Der weltberühmte Becker-Hecht: Vor genau 40 Jahren gewinnt der damals 17-Jährige aus Leimen als erster deutscher Tennisspieler das Turnier in Wimbledon. ARCHIVFOTO: DPA
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Der weltberühmte Becker-Hecht: Vor genau 40 Jahren gewinnt der damals 17-Jährige aus Leimen als erster deutscher Tennisspieler das Turnier in Wimbledon. ARCHIVFOTO: DPA

Der rothaarige Junge

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(sid). Es ist der 7. Juli 1985, ein schwülwarmer Sommertag in Wimbledon. Der edle Zeitmesser an der großen Anzeigetafel des Centre Courts steht auf 17.26 Uhr, als Boris Becker sich auf den letzten Aufschlag vorbereitet. Ein eisblaues Feuer flackert in seinen Augen, mit denen er sein Gegenüber Kevin Curren unerbittlich fixiert. Hoch fliegt die gelbe Filzkugel in die Luft, wie ein Presslufthammer trifft sie der Schläger, fast reißt der Ball einen Krater in den Platz. Game, set, match Becker. 6:3, 6:7, 7:6, 6:4.

Die atemlose Stille in der Tennis-Kathedrale löst sich in einem einzigen gigantischen Aufschrei von den Tribünen. Der rothaarige Junge mit der Prinz-Eisenherz-Frisur reißt die Arme hoch und dreht sich mit kleinen Trippelschritten zur Loge, in der sein Vater Karl-Heinz den unglaublichen Moment mit der Pocket-Kamera festhält und Ion Tiriac dem vor ihm sitzenden Günter Bosch die Pranke in den Rücken klatscht, dass es den fast aus den Schuhen holt. Der Junge Boris, der in Leimen mit dem Fahrrad zum Training fährt und danach mit den Kumpels eine Runde Fußball spielt, ist Geschichte. Der Spieler Becker ist geboren.

Es ist der Moment, den Becker später in seiner Autobiografie "Augenblick, verweile doch" als seine ganz persönliche Mondlandung beschreibt. Der Moment, in dem die Menschen in Deutschland sich auf eine neue Zählweise einstellen: 15, 30, 40, Spiel. Boris Becker eint die Nation in ihrer Sehnsucht nach Helden, wenn er spielt, sitzt Deutschland fast geschlossen vor dem Fernseher. Becker bietet interaktiven TV-Genuss, mit ihm kann man leiden, fluchen, jubeln, er vermittelt Triumph und Desaster.

Boris Becker ist jetzt keine Privatperson mehr, er ist ein öffentlicher Mensch. Seine Lebens- und Liebesgeschichten spielen sich unter einem Riesenmikroskop ab, jederzeit für jedermann einsehbar und nachvollziehbar. Frauen und Kinder, Luxushotels und Besenkammern, Erfolge und Misserfolge, die Sympathie mit der Hamburger Hafenstraße, das Heuern und Feuern von Trainern, die Trennung von Günter Bosch und Ion Tiriac, der Krebstod des Vaters - Beckers Glück und Beckers Tränen sind zum Allgemeingut geworden.

Für den Deutschen Tennis-Bund ist der Goldesel Boris Becker ein Glücksfall, mit dem der Verband aber - wie sich viel später herausstellt - nicht umgehen kann. Die Hamburger Schaltzentrale des DTB wird mit Geld förmlich zugeschüttet, der TV-Vertrag mit der Ufa spült in fünf Jahren 125 Millionen Mark in die Kassen am Rothenbaum. Becker löst einen Medienboom aus, wie es in Deutschland in dieser Form bis dato noch nicht gegeben hat.

Und was denkt Boris Becker, heute 52, über den Tag, an dem er nicht nur Wimbledon aus den Angeln hob? "Ich wäre", sagte er stets, "ein besserer Tennisspieler geworden, wenn ich Wimbledon später gewonnen hätte." Und nicht an jenem 7. Juli 1985.

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