Dem Titel einen Schritt näher

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Der "Kaiser" rügt ein "erfolgsverwöhntes" Bayern-Emsemble, dem der Titelrivale den Roten Teppich zur nächsten Meisterschaft ausrollt. Gegen Hannover bebt das Stadion, als zwei Große die Bühne betreten.

Arjen Robben mochte sich die Glücksgefühle nach dem so lang ersehnten Kurz-Comeback auch nicht von Franz Beckenbauers kaiserlicher Kritik am "erfolgsverwöhnten" Bayern-Ensemble verderben lassen. "Ich habe im Moment nicht so viel Bock, darauf zu reagieren", sagte der 35 Jahre alte Niederländer abwinkend. Jeder dürfe seine Meinung haben. "Ich bin jetzt überglücklich über das, was ich heute erlebt habe. Ich bin sehr glücklich, dass wir gewonnen haben, das ist das Wichtigste", sagte Robben nach dem 3:1 (2:0) gegen Hannover 96.

Ehrenpräsident Beckenbauer, den mit inzwischen 73 Jahren nur noch "am Rande interessiert", was bei seinem Verein passiere, rügte anlässlich der Ehrung der ersten Münchner Double-Gewinner von vor 50 Jahren am Samstag die Double-Anwärter von 2019 mit der ihm eigenen Wortwahl: "Wenn ich die Spiele in der Champions League und der Europa League sehe, wie da gefightet wird, da meine ich bei Bayern manchmal, die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft zu sehen."

Neu ist dieser Begriff nicht. Mit dem Zusatz "Altherrenfußball" garniert, hatte Beckenbauer einst jenes Team um Oliver Kahn und Stefan Effenberg nach einem 0:3 in Lyon abgewatscht, das 2001 nur wenig später die Champions League gewann. "Man hat schon bessere Spielzeiten gehabt", räumte Kapitän Thomas Müller ein, verwies aber zugleich auf die Aufholjagd im aktuellen Bundesliga-Titelrennen: Wenn man sich von einst neun Punkten Rückstand an die Tabellenspitze zurückarbeite, "hat man auch etwas richtig gemacht".

Zumal drei Stunden nach dem ungefährdeten, aber viel zu niedrigen Heimerfolg gegen die vor dem sechsten Bundesliga-Abstieg stehenden Hannoveraner Borussia Dortmund den Bayern mit dem 2:2 in Bremen den Roten Teppich zum siebten Meistertitel am Stück ausrollte. Am kommenden Samstag kann der nun mit vier Punkten Vorsprung führende deutsche Rekordchampion in Leipzig Meisterschaft Nummer 29 vorzeitig perfekt machen. Selbst eine Niederlage wäre zu verkraften. "Wir haben einen guten Schritt Richtung Meistertitel gemacht, aber es ist noch nicht vorbei", stellte Trainer Niko Kovac zufrieden fest.

Beckenbauer würde es gerade Kovac (47) "wünschen", dass er im komplizierten ersten Bayern-Jahr das Double gewinnt: "Abgerechnet wird zum Schluss. Das könnte er hernehmen, um denen die lange Nase zu zeigen, die nicht an ihn geglaubt haben." Gerade auch vereinsintern.

Eine sehr wechselvolle Münchner Saison könnte sich also noch in ein Happy End fügen, speziell für den kritisch beäugten Kovac. Aber auch für zwei große, alte Champions-League-Helden und Fan-Lieblinge: Arjen Robben (35) und Franck Ribéry (36). Als das Duo am Samstag spät eingewechselt wurde, bebte die Arena. Ribéry beseitigte mit seinem wichtigen Tor zum 3:1 die letzten Zweifel am Sieg. Für Robben erhob sich das Publikum bereits, als dieser nur das Spielfeld betrat. "Das war sehr emotional. Ich bin sehr dankbar, dass die Fans mich so empfangen haben. Dafür habe ich gekämpft in den letzten fünf Monaten", schilderte Robben. Ein paar Minuten durfte er mitmachen. Sie reichten, um noch einen Freistoß übers Tor zu schießen. "Vielleicht war es ein gutes Zeichen, dass der nicht reingegangen ist", meinte Robben. In Leipzig, gegen Frankfurt und im Pokalfinale am 25. Mai in Berlin wieder gegen RB Leipzig bleibt noch Zeit für einen letzten, großen Robben-Moment.

Mit Meisterschale und DFB-Pokal wollen Ribéry und er abtreten. "Ja, sehr gerne. Das wollen wir alle", sagte Robben. Aber dafür müsse man noch einiges leisten. Gegen Hannover war nicht alles titelwürdig.

Die zwei Tore von Robert Lewandowski und Leon Goretzka waren als Ausbeute einer dominanten ersten Hälfte viel zu wenig. Hannover kam durch einen fragwürdigen Handelfmeter, den Jonathas verwandelte, sogar ins Spiel zurück. Nach der überzogenen Gelb-Roten Karte für den Brasilianer agierten die Bayern in Überzahl uninspiriert. Darum stimmte Nationalspieler Joshua Kimmich der Beckenbauer-Kritik zu: "Unter dem Strich hatten wir in dieser Saison zu viele Spiele, in denen wir nicht an unserem Leistungsniveau gespielt haben." Für den nächsten Meistertitel scheint es trotzdem mal wieder zu reichen.

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