Dicht an dicht stehen die Zuschauer auf dem Weg hinauf zum Glières-Plateau, um den Gesamtführenden Primoz Roglic (l.) und seine Kollegen anzufeuern. FOTO: AFP)
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Dicht an dicht stehen die Zuschauer auf dem Weg hinauf zum Glières-Plateau, um den Gesamtführenden Primoz Roglic (l.) und seine Kollegen anzufeuern. FOTO: AFP)

Roglic pariert alle Attacken

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Primoz Roglic ist nach einer souveränen Vorstellung auf der letzten Alpenetappe der Tour-Sieg kaum noch zu nehmen. Tagessieger Michal Kwiatkowski und sein Teamkollege Richard Carapaz sorgen für die emotionalste Zielankunft.

Der sonst eiskalte Dominator Primoz Roglic winkte überglücklich mit Blumenstrauß und Stofflöwe vom Siegerpodest, nachdem er in einer Achterbahnfahrt der ganz großen Gefühle den wohl entscheidenden Schritt zum Tour-Triumph gemacht hatte. In der Manier eines ganz großes Champions parierte der Überflieger alle Attacken auf einer hoch emotionalen letzten Alpenetappe, deren Sieger Michal Kwiatkowski Arm in Arm mit Teamkollege Richard Carapaz über die Ziellinie rollte.

"Alles ist gut gelaufen. Wir haben das Rennen bis zum Ziel kontrolliert. Es ist ein weiterer guter Tag für uns", sagte Roglic nach seiner souveränen Vorstellung bei der Hatz über fünf Pässe und mehr als 5100 Höhenmetern. Und er gestand durchaus ein kleines Gefühlschaos ein: "Ich versuche immer, das Gelbe Trikot zu genießen. Es ist verrückt, die ganzen Leute, alles."

Bei weiter 57 Sekunden Vorsprung auf seinen jungen Landsmann Tadej Pogacar ist ihm der erste slowenische Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt kaum noch zu nehmen. 15 Kilometer vor dem Ziel legte Roglic seine Hand auf die Schulter Pogacars, der am letzten harten Anstieg bis zur Erschöpfung attackiert hatte, und redete aufmunternd auf ihn ein. Das sollte nicht die einzige bewegende Szene des Tages bleiben.

Hirschi stürzt

Kwiatkowski und Carapaz nämlich hatten als Ausreißer den Sieg für das gebeutelte Ineos-Team des am Vortag ausgestiegenen Titelverteidigers Egan Bernal frühzeitig gesichert. Nur: Wer von beiden gewinnen sollte, das war offen, bis sich beide auf den letzten Kilometer grinsend einigten.

"Richard hat gesagt, dass ich den Etappensieg bekomme, denn er hat ja das Bergtrikot heute übernommen", sagte der polnische Ex-Weltmeister Kwiatkowski und meinte mit Tränen der Rührung in den Augen: "Es ist einfach unglaublich, ich hatte den ganzen Weg ins Ziel Gänsehaut. Das muss die Magie der Tour de France sein. Jetzt können wir endlich feiern." Kwiatkowski gedachte auch des am 3. März im Alter von nur 40 Jahren verstorbenen Ineos-Sportdirektors Nicolas Portal: "Wir vermissen ihn so sehr, dieser Sieg ist auch für ihn."

Die Vorentscheidung im Kampf um den Tagessieg fiel am letzten Anstieg, als das Ineos-Duo den Spanier Pello Bilbao abhängte. Zuvor hatte das Spitzenduo von einem Sturz des Schweizers Marc Hirschi profitiert, der auf der Abfahrt des Col des Saisies bei Tempo 68 stürzte und nicht mehr an die Spitzengruppe herankam.

Roglic, der 1:53 Minuten nach dem Ineos-Duo ins Ziel kam, trennen derweil noch 304,7 km sowie eine ultimative Herausforderung beim Bergzeitfahren am Samstag von der ganz großen Party in Paris. Der 30-Jährige hatte mit seinem erneut sehr dominanten Jumbo-Visma-Team alles im Griff, der stärkste Fahrer in der stärksten Mannschaft der Tour zeigte sich als würdiger Patron. Auch zwei mutige Antritte seines schärfsten Kontrahenten Pogacar (UAE Team Emirates) auf der gefürchteten Schotterpiste Plateau des Glieres in der Schlussphase konterte Roglic mit großer Ruhe.

Greipel gibt auf

Somit wartet nur noch eine einzige wirkliche Prüfung auf Roglic: Beim schweren Zeitfahren in den Vogesen über 36 zunächst flache, dann leicht ansteigende und schließlich steile Kilometer hinauf zur Planche des Belles Filles ist der Jumbo-Visma-Kapitän allerdings der klare Favorit - nur Einbruch, Sturz oder Defekt können Roglics Tour-Triumph wohl noch verhindern. Allerdings wurde der Sportdirektor seines Teams von der Tour ausgeschlossen. Der Niederländer Merijn Zeeman wurde laut den Organisatoren dafür bestraft, dass er einen Offiziellen während einer Kontrolle der Räder beleidigt habe.

Für Andre Greipel endete seine vermutlich letzte Tour vorzeitig, der 38 Jahre alte Sprinter aus dem Israel-Team gab gestern als Folge von Sturznachwirkungen und einer Grippe nach gut 30 km auf - zu den elf Etappensiegen des Rostockers wird wohl keiner mehr hinzukommen.

Auf der 19. Etappe könnten heute noch einmal die Sprinter zum Zug kommen. Das 166,5 Kilometer lange Teilstück von Bourg-en-Bresse nach Champagnole weist lediglich einen Berg der vierten Kategorie auf.

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