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Prall und traurig

  • vonred Redaktion
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Anfang April hatte Dieter Müller Geburtstag, er ist 66 Jahre alt geworden - oder acht, je nachdem, welchen Geburtstag man nehmen möchte. Denn Dieter Müller, ein Kind der Nachkriegszeit, Ex-Torjäger des Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln, einziger Sechs-Tore-in-einem-Spiel-Schütze und langjähriger Präsident von Kickers Offenbach, kann sozusagen zweimal im Jahr feiern, einmal am 1. April und noch einmal am 30. September.

An diesem Tag vor acht Jahren hatte Dieter Müller, 58-jährig, in seinem Haus in Maintal einen Herzinfarkt erlitten, 31 Minuten stand sein Herz still, seine spätere Frau Johanna Höhl, holte ihn ins Leben zurück. Heute geht es dem Vize-europameister von 1986 den Umständen entsprechend, sein Herz bringt nur noch 35 Prozent Pumpleistung, aber Dieter Müller schreibt: "Ich stehe im Herbst meines Lebens und versuche jeden Tag zu genießen, weil ich weiß: Der Morgen ist nicht versprochen."

Müller hat viel mitgemacht in seinen 66 Jahren, viel mehr eigentlich als in ein einziges Leben reinpassen würde. Sein Leben war eine Art Achterbahnfahrt, überragende sportliche Erfolge auf der einen Seite, er war ein gefeierter Bundesliga-Star, der für Kickers Offenbach, den 1. FC Köln, VfB Stuttgart und zum Abschluss noch bei Girondins Bordeaux Tore am Fließband erzielte, er war Nationalspieler, eine Ikone in Köln, er hat mit der Creme de la Creme des Weltfußballs zusammen gespielt, hat unter Aime Jacquet, Hennes Weisweiler, Gyula Lorant und Tschik Cajkovski trainiert. Der Fußball, dem er alles zu verdanken hat, hat ihn wohlhabend und berühmt gemacht.

Das ist das eine Leben, das strahlende, glitzernde. Das andere ist tieftraurig, von persönlichen Schicksalsschlägen geprägt, und das war nicht nur der Herzinfarkt. Müller stammt aus kleinen Verhältnissen, der Vater Heinz Kaster verschwand kurz nach der Geburt, Klein-Dieter wuchs bei seinen Großeltern und Tante Annemarie in Offenbach in der Annastraße auf, eine Schwester starb an ihrer Alkoholsucht, eine Tante verlor zwei Kinder. Das Allerschlimmste erlebte Müller, als sein 16-jähriger Sohn Alexander an einem Gehirntumor starb, von einem auf den anderen Moment war nichts mehr wie zuvor. "Ich wusste, wie man eine gegnerische Abwehr auseinandernimmt", sagt Müller in seiner heute erscheindenden Biografie "Meine zwei Leben", "doch den Schicksalsschlägen des Lebens stand ich mehr als einmal ohnmächtig gegenüber." Er ist oft gefragt worden, wie er diese Nackenschläge gemeistert hat, er habe versucht, "auch in den schlimmsten Schicksalsschlägen noch einen Sinn zu erkennen." Sein Glaube an Gott hat ihm geholfen.

"Ich hatte ein außergewöhnliches Leben", sagt Müller heute. Er hat dieses pralle, traurige, hinreißende Leben zwischen zwei Buchdeckel gepackt. Mounir Zitouni, inzwischen Business-Coach, vorher Redakteur beim "Kicker" und einst sein Spieler in Offenbach, hat es aufgeschrieben, hat Zeitzeugen befragt und die berührende Lebensgeschichte eines Fußballhelden liebevoll aufbereitet.

Nur beim Kapitel über den Tod von Alexander hat Müller eingegriffen, die erste Fassung hat ihm nicht gefallen. Er hat dieses Kapitel über die Tragik seines Sohnes dann selbst verfasst. THOMAS KILCHENSTEIN

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