Interimsteamchef Rudi Völler (l.) stellt vor 20 Jahren Christoph Daum als zukünftigen Bundestrainer vor - allerdings wird der damals 46-Jährige diesen Job nie antreten. FOTO: DPA
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Interimsteamchef Rudi Völler (l.) stellt vor 20 Jahren Christoph Daum als zukünftigen Bundestrainer vor - allerdings wird der damals 46-Jährige diesen Job nie antreten. FOTO: DPA

"Um-ein-Haar-Bundestrainer"

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(sid). Die Erinnerungen an jenen 21. Oktober 2000 lassen Christoph Daum bis heute nicht kalt. "Als man mir dieses Ergebnis präsentierte, habe ich gedacht: ›Dieses Analyse-Ergebnis ist nicht auf mich zutreffend, das kann nicht sein. Haltet die Sache zurück, dann machen wir eben eine zweite Analyse‹", erinnerte sich der heute 66-Jährige im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID). Er habe "alles Mögliche versucht, um diese Haarprobe zurückzuhalten", betonte Daum - vergeblich.

Seinen erfolgreichen Trainerjob bei Bayer Leverkusen ist er damals sofort los, schlimmer noch: Alle Pläne des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), den damals 46-Jährigen zum Chefcoach zu befördern, sind ebenfalls Geschichte. Daums "Träume" zerplatzen an diesem Samstag in Sekunden, vom einen auf den anderen Moment avanciert er zum "Um-ein-Haar-Bundestrainer".

"Das war eine extreme Drucksituation. Bis heute stelle ich mir manchmal die Frage, wie ich das verarbeitet und überstanden habe", sagte Daum, der zunächst Zuflucht in den USA suchte, um "zwei bis drei Wochen später" eine zweite Haarprobe in Florida analysieren zu lassen. Diese sei "absolut negativ" gewesen, "wurde aber überhaupt nicht mehr berücksichtigt", berichtete Daum. Zu diesem Zeitpunkt sei seine Verurteilung "schon vonstatten gegangen", wie der gebürtige Zwickauer beklagt.

So blieb Daum nur der juristische Weg, um gegen die seiner Ansicht nach "abenteuerlichen Sachen", die aus der Haarprobe "konstruiert" worden seien, vorzugehen, um die "skandalöse Anklage" zu entkräften. Er bekam Recht. Sein Ruf? Trotzdem schwer beschädigt.

Losgetreten worden war die "Kokain-Affäre" von Uli Hoeneß, der in einem Interview mit der "Abendzeitung" vom "verschnupften Daum" gesprochen hatte und den Stein dadurch ins Rollen brachte. Daum erklärte sich nach immensem Druck zu einer Haarprobe bereit und begründete dies mit den legendären Worten: "Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe".

20 Jahre später sind die Wogen zwischen den verbitterten "Lieblingsfeinden", wie Daum die Beziehung zu Hoeneß in seiner in der vergangenen Woche veröffentlichten Autobiografie "Immer am Limit" beschreibt, geglättet. Dank eines unerwarteten Anrufs von Hoeneß vor fünf Jahren.

"Das war ein unglaublich beeindruckender Moment", sagt Daum und atmet tief durch: "Ich sah Michael Reschke auf dem Display, ging ran und sagte: ›Hey, Münchner Baumeister! Wie geht’s? Was machst du?‹ Und auf einmal hörst du dann: ›Nene, hier ist Uli Hoeneß‹". Daraufhin habe er das Handy erstmal hingelegt und sich umgeschaut, und nach versteckten Kameras Ausschau gehalten. Tatsächlich war Uli Hoeneß’ Anruf jedoch das genaue Gegenteil eines Scherzanrufes.

"Nach ein paar Sätzen habe ich dann erkannt, dass es wirklich Uli Hoeneß war. Und dann haben wir ein sehr schönes Gespräch gehabt, in dem ich eine einfühlsame Seite von Uli Hoeneß kennengelernt habe, die mir vorher gar nicht bewusst präsent war", berichtete Daum. Beide hätten in dem Telefonat festgestellt, dass es sich lohne "Brücken zu bauen", und dass es sinnvoller sei, "miteinander statt übereinander" zu sprechen.

Und so wollen Hoeneß und Daum einige Dinge noch einmal in einem persönlichen Gespräch aufarbeiten. "Dann werde ich auch gerne nach München oder an den Tegernsee kommen, um das Gespräch dort fortzusetzen", sagte Daum sichtlich berührt.

"Es hat mich unheimlich gefreut, dass der Uli angerufen hat. Jetzt werde ich den nächsten Anruf machen und mich auf ihn wieder zubewegen", verspricht Daum. Jener denkwürdige 21. Oktober 2000 wird dann sicherlich auch wieder Thema sein.

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