Vor dem WM-Eröffnungsspiel werden Teile der Spielstätte desinfiziert. FOTO: AFP
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Vor dem WM-Eröffnungsspiel werden Teile der Spielstätte desinfiziert. FOTO: AFP

Trügerische Idylle

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Die deutschen Handballer bereiten sich mit Blick auf die Pyramiden von Gizeh auf das erste Kapitel ihres WM-Abenteuers vor. Kurz vor dem ersten Spiel gegen Uruguay ist Corona aber allgegenwärtig.

Uwe Gensheimer und Johannes Bitter nippten entspannt an ihrem Kaffee, Silvio Heinevetter posierte vor den beeindruckenden Pyramiden von Gizeh: Die deutschen Handballer genossen die ersten Stunden in ihrem Luxus-Tempel in Ägypten. Doch die Idylle im Fünf-Sterne-Hotel am Fuße des Weltwunders war trügerisch, vor dem Turnierstart gegen Uruguay am Freitag (18.00 Uhr/ARD) beherrschte das Corona-Chaos bei anderen Teams die Schlagzeilen.

"Ganz ausblenden kann man es nie, es ist schon sehr, sehr präsent", sagte 2016-Europameister Kai Häfner am Mittwoch. Sobald das Team aber in der Halle stehe, könne "man sich wieder auf Handball konzentrieren".

Immer wieder kreisten dabei die Gedanken auch um den deutschen Vorrundengegner Kap Verde. Die diffusen Meldungen von sieben Coronafällen beim afrikanischen Inselstaat sorgen im Team von Bundestrainer Alfred Gislason für Unbehagen. Zumal mit Tschechien und den USA zwei Teams bereits unmittelbar vor Turnierstart ihre Teilnahme coronabedingt absagen mussten. Auch Brasilien meldete positive Befunde.

"Es übertrifft unsere Befürchtungen, dass wir innerhalb von acht Stunden die Hiobsbotschaften aus Tschechien und den USA bekommen", sagte DHB-Sportvorstand Axel Kromer: "Auch die Einzelfälle in anderen Nationen spielen uns nicht in die Karten - vor allem mit Blick auf diejenigen, die hier alles enorm kritisch betrachten."

Welche Auswirkungen die Fälle bei Turnierneuling Kap Verde haben, war selbst dem DHB am Tag nach seiner Ankunft ein Rätsel. Aus der Presse habe man die Informationen erhalten, der Weltverband IHF informierte das Team lediglich über die beiden Absagen sowie die Nachrücker Nordmazedonien und Schweiz. Deutschland trifft am Sonntag auf den krassen Außenseiter. "Wir hoffen, dass die vielen Hiobsbotschaften aus allen Ecken der Handball-Welt ein Ende nehmen", sagte Kromer. Gemeinsam mit Teammanager Oliver Roggisch hält er die Corona-Thematik möglichst vom Team fern, gleichwohl man natürlich "darüber spricht", wie Sebastian Firnhaber berichtete.

Der Fokus liegt auf den beeinflussbaren Sicherheitsfaktoren. So erkannte der DHB beispielsweise in seinem Luxushotel, in dem das DHB-Team seit Dienstagnachmittag im Erdgeschoss mit prächtigem Blick auf die Pyramiden logiert, "Verbesserungspotenzial". Sieben weitere Nationen sind ebenfalls im "Mena House" untergebracht.

Kromer berichtete, dass "nicht alle Restaurants" zugänglich seien: "Wir wollen mit Nachdruck erreichen, dass weitere Räumlichkeiten geöffnet werden, um das Risiko in diesem Bereich weiter zu minimieren." Zudem nehme es manch einer vom Hotel-Personal beim Tragen der Maske nicht so genau, da hänge der Mund-Nasen-Schutz schon einmal am Kinn. Der DHB selbst habe die Spieler daher mit FFP2-Masken "zugeschüttet", sagte Kromer.

Sander Sagosen, mit Norwegen im selben Hotel untergebracht, bewertete die Situation vor Ort weitaus kritischer. "Ich weiß nicht, ob man das überhaupt eine Blase nennen kann", sagte der 25-Jährige vom THW Kiel: "Alles bis jetzt war es ein großer Witz." In den ersten Stunden in Gizeh habe er sich an den "Wilden Westen" erinnert gefühlt, sagte Sagosen. Seine Mannschaft befinde sich in einem "Schockzustand".

Das deutsche Team hingegen hielt am ersten Morgen gleich ein kleines Kaffeekränzchen auf der Terrasse ab, ehe es zum ersten Training in die Hassan-Moustafa-Halle ging. Die generellen Eindrücke der Unterkunft waren positiv. Die Zimmer seien groß, die Anlage "ein Traum", sagte Kromer. Und Firnhaber sagte: "Es gibt keinen Wunsch, der offen bleibt."

In den verbleibenden Stunden bis zum ersten Spiel will das deutsche Team noch enger zusammenwachsen. Mehrere Dartscheiben und Gesellschaftsspiele waren im Gepäck, schon vor der Abreise beschwor Torhüter Andreas Wolff den Geist von Gizeh. Dort will das DHB-Team den Grundstein für ein ähnliches Märchen wie 2016 legen, als es ersatzgeschwächt und daher sensationell den EM-Titel holte. "Die Situation ist vergleichbar", sagte Wolff: "Es wird auf den Geist ankommen, den die Mannschaft entwickelt." Und auch die angespannte Corona-Situation darf das deutsche Team nicht ausbremsen.

Ägypten siegt 35:29

Gastgeber Ägypten hat im WM-Eröffnungsspiel einen 35:29 (18:11)-Sieg gegen Chile erzielt. Die Nordafrikaner beherrschten am Mittwoch vor leeren Rängen in Kairo von Beginn an die Partie, die von den deutschen Schiedsrichtern Robert Schulze und Tobias Tönnies problemlos geleitet wurde.

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