Erst mal zu Fuß: Sebastian Vettel (2. v. l.) mit seinem Team bei der Streckenbesichtigung in Spielberg. FOTO: AFP
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Erst mal zu Fuß: Sebastian Vettel (2. v. l.) mit seinem Team bei der Streckenbesichtigung in Spielberg. FOTO: AFP

Trotziger Vettel

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Die verkürzte Corona- Saison könnte Sebastian Vettels letzte in der Formel 1 sein, seine Zeit bei Ferrari läuft ab - dem viermaligen Weltmeister droht ein unwürdiges Karriere-Ende.

Sebastian Vettels Gesicht war gut versteckt hinter der roten Maske, aber die Augen lachten. Diese Frage hatte er kommen sehen. Wird der Deutsche auf seiner AbschiedsTour bei Ferrari nur noch für sich fahren? Mit harten Bandagen auch gegen den jungen Teamrivalen Charles Leclerc? "So sehr du den eigenen Erfolg willst", sagte Vettel also, "am Ende arbeitest du für ein Team. Das ist auch in diesem Jahr nicht anders. Gleichzeitig fährt man aber für sich selbst. Ich werde Charles sicher nicht vorbeiwinken oder ihm das Leben leichter machen."

Am Sonntag (15.10 Uhr/RTL und Sky) startet die For- mel 1 in Spielberg ihre verkürzte Corona-Saison, nur noch gut fünf Monate bleiben Vettel bei der Scuderia. Und er hat kein Interesse daran, in den letzten Monaten in Rot zur Lame Duck zu werden, zu Leclercs Edelhelfer. Denn für den Heppenheimer geht es mindestens um den bleibenden Eindruck, den er nach teilweise frustrierenden Jahren in Maranello hinterlässt - und vielleicht ja sogar um einen würdevollen Abschied aus der Formel 1. Ob Vettel 2021 weitermacht, ist fraglich.

Es wird aber ein schwieriges Jahr angesichts eines hochtalentierten Stallrivalen, der spätestens jetzt vom Team wohl bevorzugt wird, auch ist der Ferrari SF1000 vermutlich nicht das schnellste Auto im Feld. Allerdings hat der Rennfahrer Sebastian Vettel in 13 Jahren Königsklasse viele Charaktereigenschaften offenbart, und eine ziemlich ausgeprägte könnte ihm nun ganz besonders helfen: Trotz. Zumal er sich über die Ausmusterung bei Ferrari ärgert. Der Anruf von Teamchef Mattia Binotto mit der Entscheidung, den auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern, sei für ihn überraschend gekommen. "Wir hatten nie eine Diskussion. Es lag nie ein Angebot auf dem Tisch", sagte Vettel gestern. Noch im Mai bei der Verkündung seines Abschieds hatten Ferrari und Vettel von einer gemeinsamen Entscheidung gesprochen. Dieser Darstellung widersprach Vettel nun.

Der langjährige Formel-1-Boss Bernie Ecclestone glaubt, dass der Deutsche bis zum Saisonende im Dezember noch genau ein großes Ziel hat: "Schneller sein als Le-clerc." Und auch der frühere Formel-1-Pilot Martin Brundle, heute TV-Experte, frohlockt bei dem Gedanken an einen entfesselten Vettel. "Ganz ehrlich", sagt der Engländer, "ich denke, er wird fliegen. Er wird kein Interesse an Teamanweisungen haben, er wird für sich selbst fahren, kein Zweifel. Er wird stark sein, das wird faszinierend. Er hat ja seine Geschwindigkeit nicht verloren."

Es geht schließlich nicht bloß darum, sich mit starken Leistungen zu verabschieden. Es geht für Vettel durchaus auch um seinen Ruf. Nach vier WM-Titeln mit Red Bull (2010 bis 2013) galt er als einer der besten Formel-1-Fahrer überhaupt, mittlerweile mehren sich die Stimmen, dass er damals schlicht ein sehr starkes Auto hatte.

Den Vergleich mit Lewis Hamilton ziehen ohnehin nur noch die wenigsten. Der Weltmeister im Mercedes ist mit nun sechs Titeln in anderen Sphären unterwegs, in diesem Winter kann er mit Rekordchampion Michael Schumacher gleichziehen. Als Ausnahmefahrer seiner Generation gilt zweifellos Hamilton.

Nun wird Vettel kaum seine Karriere ausdehnen, um in einem Mittelfeldteam den Branchengrößen weit hinterherzufahren. Die einzig attraktive Lösung wirkt auch wie die einzige, für die Vettel schwach werden könnte: Eine Chance im Mercedes, dem seit Jahren besten Auto. Um auch den Vergleich mit Hamilton zumindest ein wenig geradezurücken. Allerdings ist die erste Option für Silber wohl die seit Jahren funktionierende mit Hamilton und Valtteri Bottas.

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