Fehleinschätzungen

Trainerin hat nicht ihren besten Tag erwischt

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Erst vor wenigen Tagen hatte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ihren Spielerinnen noch geraten, doch an dem freien Tag in Rennes mal wieder den Kulturbeutel aufzufüllen. Dem Hinweis lag der Glauben zugrunde, dass die deutsche Frauen-Nationalmannschaft noch eine weitere WM-Woche in Lyon verbringen würde. Und da kann ein bisschen Puder und Schminke nicht schaden, um die Strapazen in den Gesichtern zu kaschieren. Es ist anders gekommen.

Voss-Tecklenburg hat danach in Rennes zum ersten Mal maskenhaft gewirkt. Was fehlte, war die selbstkritische Reflexion der Cheftrainerin. Zwar hatten sich ihre Prognosen für ihr erstes WM-Viertelfinale auf der Trainerbank bewahrheitet: "Wer weniger Fehler macht, wer es mehr erzwingt, wird gewinnen." Aber am Ende waren es die Schwedinnen, die genau mit jenen Umschaltmomenten die Wende erzwangen, vor der sie gewarnt hatte. Wie konnte das passieren? Weil auch die 51-Jährige nicht ihren besten Tag erwischt hatte. Weder fruchteten die Umstellungen vor dem Spiel noch brachten die Wechsel im Spiel etwas ein.

Entscheidungen über die Ausrichtung und Aufstellung bespricht Voss-Tecklenburg gemeinsam mit ihren Assistenten Patrik Grolimund, Britta Carlson und Thomas Nörenberg. In taktischen Fragen spielt ihr Weggefährte aus der Schweiz, der Basler Grolimund, eine wichtige Rolle. Der 38-Jährige hat auf Laufwerte und Laufwege, Sprintgeschwindigkeiten und Tempoläufe ein Auge. Ihn hatten zuletzt die 31,3 Stundenkilometer beeindruckt, mit denen Lea Schüller gegen Nigeria gesprintet war. Gegen Schweden stand die 21-Jährige prompt von Anfang an im Sturmzentrum anstelle von Alexandra Popp. Aber weder ist das Talent körperlich so gefestigt noch charakterlich so robust, um eine von der ausgebufften Nilla Fischer organisierte gegnerische Abwehr mit allen Mitteln zu beschäftigen, wie es die deutsche Kapitänin in allen vier WM-Spielen zuvor getan hatte.

Die nach zwei WM-Toren vor Selbstbewusstsein strotzende 28-Jährige begann genau wie oft beim VfL Wolfsburg im defensiven Mittelfeld anstelle der offenbar in Ungnade gefallenen Melanie Leupolz. Der erste Trugschluss. Der zweite Irrglaube sollte das Vertrauen in Linda Dallmann (erste Halbzeit) und Leonie Maier (zweite Halbzeit) sein. Dass beide nie in diese schwierige Partie fanden, verwunderte kaum, weil beide bei diesem Turnier bis dahin Randfiguren waren. Der dritte Fehleinschätzung führte zu jener Spielerin, um die sich im Vorlauf viel zu viel gedreht hatte: Die Hereinnahme von Dzsenifer Marozsan zur Halbzeit half genauso viel wie ein Kübel Wasser, der auf dem Marktplatz voller schwitzender Menschen zur Abkühlung vergossen wird.

Ein vierter Aspekt bedarf einer Erörterung, denn es erwies sich als Irrglaube, dass Marina Hegering (29) und Sara Doorsoun (27) in kürzester Zeit zu einer Innenverteidigung von internationaler Klasse zusammenwachsen würden. Hegerings Fehleinschätzung beim 1:1 war der Anfang vom Ende. Und Doorsoun macht mit ihrer mangelhaften Spieleröffnung vieles kaputt, was sie sich mit ihrer Schnelligkeit aufbaut. Voss-Tecklenburg weiß selbst aus 125 Länderspielen, dass Deutschlands Frauen nur dann zu Ehren kamen, wenn vor einer überragenden Torhüterin noch eine Abwehr stand, die sich keine entscheidenden Fehler leistete. Die letzten Titel bei der EM 2013 und Olympia 2016 haben in der Abwehrzentrale Annike Krahn und Saskia Bartusiak abgesichert. Hegering und Doorsoun werden nicht ihre Erben sein. (hel)

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