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Sport-Stammtisch

"Klopp ist keine deutsche Beteiligung." Zwar werden Champions-League-Endspiele mit deutscher Beteiligung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen. Aber "Klopp ist keine..." - herrlich! Klingt nach "poulái tréla", Wahnsinn verkaufen, wie die Griechen sagen. Heute in meinem griechischen Sprachkalender gelesen: "poulái tréla", verrückte Sachen sagen, um eine unangenehme Situation zu verschleiern. Wie Uefa-Präsident Aleksander Ceferin. Im Spiegel-Interview beteuert er, "dass die Uefa wirklich eine saubere Organisation ist". Aber leider "schmeißt der normale Fan Fifa und Uefa in einen Topf und sagt: Ihr seid doch alle korrupt." - Sauber! Und sehr "tréla" parliert, denn mit der Beteuerung eigener Unschuld verknüpft Ceferin en passant, dass die Konkurrenz-Organisation korrupt ist. Und für die Uefa ist "Baku" wohl ein Synonym für absolute Sauberkeit.

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Wäre die Eintracht ins Finale gekommen, hätten ihre begeisternden Fans Europa euphorisiert und vom Baku-Wahnsinn abgelenkt. So gesehen haben Hinteregger und Paciência zwar halb Hessen in einem Meer von Tränen versenkt, aber dem Fußball einen Dienst geleistet.

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Der Fußball ist des Wahnsinns fette Milliarden-Beute. Das weiß auch der Vernunftmensch Christian Seifert, der als DLF-Chef aber den Wahnsinn nicht beenden darf, sondern steuern muss: "Aktuell fahren relativ viele Autos auf die Kreuzung zu. Da müssen wir schauen, dass die Ampelschaltung funktioniert" (Quelle: Spiegel).Na ja, er muss das so sehen. Besser wäre, ein Saboteur legt die Ampelschaltung lahm. Crash! Mega-Massenunfall, ohne Tote und Verletzte, aber mit einem Auferstehenden: dem Fußball.

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150 Millionen schauen heute zu. Das füllt diverse Konten. Andere Konten werden alternativ aufgeladen. Was früher die nationalen Staatsamateure des Ostblocks waren, sind heute die internationalen Staatsprofis von Katar (PSG), VAR (City) & Co. Wir jammern und jammern... und tun nichts dagegen. Obwohl wir es in der Hand hätten. Jeder einzelne von uns. Wenn jeder für sich verwirklicht, was er von anderen fordert, vorzugsweise von "der Gesellschaft", hätten wir das Problem nicht. Albtraum der großen Dealer: Wenn wir kleinen Fußball-Junkies clean würden und den teuren "Stoff" mieden. Methadon gibt es umsonst auf jedem Fußballplatz in der Umgebung. Noch einmal: Wir haben es in der Hand! Ihr übrigens auch, liebe Klima-Demonstranten. Geht von mir aus zur Demo, aber vor allem in Euch!

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Letzte Woche wollte ich auch etwas für das Klima tun. Radfahren an der norddeutschen Küste, hin und zurück mit dem Zug. Fünf alte Männer, zusammen 360 Jahre alt, auf ökologisch korrekter Tour. Erstes Problem am Bahnhof: Aufzug zu klein für Mensch und Rad. Schweres E-Bike mit schwerem Gepäck muss Treppen rauf und runter getragen werden. Kardiologisch bedenklich, gerontologisch sowieso. 2. Problem: Radabteil leer, aber abgeschlossen. Ein Bahnbedienster scheucht uns in letzter Sekunde in ein Abteil weiter vorn. Von dort aus könnten wir zum aus welchen Gründen auch immer von außen verschlossenen Radabteil kommen. Haben Sie schon einmal versucht, ein schwer bepacktes Rad durch die enge Waggontür die Stufen hinaufzuhieven? Viel Spaß dabei. Dann zwängen wir uns mit den Rädern durch die schmalen Gänge, uns am Rad, das Rad an den Sitzenden und die sich an uns scheuernd. Keiner schimpft. Ich, als Selten-bis-nie-Bahnfahrer, bewundere den Gleichmut dieser leidgeprüften Vielfahrer.

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Im Radabteil angekommen, sind wir fix und fertig, schweißüberströmt wie nach einer Bergetappe. Dagegen wird die sechstägige Radtour von Hamburg nach Cuxhaven und zurück, links- und rechtselbisch, ein Klacks, trotz Wind und Regen. Erst auf der Rückfahrt bekommt uns die Bahn wieder in ihre Fänge. Der IC steht in Altona bereit, wir auch, mit Platzkarten für Mensch und Rad. Aber - kein Radabteil. Wir fragen Bahnbedienstete, sie sagen Sätze wie "nicht mein Zug", "nicht zuständig" "bin nur vom Sicherheitspersonal". Kurz vor der Abfahrt hat einer Erbarmen. Wir sollen einsteigen und die Räder in Sechserabteile stellen. Wieder beginnt die schweißtreibende Prozedur, schwer bepackte schwere E-Bikes durch enge Türen und Gänge zu wuchten. Besonders schwierig gestaltet sich das Bugsieren der Räder in die Abteile. Fast unmöglich, aber wir schaffen es. Fünf verdreckte Räder in drei Abteilen, auf ihren verschmutzten Reifen jeweils auf drei sauberen Polstersitzen stehend. 18 Sitze belegt (kein Mensch wagt, die drei theoretisch freien zu besetzen, mit dem drohend über und vor ihnen hängenden Rad).

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Wir setzen uns auf unsere reservierten Plätze. Reserviert? Aufregung im Abteil. Jeder zeigt jedem sein Reservierungskärtchen vor, da stimmt was nicht - und schon ertönt eine einschmeichelnde Stimme aus dem Lautsprecher: "Leider gibt es ein Problem mit den Reservierungen. Sie sind nicht gültig. Suchen Sie sich einen Platz ihrer Wahl." Und, das darf bei der polyglotten Bahn nicht fehlen: "Sit down, where you want. Anywhere!" Was, da die Ansage nicht wiederholt wird, an jeder Station Menschen fassungslos macht, die vor einem Sitzenden mit ihrer Reservierung wedeln, der ihnen schmunzelnd den geflügelten Spruch des Tages aufsagt: "Sit down where your want. Anywhere!"

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Schade, dass ich in diesem absurden Spektakel vergessen habe, die bequem in ihren Abteilen ruhenden Räder zu fotografieren, diese einzigen fünf zufriedenen Passagiere, an denen die anderen auf der Suche nach einem Sitzplatz vorbeihasten.

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Wir haben es in der Hand? Nicht bei der Bahn. Aber heute Abend ganz sicher! Liverpool gegen Tottenham. Boykott! Abo kündigen! Nie mehr Champions League gucken, nie mehr zur Bundesliga fahren, keinen Cent für Merchandising ausgeben, alle in Fußball-Sendungen beworbenen Produkte boykottieren. Wer macht mit? Ich bin der Erste, der nachher ... einschaltet. - Das Fußball-Problem, das Klima-Problem, sie haben beide einen Namen. Ihren und: (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog "Sport, Gott & die Welt" / Mail: gw@anstoss-gw.de)

Anstoß

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