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Tage für die Geschichtsbücher

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(sid). Ein Jahrhundert-Sprung, eine Jahrhundert-Innovation - und ein Jahrhundert-Protest: Während auf der gesamten Welt die Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen ihren Höhepunkt erreichten, erlebte auch die Leichtathletik bei den Olympischen Spielen in Mexico-Stadt ihre "68er-Revolution". Sportlich wie politisch. Die protestierenden US-Sprinter John Carlos und Tommie Smith wurden mit erhobenen Fäusten zu Ikonen, Bob Beamon und Dick Fosbury führten ihre Disziplinen mit Sprüngen für die Geschichtsbücher in die Moderne.

Einen Blick in die Zukunft gab es auch abseits der Leichtathletik: Erstmals traten Deutschland und die DDR in getrennten Mannschaften an, der schwedische Fünfkämpfer Hans-Gunnar Liljenwall wurde als erster Sünder bei den neu eingeführten Dopingtests erwischt. Und die tschechische Turn-Legende Vera Caslavska erlebte den noch Jahre dauernden Ost-West-Konflikt am eigenen Leib: Die bekennende Sympathisantin des Prager Frühlings widmete ihre vier Goldmedaillen den Helden des tschechischen Aufstands. Und verschwand nach ihrer Rückkehr jahrelang hinter dem Eisernen Vorhang.

Nicht viel besser erging es zunächst auch Carlos und Smith. Die Arme erhoben, die Hände zu Fäusten geballt, die Köpfe gesenkt: Mit ihrem Protest auf dem Podest am 16. Oktober 1968 sorgten sie für den Skandal der Olympischen Spiele. Hatten sie am Morgen des Tages noch Gold (Smith) und Bronze (Carlos) über 200 m gewonnen, wurden aus den Helden innerhalb nur weniger Stunden Geächtete. Ihr Zeichen gegen Diskriminierung und Rassenhass in den USA machte sie zu Ausgestoßenen, sie mussten vorzeitig nach Hause zurückkehren und erhielten später sogar Morddrohungen. Erst Jahre später gab es für sie Anerkennung.

Dabei ist ihr Anliegen nicht erst seit der Präsidentschaft von Donald Trump aktueller denn je. "Eine Schnecke hat sich in 50 Jahren weiter bewegt als wir uns im Kampf für Bürgerrechte", sagte Carlos anlässlich des Jubiläums vor zwei Jahren. Seit Monaten demonstrieren Sportler in den USA öffentlichkeitswirksam für Gleichberechtigung und gegen Rassismus.

Die Aufregung um seine beiden Teamkollegen ließ auch den erst 22 Jahre alten Bob Beamon nicht kalt. Der ohnehin durch private Probleme schon aufgewühlte Weitspringer streifte einen Tag später durch die Stadt - und genehmigte sich seiner eigenen Aussage zufolge "einige Tequila". Der 18. Oktober sollte dann sein Leben völlig auf den Kopf stellen.

Um nie für möglich gehaltene 55 Zentimeter verbesserte Beamon den Weitsprung-Weltrekord - 8,90 m. Ein "Sprung ins nächste Jahrhundert", so wurde er bezeichnet. 23 Jahre hielt seine Bestmarke - doch für viele Experten ist dieser noch heute gültige olympische Rekord eine der größten Leistungen der Sportgeschichte.

Eine Weltkarriere blieb Beamon versagt, nie wieder kam er an seine Weite heran. Wenige Jahre später beendete er seine Karriere.

Glücklich mit seinem Erfolg wurde auch Richard Douglas "Dick" Fosbury nicht. Mit seinem "Flop" genannten Sprungstil, bei dem er rücklings die Latte überquerte, revolutionierte er den Hochsprung. Gold mit 2,24 m war sein "Lohn", denn mit dem "Olympiasiegersein" war Fosbury eigenen Angaben zufolge "völlig überfordert". Nur zwei Tage nach seinem Triumph verließ er das Olympische Dorf, ein Jahr später beendete er seine Karriere.

Mehr als ein Dutzend Leichtathletik-Weltrekorde wurden insgesamt in Mexiko gebrochen. Erstmals wurde auf einer Kunststoffbahn und nicht auf Asche gelaufen, die Zeit elektronisch gestoppt. Die Höhenluft und die - zumindest verdächtige - Windmessung, die bei vier Weltrekorden, auch Beamons, die maximal zulässige Stärke von 2,0 m/s anzeigte, taten wohl ihr Übriges. Und sorgten mit dafür, dass die Spiele in Mexiko bis in die Gegenwart nachhallen.

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