Sinnbildlich: Dortmunds Emre Can (l.) ist eine Etage höher als Frankfurts Mijat Gacinovic, der ehrfürchtig zuschaut. FOTO: DPA
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Sinnbildlich: Dortmunds Emre Can (l.) ist eine Etage höher als Frankfurts Mijat Gacinovic, der ehrfürchtig zuschaut. FOTO: DPA

Rückfall in alte Zeiten

  • vonred Redaktion
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Die 0:4-Klatsche von Dortmund war gerade ein paar Minuten Realität, da ging dem Frankfurter Trainer Adi Hüter schon die nächste Begegnung durch den Kopf. Sie ist eine ganz spezielle, insbesondere für den Österreicher: Am Donnerstag geht es in der Europa League gegen seinen alten Klub, den FC Salzburg. Hütter hat sich dort als junger Fußballlehrer erste Sporen verdient, so ganz im Reinen ist man vor Jahren nicht auseinander gegangen, dazu leben der mittlerweile 50-Jährige und seine Familie in der Mozartstadt.

Es war also leicht, gleich den Fokus auf die kommende Herausforderung zu richten, denn eines ist allemal klar: Diese beiden internationalen Spiele will Adi Hütter unbedingt erfolgreich gestalten. Also ratterte er, nur ein paar Momente nach der letzten Bundesligapartie, gleich die Namen jener Salzburger Spieler herunter, die Eintracht Frankfurt gefährlich kommen könnten: Dominik Szoboszlai, Masaya Okugawa, Hee-chan Hwang, Enock Mwepu. Namen, die hierzulande weitgehend unbekannt sind, in den Bergen aber großen Klang besitzen. Dazu spielten die Salzburger mit Geschwindigkeit in einem ähnlichen Tempo wie jetzt die Dortmunder in der Bundesliga gegen den Ball, pressten früh und sehr hoch, nur spielten sie "schlampiger" als der BVB. Und zuletzt hätten sie gar ihr Heimspiel verloren, gegen den LASK, erstmals seit Jahren. Hütter, so viel steht fest, ist bestens präpariert für das für Stimmung und Klubfinanzen nicht ganz unerhebliche Spiel am Donnerstag im Stadtwald.

Und die Mannschaft? Nimmt man die Leistung der 90 Minuten von Dortmund zum Maßstab, dann sicher nicht. Die Vorstellung war eher ein Rückfall in vergangene Zeiten: Keine Aggressivität, kein Power, keine Griffigkeit, keine Impulse, zählte Hütter nur die gröbsten Defizite auf; seltsam verhuscht und verängstigt war die Eintracht aufgetreten. "Man kann in Dortmund verlieren, keine Frage", stellte Hütter fest, aber es komme auch auf das Wie an. "Wir haben sehr viel von dem vermissen lassen, was wir zuletzt gezeigt haben." Gerade an Courage hat es gemangelt. "Zu wenig mutig" habe man sich angestellt, deshalb hatte Hütter zur Pause, als es noch 0:1 gestanden hatte, in Bas Dost einen zweiten Stürmer aufs Feld gebracht, um ein Signal zu setzen. Das hatte aber nichts genutzt; ein Doppelschlag (50. und 54. Minute) entschied diese sehr einseitige Partei schnell.

Dabei hatten die Hessen keineswegs so hasenfüßig agieren wollen. Wo war es nur hin, dass Selbstvertrauen und die breite Brust, die nach dem gelungenen Rückrundenauftakt mit vier Siegen und einem Remis aus fünf Pflichtspielen eigentlich mächtig angeschwollen hätte sein müssen? Wo war die Traute hin, in Dortmund etwas mitnehmen zu wollen? Nichts war davon zu spüren. Was auch deswegen überraschte, weil Borussia Dortmund nach zwei schmerzhaften Niederlagen hintereinander in der ersten halben Stunde zwar feldüberlegen war, aber keineswegs die Sterne vom Himmel gespielt hatte. Diese leichte Verunsicherung hätten die Hessen nutzen können. Statt dessen verkrochen sie sich und zeigten "zu viel Respekt", wie Sportdirektor Bruno Hübner monierte.

Erschwerend hinzu kam, dass es auch mit der taktischen Disziplin nicht annähernd so gut bestellt war wie sich das der Coach vorgestellt hatte. Warum das so war? Schulterzucken. "Das war heute", räumte Hütter ein, "ein Klassenunterschied".

Frappierend vor allem war die absolute Harmlosigkeit des Frankfurter Ensembles. "Wir hatten keine einzige Aktion nach vorne, wir waren sehr, sehr ungefährlich", sagte Hütter angesichts eines Torschussverhältnisses von 1:17. Ein konstruktiver Spielaufbau nach vorne war nicht existent, Filip Kostic, der Unterschiedsspieler, war durch die Doppeldeckung durch Achraf Hakimi und Lukasz Piszczek praktisch aus dem Spiel genommen und völlig wirkungslos - und schon versandeten alle, ohnehin eher hilflosen Bemühungen der Hessen, die Kugel überhaupt über die Mittellinie zu treiben, frühzeitig.

Die Hoffnung für Donnerstag fußen nun vornehmlich auf zwei Komponenten: Zum einen, das ist eine Binsenweisheit, ist das ein anderes Spiel, in dem die Mannschaft, wie Hütter sicher ist, "ein anderes Gesicht zeigen" werde. Zudem dürfte Salzburg, obzwar ein Spitzenteam in Österreich, allerdings vom jüngsten personellen Aderlass (etwa Erling Haaland) arg gebeutelt, nicht das Niveau erreichen, das Dortmund hat. Zum anderen spielt Eintracht Frankfurt vor eigenem Publikum. Und da haben sich die Hessen, auch gegen die vermeintlich Großen, in der Europa League eigentlich immer ganz ordentlich aus der Affäre gezogen.

Thomas Kilchenstein/

Ingo Durstewitz

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