Spielen, diskutieren oder gar Abbruch? Nach den Ereignissen von Sinsheim steht das Pokalspiel der Bayern beim FC Schalke 04 unter extremer Beobachtung. FOTO: DPA
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Spielen, diskutieren oder gar Abbruch? Nach den Ereignissen von Sinsheim steht das Pokalspiel der Bayern beim FC Schalke 04 unter extremer Beobachtung. FOTO: DPA

Schreckgespenst Abbruch

  • vonSID
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Der deutsche Fußball steht bei seinem Kampf gegen Hass und Hetze vor der Woche der Wahrheit. Die Pokalspiele könnten bereits zeigen, wohin der Weg führt. Bei Schalke gegen München droht sogar ein Spielabbruch.

Fußball-Deutschland hält den Atem an. Bange Blicke richten sich auf die DFB-Pokalspiele unter der Woche und die Bundesliga-Partien am Wochenende. Der ausgerufene Kampf gegen Hass und Hetze in den Stadien steht bereits am heutigen Dienstag vor einer großen Bewährungsprobe. Sollte die von Schalke 04 gezogene "rote Linie" im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen Bayern München (20.45 Uhr/ARD) übertreten werden, wäre im deutschen Fußball nichts mehr so wie es bisher war.

Aufgrund der rigorosen Haltung der Schalker, die bei diffamierenden Plakaten und Sprechchören "ungeachtet der Spieldauer, des Resultats oder etwaiger Konsequenzen" ihre Mannschaft umgehend vom Platz holen wollen, scheint die Gefahr eines Spielabbruchs groß zu sein. Schließlich machen die Schalker mit ihrer Vorgabe aus der bisher geltenden Drei-Stufen-Regel (zweimalige Unterbrechung vor dem Abbruch) einen Ein-Stufen-Plan. Bayern-Trainer Hansi Flick will deshalb vorbereitet sein und "noch mal sprechen, wie wir reagieren, wenn was passiert".

Um die Eskalation zu verhindern und so ein Zeichen zu setzen, wird hinter den Kulissen in Gelsenkirchen fieberhaft gearbeitet. Es gibt "Gespräche mit allen Fangruppierungen mit dem klaren Ziel und der Erwartung, dass sie solches Fehlverhalten nicht tolerieren, geschweige denn unterstützen", ließ der Klub wissen.

Ob diese Gespräche erfolgreich sind, ist fraglich. Bisher haben sich die Ultras nach ihren Anfeindungen vom Wochenende gegen Mehrheitseigner Dietmar Hopp von der TSG Hoffenheim uneinsichtig gezeigt. Zu groß ist die Wut der Gruppierungen über die Rückkehr der Kollektivstrafe für Fans von Borussia Dortmund, die in den kommenden beiden Spielzeiten nicht mehr ins Sinsheimer Stadion dürfen. Projektleiter Michael Gabriel von der Koordinationsstelle der Fanprojekte (KOS) befürchtet bereits das Schlimmste.

"Wenn jetzt die Latte für Spielabbrüche nach unten abgesenkt werden sollte, ist zu befürchten, dass dies dann von den Fanszenen als Aufforderung verstanden werden könnte, es mal darauf ankommen zu lassen", sagte Gabriel, der eine "Spirale der Eskalation" erkannt hat: "Mein Wunsch wäre es, dass man jetzt innehält und beide Seiten nach Möglichkeiten suchen, miteinander ins Gespräch zu kommen."

Genau das lehnt Hopp aber ab. "Ich sehe keinen Sinn darin, mich mit Menschen auseinanderzusetzen, denen ich noch nie etwas getan habe, die mich seit Jahren grundlos massiv beleidigen und gar keinen Konsens wollen", sagte der 79-Jährige. Den Vorwurf aus den Reihen der Fans, wonach die Verantwortlichen der Klubs und der Verbände dem TSG-Macher "nur" deshalb zur Seite springen, weil er ein einflussreicher Milliardär sei, weist Hopp zurück: "Beleidigungen gegen jeden Menschen sind zu verurteilen, egal wo und in welcher Form."

In diesem Zusammenhang fordert auch Jörg Schmadtke nun eine eindeutige Haltung der Klubs und der Verbände. "Es ist ja hochinteressant, dass auf der einen Seite sehr deutlich reagiert wird, was ich auch richtig finde, in anderen Fällen wird aber darüber hinweggeguckt", sagte der Manager des VfL Wolfsburg der "Bild": "Da muss schon eine Eindeutigkeit her."

Sollte der Konsens hergestellt werden, wonach zukünftig jede Art der Diffamierung nicht mehr toleriert wird, dürfte das weitreichende Konsequenzen haben. Der von Bayern-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge angedeutete Rauswurf der Ultras aus den Stadien hat Unterstützer gefunden. "Die Verantwortlichen müssen einfach mehr Mut haben", sagte der langjährige Klub-Funktionär Heribert Bruchhagen bei Sport1: "Das betrifft mich selbst. Ich bin immer wieder in die Kommunikation gegangen, statt Leute rauszuwerfen."

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