_1SPOHSPORT201-B_145351_4c
+
Der Bundestrainer will es ganz genau wissen: Joachim Löw betrachtet die Torwarthandschuhe, die Manuel Neuer für sein 100. Länderspiel heute Abend gegen Lettland bekommen hat.

Gegner Lettland

Sternstunde gegen DFB-Team

Das Trainingscamp des Nationalteams in der Tiroler Höhenluft ist vorbei. Jetzt muss auch der letzte Probelauf gegen Lettland sitzen. Der Bundestrainer verteidigt offensiv sein EM-System. Neuer feiert ein großes Jubiläum.

(sid). Rudi Völler raufte sich verärgert die graue Lockenpracht, Turnierneuling Bastian Schweinsteiger senkte enttäuscht sein wasserstoffblond gefärbtes Haupt. Das 0:0 gegen Lettland war für die deutsche Auswahl bei der EURO 2004 der Anfang vom Ende - für den Fußball-Zwerg ist es noch heute »der Höhepunkt in der Geschichte unserer Nationalmannschaft«, wie Dainis Kazakevics erzählt.

Zum 100. Verbandsjubiläum hofft der Nationaltrainer der Letten auf eine Wiederholung dieser Sternstunde: Die Nummer 138 der Weltrangliste soll für den dreimaligen Europameister auf dem Weg zur EM heute (20.45 Uhr/RTL) in Düsseldorf zum Stolperstein werden. »Niemand kann zu uns sagen, dass wir Träumer sind«, sagte Kazakevics im Interview mit DFB-Aktuell und betonte: »Wir haben es einmal geschafft, also ist es möglich.«

Doch die Zeiten, in denen Sturm-Idol Maris Verpakovskis die gegnerischen Abwehrreihen in Angst und Schrecken versetzte, sind längst vorbei - und daran ist das Highlight von 2004 nicht ganz unschuldig. Der Erfolg vor 17 Jahren habe manchen Letten »geblendet«, sagt Kazakevics: »Es gibt immer noch Leute, die in dieser Ära leben und nicht verstehen, dass sich seither viele Dinge im Fußball und in unserem Land verändert haben.« Statt den einzigen Punktgewinn bei der bis heute einzigen Turnierteilnahme zu vergolden, »haben wir Zeit verloren«, klagt er.

Seit der 40-Jährige sein Amt 2020 übernommen hat, versucht er sich an der Aufholjagd. Er hat den Kader umgebaut und eine neue Spielphilosophie entwickelt, stößt aber an Grenzen. Es gebe »einige vielversprechende Youngster« wie Daniels Ontuzans (21) von Bayern München II oder den Hoffenheimer Rolands Bocs (17), im Aufgebot für den DFB-Test stehen beide aber nicht - und kein Spieler mit einem siebenstelligen Marktwert. In der Nations League gab es gegen die Färöer, Malta und Andorra nur einen Sieg, doch zum Auftakt der WM-Quali erkämpften die »11 vilki« (elf Wölfe) ein 3:3 in der Türkei.

Nach einer kurzen Übungseinheit pfiff Joachim Löw das Trainingslager der Fußball-Nationalmannschaft in den Tiroler Bergen ab. Aber noch vor der Abreise aus Seefeld hob der Bundestrainer am Sonntag zu einem flammenden Plädoyer für sein kontrovers diskutiertes EM-System mit der Abwehr-Dreierkette an. »Wenn jemand denkt, dass eine Dreierkette die defensivere Variante ist, dann täuscht er sich. Die Viererkette ist eher defensiv, da hat man vier Verteidiger«, sagte Löw energisch und erklärte: »Die beiden Außenbahnspieler sind Mittelfeldspieler.« Denn er kann die Außenverteidigerpositionen auch offensivstark besetzen.

Als Pendant zu Robin Gosens links könnte schon am heutigen Montag (20.45 Uhr/RTL) beim letzten Test vor dem Frankreich-Ernstfall in Düsseldorf gegen Lettland Joshua Kimmich wieder rechts auflaufen. Oder Löw realisiert das Experiment mit dem Gladbacher Jonas Hofmann. »Jonas ist eine Variante für die Außenbahn. Wir versuchen das mal«, sagte er. Turnierneuling Hofmann hat die Rolle in Seefeld intensiv geübt.

