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Sport-Stammtisch

Welches ist die unmöglichste aller undenkbaren Schlagzeilen? Vielleicht diese: Papst im Puff erwischt.Im Sport wird das Unmöglichste nun möglich: S aubermann gedopt.- Gedopt? Ja. Sie lasen soeben die ersten Sätze einer "gw"-Kolumne von 1999, als Dieter Baumanns Doping-Affäre bekannt wurde. Dem Saubermann, an den Sie denken, wird unvergleichlich viel Schlimmeres vorgeworfen. Metzelder und die Kinderpornografie - seit Baumann, seit 20 Jahren hat mich keine Schlagzeile aus dem Bereich des Sports derart umgehauen.

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Ausgerechnet Christoph Metzelder. War er nicht sogar als DFB-Präsident im Gespräch? Der nüchterne, angepasste, eloquente, unaufgeregte, vertrauenerweckende, scheinbar kluge und total normale ... Langweiler. So empfand jedenfalls ich ihn, als Fußballer und am Mikro. Sein Leben liegt in Trümmern. Kein Mitleid, sondern Genugtuung, falls die Vorwürfe berechtigt sein sollten. Falls nicht? Undenkbar. Sollte an der Sache, die noch sehr rätselhaft wirkt, wenig bis nichts dran sein, wäre Metzelder medial hingerichtet worden, mit Bildals Henker und der Staatsanwaltschaft als williger Helferin.

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Wir kennen ja aus Kunst und Literatur von Balthus bis Nabokov die verherrlichende Darstellung jungmädchenhafter Erotik. Für mich zwar ebenfalls abstoßend, aber kein Vergleich mit seelenzerstörenden kinderpornografischen Schandtaten. Ähneln die WhatsApp-Bilder "nur" Balthus-Bildern oder gleichen sie dem Unsagbaren aus dem Lügde-Prozess? Noch ist nichts bewiesen. Wie auch nach 20 Jahren im Fall Baumann nicht. Da spricht sogar viel dafür, dass der Läufer nicht Täter, sondern Opfer war. Bei Metzelder wirkt allerdings sein Schweigen sehr beredt. Aber auch das ist schon wieder Spekulation. Schwarzer Humor, der mit Entsetzen Scherz treibt, steckt in einem Tweet, der im Internet verzwitschert wurde: "Entwarnung! Es sind nur Bilder aus der Kabine mit Philip Lahm."

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Ach ja, das Netz. Fast gleichzeitig wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft schon seit Monaten gegen Jerome Boateng ermittelt, wegen des Verdachts auf gefährliche Körperverletzung, angezeigt von seiner ehemaligen Lebensgefährtin. Ebenfalls noch längst nicht spruchreif. Auf Facebook lese ich Widerwärtiges dazu: "Gauland, der alte Fuchs! Was hat er damals schon gewusst??? Will ihn noch wer als Nachbarn?" Gepostet von einem Typen, den ich nicht kenne, der nicht mein FB-"Freund" ist, dessen Beitrag auch niemand geteilt hat und der unablässig ähnlich AfD-nahe Texte postet. Wie ich jetzt weiß: Er ist sogar AfD-Funktionär. Wie ist das bloß möglich, Facebook?

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Eine Meldung macht mir aber besonders viel Freude: Die Ermittlungen gegen Bakery Jatta sind eingestellt, die Identität des Flüchtlingsjungen ist nicht nur kein Thema mehr, sondern der DFB liebäugelt sogar damit, Jatta bei den Olympischen Spielen einzusetzen. Refugee welcome! Mancher Rechtsradikale mag vor Wut schäumen, mancher Stinknormalo schnell die Fähnchenfarbe wechseln (wie bei Anthony Sabini im alten "Badesalz"-Sketch), und ich möchte nicht missverstanden werden: Nicht jeder Refugee ist welcome, der sich im Zuge des deutschen 2015-Blackouts von unserer Flüchtlingsbeseeltheit hat einladen lassen, nicht alles, wofür die AfD steht, ist keiner Diskussion wert, und ihre generelle mediale und parteipolitische Missachtung stärkt sie nur und macht aus einer Splittergruppe ein Schreckgespenst.

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Schluss mit unlustig. Ich möchte mit Ihnen, liebe Leser und vor allem liebste Zielgruppe, mein Schmunzeln über "Magdalena" teilen. So heißt die Mutter des großen niederländischen Schriftstellers Maarten ’T Hart, der ihr in seinem gleichnamigen Buch ein bizarres Denkmal errichtet. Die christliche Ultra lehnte jegliche Zerstreuung als gottlos ab, aber "in ihren späteren Jahren schaute sie häufig fern, sogar Fußballspiele. ›Wieselflink rennen sie in ihren Unterhosen von der einen Seite zur anderen, und wie von Zauberhand drehen sich dann alle um und rennen in ihren Unterhosen in die andere Richtung. Und ständig liegen die Spieler laut jammernd auf dem Boden (...), und wenn man schließlich denkt, Junge, Junge, jetzt ist einer tot, dann springt die Leiche wieder auf und rennt wieder herum wie eine Ameise, und diejenigen, die am häufigsten auf dem Boden gelegen haben, die gewinnen am Ende. Achte mal drauf.‹" - Soo schön.

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An anderer Stelle gibt ’T Hart eigene leicht vulgäre Vorlieben preis wie "riesige Ohrhänger" oder "Stiefel mit haushohen Absätzen", aber "tja, so hübsch das auch sein mochte, heutzutage haben solche Superschlampen immer auch Tattoos auf Armen, Beinen, Schulterblättern und um den Nabel herum, und beim Anblick jeder auch noch so kleinen Tätowierung überkommt mich großer Widerwillen."

Kommt mir bekannt vor. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog "Sport, Gott & die Welt" / Mail: gw@anstoss-gw.de)

Anstoß

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