob in der fünften Minute oder der 99., das sei ihm egal. Freilich haben nicht alle zusehen wollen. "Ich habe mich weggedreht. Aber ich habe gehört, dass er das Netz fast kaputt geschossen hat", sagte Torhüter Kevin Trapp, der zudem anfügte, eine Begegnung "so zu gewinnen" sei "fast schöner" als ein 3:0 oder gar 4:0. Ohnehin empfindet er den Höhenflug der Eintracht momentan als "unfassbar", das komme ihm vor "wie ein Traum".

Allerdings spielten die Hessen über weite Strecke der Partie nicht besonders gut, "das war kein Champions-League-Niveau", krittelte Hasebe. Vieles war Trainer Hütter ungut aufgestoßen, er bemängelte leichte Ballverluste, schleppendes Aufbauspiel, sah "wenig Zusammenhängendes". Dabei hatte die Eintracht überragend begonnen, "die ersten 20 Minuten waren wir top", lobte Hütter. Die Gäste hatten die Partie klar im Griff, ließen die Schalker nicht zur Entfaltung kommen und waren nach 13 Minuten durch Ante Rebic verdient in Führung gegangen.

Doch dieses Level konnten die Frankfurter nicht halten, nach dem 1:1 durch Suat Serdar (21.) "war der Wurm drin", wie Danny da Costa fand. In dieser Phase habe der Mannschaft "die letzte Konsequenz gefehlt, gegen einen angeknockten Gegner das zweite Tor zu erzielen", fand Hütter.

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