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Dortmunds Marco Reus streckt den DFB-Pokal in die Höhe, unten links Leipzigs geschlagener Trainer Julian Nagelsmann, rechts BVB-Stürmer Erling Haaland in Tor-Aktion.

Teamgeist als Erfolgsfaktor

  • VonDPA
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Der in Dortmund für Titelfeiern übliche Autokorso über die Kultstätte Borsigplatz war aus Coronagründen ohnehin nicht geplant. Doch selbst die interne Party in Berlin fiel nach dem Pokalsieg ungewöhnlich kurz aus. Schließlich sind die BVB-Profis schon bald wieder gefordert.

Zumindest bei der Polonaise durch den Essensraum des noblen Schlosshotels im Berliner Grunewald ging es standesgemäß zur Sache. Doch bei aller Freude über den ersten Titel seit vier Jahren blieb den Profis von Borussia Dortmund eine krachende Partynacht diesmal verwehrt - nicht nur aus Coronagründen. Schon am Tag nach dem 4:1 (3:0) im Pokalfinale über RB Leipzig brachen sie aus der Hauptstadt Richtung Frankfurt auf. »Leider Gottes ist das Pokalfinale nicht das Saisonfinale. Jetzt muss die Mannschaft die größte Leistung bringen und in Mainz gewinnen - nur drei Tage nach dem Pokalsieg. Das wird verdammt schwer«, sagte Vereinschef Hans-Joachim Watzke.

Mit dem fünften Triumph im Wettbewerb nach 1965, 1989, 2012 und 2017 ist der Erfolgshunger der Pokalsieger noch lange nicht gestillt. Schließlich ist das wichtigste Saisonziel für den Bundesliga-Vierten weiter in Gefahr. Noch während das Team auf dem Rasen des Olympiastadions ausgelassen feierte, gab Watzke die Richtung für Trainer Edin Terzic vor: »Jetzt muss er sein erstes halbes Jahr noch krönen mit der Qualifikation für die Champions League«, kommentierte er voller Hoffnung. Der im Dezember übergangsweise zum Cheftrainer beförderte Favre-Nachfolger soll auch seine nächste Mission erfüllen und das Team am Sonntag (18.00 Uhr) in Mainz zum Sieg führen.

Der Auftritt im Endspiel machte allen Beteiligten Mut für den Liga-Endspurt. »Ich fühle ganz viel Stolz, weil wir einen sehr guten Weg gegangen sind«, sagte Terzic. Nach zuletzt fünf Bundesliga-Siegen in Serie und dem Triumph von Berlin kann die schwierige Saison für den BVB doch noch versöhnlich zu Ende gehen. Terzic gab sich kämpferisch: »Wir haben uns schon auf dem Weg nach Berlin geschworen, dass wir als Pokalsieger noch beide Bundesligaspiele gewinnen wollen.«

Der Trainer-Senkrechtstarter, der nach eigenem Bekunden noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken hat, erlebte den größten Triumph seiner noch jungen Karriere wie im Rausch. »Seit 2010 bin ich im Mitarbeiterstab von Borussia Dortmund. Ich war hier in Berlin in nahezu jeder Kurve dieses Stadions, um ein Pokalfinale zu sehen. Ich habe mir die Siegerehrung von hinten angeguckt, von der anderen Seite angeguckt. Heute dann selbst auf dem Podest zu stehen, ist unglaublich - ein unbeschreibliches Gefühl«, schwärmte der 38 Jahre alte Deutsch-Kroate.

Es spricht für den unter der Regie von Terzic entstandenen neuen Teamgeist, dass die Mannschaft nach dem Abpfiff im Olympiastadion weder einen der beiden Doppeltorschützen Erling Haaland und Jadon Sancho, noch den starken Kapitän Marco Reus in den Mittelpunkt ihrer Jubelfeier stellten. Stattdessen wurde der als unermüdlicher Arbeiter bekannte Pole Lukasz Piszczek wie ein Machtwinner gefeiert. »Ich habe immer gesagt, dass ich den Vertrag verlängert habe, weil ich meine Karriere mit einer Meisterschaft oder mit einem Pokal beenden möchte. Heute haben wir das geschafft«, kommentierte der scheidende Piszczek.

Jubel beim BVB, Frust in Leipzig: Kein Titel, kein glorreicher Abschied - Julian Nagelsmann wird Leipzig nicht als Pokalsieger zum FC Bayern verlassen. Wie angefasst der titellose Nagelsmann von der Situation ist, zeigte die staubtrockene Antwort auf die Frage, was seine Ziele für die letzten beiden Spiele mit RB sind: »Zweimal verlieren.«

Nagelsmann war nach dem 1:4 gegen Dortmund daran gelegen, sich selbst aus dem Scheinwerferlicht zu nehmen. Verständlich, aber in der aktuellen Konstellation sicherlich nicht mehr als ein blauäugiger Wunsch. »Es geht nicht um meine Person, sondern um den Club. Der hat es zum zweiten Mal in drei Jahren nicht geschafft, den Pokal zu gewinnen. Das ist ein schmerzhafter Moment«, betonte Nagelsmann. »Ich hätte den Titel gern gewonnen, auch wenn ich hier noch 28 Jahre Trainer geblieben wäre. Das hat nichts mit meinem Weggehen zu tun.«

Und so blieb es im Nachgang des tristen Abends im Berliner Olympiastadion bei Aussagen, bei denen einige Fans die Augen verdrehen dürften. »Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen«, tat Vorstandschef Oliver Mintzlaff kund. Die Frage lautet folglich: Wem dann? Auf der Suche nach einer Antwort landet man zwangsläufig bei Nagelsmann. Der hat gegen Dortmund eine Aufstellung mit Hee-chan Hwang und Alexander Sörloth im Angriff überrascht, die allerdings komplett verpuffte.

Einen Unterschied, der das deutliche Ergebnis rechtfertigte, sah Nagelsmann erstaunlicherweise nicht. »Wir waren nicht schlechter als der Gegner«, sagte der 33-Jährige und führte den hohen Ballbesitzanteil und die vielen Torschüsse der Leipziger an.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass der BVB Leipzig den Ball nach der frühen Führung zwangsläufig gern überließ. Und von den 22 Torschüssen gingen genau drei auch auf das Tor.

Mit etwas mehr Abstand zum Schlusspfiff hatte sich Nagelsmann auch wieder gefangen und sagte mit Blick auf die verbleibenden Bundesliga-Spiele das, was man eben sagen sollte. »Wir haben den Anspruch, die letzten beiden Spiele erfolgreich zu gestalten. Wir wollen einen fairen Wettbewerb bieten.«

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