14 000 Papp-Zuschauer "bevölkern" den Borussia-Park in Mönchengladbach. FOTO: DPA
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14 000 Papp-Zuschauer "bevölkern" den Borussia-Park in Mönchengladbach. FOTO: DPA

Seelenlos oder Fußball in Reinform?

  • vonred Redaktion
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Das Spiel Mönchengladbach - Leverkusen fiel am 27. Spieltag der Fußball-Bundesliga aus dem Rahmen. Optisch. Denn die Bilder schufen die Illusion: Es sind Zuschauer im Borussia-Park. Manche Blöcke wirkten dicht besetzt. Dennoch war da auch diese betretene Stille, der Sound des Stadions bestand aus dem Hall der Spielerstimmen und dem Patsch des Balles, wenn er getreten und gegen eine Werbebande geschossen wurde.

Mönchengladbach hatte fast 14 000 stumme Zuschauer. Bildnisse aus Pappe, Pappkameraden sozusagen. Für 19 Euro - der Erlös wurde gespendet - konnte man sich auf diese Art verewigen lassen. Eine Initiative (seidabei-trotzdem.de) des FPMG Supporters Club, der von Borussia anerkannten Dachorganisation der aktiven Fanszene.

Eine Aktion gegen den kahlen Beton, ein Zeichen der Unterstützung an die Mannschaft - und auch gedacht als Mahnmal gegen Geisterspiele. Doch innerhalb der Szene wurde es auch anders interpretiert. "Wir halten die Pappfiguren-Aktion für kontraproduktiv", äußerte sich die Gladbacher Ultra-Gruppe Sottocultura. Die "öffentliche Wahrnehmung der Aktion" sei "absolut gegenteilig zu dem, was die momentane Situation darstellt. Seelenlose Kicks ohne Emotionen, einzig und allein um Sky und Co. zu bespielen, haben nichts mit dem Fußball gemeinsam, für den wir stehen".

Emotionen kommen derzeit weniger in den Stadien auf als bei denen, die über das Geschehen in den Stadien diskutieren. Und so ist bereits am zweiten Wochenende des "Sonderspielbetriebs" eine Debatte entbrannt darüber, ob der aktuell gebotene Fußball gar nicht so viel von seinem Zauber verloren hat, wie das in Meinungsumfragen von einer Mehrheit erwartet wurde.

Angestoßen hat sie Jörg Neblung. Er ist Spielerberater, seine Firma Neblung Sportsnetwork in Köln vertritt die Interessen von 41 Fußballern überwiegend aus der 2. und 3. Liga und dem Nachwuchsbereich. Zu Neblungs Klienten zählen auch die ehemaligen Leichtathletik-Stars Heike Drechsler und Steffi Nerius. Bekannt geworden war Neblung als Berater und Freund von Nationaltorwart Robert Enke, der sich vor gut zehn Jahren das Leben nahm.

Jörg Neblung steht nicht für die Auswüchse der Beraterbranche, er hat einen reflektierten Blick auf den Fußball - deshalb überraschte die Deutlichkeit, mit der er sich am Samstag positionierte, als er bei der Übertragung aus Mönchengladbach eines der Transparente sah: "Fußball ohne Fans ist nichts!" Neblung widersprach auf Twitter: "Sorry, ich finde ›ohne Fans ist Fußball 11 gegen 11 in Reinform‹, der Ursprung des Spiels, Kampf statt Event. Habt ihr Freiburg - Bremen gesehen? Es ist an der Zeit, zu erkennen, ob man wegen des Spiels ins Stadion geht oder um einfach nur dabei zu sein." Den Shitstorm preiste Neblung ein ("bewusst polarisierend"). Sein Fazit: "Das Transparent in Gladbach steht für die Selbstherrlichkeit der Kurve ohne einen Blick auf die Notwendigkeit der Geisterspiele, an denen keiner richtig Freude hat."

Die aktive Fanszene hat sich gegen Geisterspiele positioniert, führt ihren Protest fort. Die Vereine lassen ihn auch bewusst zu. In Augsburg hängt ein mahnendes "Der Fußball wird leben - euer Business ist krank" hinterm Tor, der FCA gewährte am Tag vor seinem Spiel Fans Zutritt zum Stadion, damit sie das Plakat anbringen konnten. Beim Zweitligisten 1. FC Nürnberg wurde das Transparent "Fernsehgelder hier abholen" am Stadiontor geduldet.

Auch in München wird protestiert. Am FC-Bayern-Campus fixierten Fans das Banner: "Erstickt nicht an den Millionen Kröten! Nein zu Geisterspielen!" An anderen Stellen der Stadt war zu lesen: "Sportlicher Wettbewerb längst eine Farce. Saisonabbruch alternativlos!" Es wird diskutiert, hoch emotional. Streit in Reinform, das ganz sicher.

Günter Klein

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