Goretzka verpasst den EM-Auftakt

Der Bundestrainer beschloss die erste Etappe seiner EM-Abschiedstour am Wochenende im festen Glauben daran, mit seinem EM-Aufgebot auf dem richtigen Weg zu sein. »Wir sind einen Schritt vorangekommen«, sagte der 61-Jährige: »Jetzt geht es ins Detail.«

Der Countdown für den wohl schwerstmöglichen Auftaktgegner am 15. Juni vor 14 000 Fans in der Münchner Arena läuft. »Wir beginnen das Turnier gegen einen, wenn nicht den Favoriten auf den Titelgewinn«, mahnte Toni Kroos. Er wird nach seiner Corona-Erkrankung gegen Lettland wieder seinen Stammplatz in der Mittelfeld-Zentrale einnehmen. »Toni ist spielfreudig wie eh und je. Er ist eine zentrale Figur in unserem Spiel«, sagte Löw. »Rein coronamäßig spüre ich nichts«, berichtete der 31-jährige Kroos selbst: »Ich bin so weit.« Auch die vier Champions-League-Finalisten Kai Havertz, Antonio Rüdiger, Timo Werner und Ilkay Gündogan sollen auf jeden Fall zum Einsatz kommen. Leon Goretzka dagegen ist nicht nur gegen Lettland raus. Der Bayern-Profi wird auch das erste EM-Spiel verpassen. Goretzka werde nach seiner Muskelverletzung »vielleicht noch eine Woche brauchen, um ins Mannschaftstraining einzusteigen«, so der Bundestrainer.

»Die Stimmung ist extrem energetisch«, lobte Löw den bisherigen Arbeitseifer seiner Spieler. »Wir haben viele Inhalte abgearbeitet«, berichtete Matthias Ginter, der sich mit Mats Hummels und Antonio Rüdiger in der Dreierkette einspielen soll. Der Gladbacher sprach von »drei größeren Bausteinen«, an denen intensiv gearbeitet worden sei: Stabilere Defensive, bessere Chancenverwertung, Standardsituationen.

Fans sollen überzeugt werden

Oliver Bierhoff bewertete die erste Vorbereitungsetappe ebenfalls als ermutigend: »Die Atmosphäre war sehr fokussiert und positiv.« Der DFB-Direktor weiß jedoch, dass allein Tag X zählt. »Restzweifel musst du immer haben«, räumte Bierhoff ein. »Das richtige Herz, der richtige Mut und die richtige Power musst du am 15. Juni gegen die Franzosen direkt auf den Platz legen«, sagte der Ex-Nationalspieler.

Vor dem Einzug ins Turnier-Quartier beim DFB-Partner Adidas im fränkischen Herzogenaurach muss aber auch der allerletzte Testlauf gegen Sparringspartner Lettland gelingen. Vor 1000 zugelassenen Zuschauern soll in der Düsseldorfer Arena der EM-Funke gezündet werden - gerade auch bei den noch skeptischen Fans. »Es ist ganz wichtig, dass wir noch mal ein geiles Spiel abliefern und mit einer positiven Grundstimmung in die EM gehen«, verkündete Gosens.

Tore, Tempo, Tricks - die Generalprobe muss sitzen. Zumal es das Jubiläumsspiel von Manuel Neuer ist, der zum 100. Mal im DFB-Tor stehen wird. Der 35-Jährige wird mit extra angefertigten Handschuhen auflaufen. Eine goldene 100 ziert den Klettverschluss, auf dem zudem seine Auszeichnungen, Titel und gespielten Turniere aufgeführt sind.

Löws Dreierketten-Strategie und der Masterplan gegen Frankreich können gegen den Weltranglisten-138. Lettland natürlich nur arg bedingt simuliert werden. »Lettland hat nicht diese Offensivkraft«, bemerkte Löw. Trotzdem soll die Dreierkette beibehalten werden. Bei zwei Außenverteidigern mit Offensivdrang könnte Löw sogar Thomas Müller und Havertz zusammen hinter einer zentralen Spitze auf den offensiven Halbpositionen aufbieten. »Thomas und ich lieben es, im Zentrum zu spielen«, sagte der 21-jährige Havertz. Der Torschütze aus dem Champions-League-Finale will nun auch Richtung EM durchstarten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare