Potenzial für mehr

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(sid). Für die obligatorische Champagnerdusche nahm "Ski-König" Linus Straßer seine Krone gerne ab. "Ich habe schon gemerkt, dass sie ziemlich zerbrechlich ist", sagte der 28-Jährige nach seinem ersten Slalom-Triumph schmunzelnd, als er sich die Prickelbrause aus dem dauergrinsenden Gesicht gewischt hatte. "Unglaublich", "surreal" und "sehr emotional" sei dieser Coup von Zagreb gewesen, berichtete Straßer aufgewühlt.

Es war eine Befreiung für den Münchner, der lange als schlechtere Kopie seines früheren Zimmergenossen Felix Neureuther oder "ewiges Talent" galt. Im Januar 2017 hatte Straßer in Stockholm seinen ersten und bislang einzigen Sieg errungen, doch diesem haftete ein kleiner Makel an: Wie seine weiteren vier Podestplätze glückte er in einem Parallel-Rennen, die im Skizirkus als nicht voll satisfaktionsfähig gelten.

In Zagreb nun trat Straßer als erster deutscher Slalom-Sieger seit Neureuther im November 2017 in die Fußstapfen seines einstigen Vorbildes - und löste endlich das Versprechen ein, als das er immer galt.

Und Zagreb, behauptet Neureuther, war erst der Anfang. "Ich hatte bei ihm nicht das Gefühl, dass er schon am Limit war", sagte der ehemals beste deutsche Skirennläufer dem SID: "Vom Potenzial her ist er einer, der da konstant vorne mitfahren kann."

Der Schlüssel dafür, betonte Straßers Vater Georg Eisenhut im "Münchner Merkur/tz", ist der "Reifeprozess" bei seinem Sohn. Dieser verstehe es endlich, mit den Erwartungen der Öffentlichkeit, aber vor allem mit den eigenen umzugehen, und ruhe "sehr in sich". Dabei spiele das Fehlen der Zuschauer Straßer sogar "in die Karten", meinte Neureuther.

Straßer selbst dachte im Moment seines größten Erfolges laut an den "harten, langen Weg" da hin zurück. Noch im Sommer hatte ihn eine entzündete Quadrizepssehne zu einer Zwangspause von dreieinhalb Monaten gezwungen. Aber all die Enttäuschungen und Rückschläge "waren es wert", meinte er.

Der verletzte Abfahrtsheros Thomas Dreßen verneigte sich im Netz vor dem "wahren Helden", die zurückgetretene Viktoria Rebensburg gratulierte zur "starken Leistung", und Slalomkollege Sebastian Holzmann schrieb: "Du Wildsau!!! Was ein Rennen!" Selbst Rio-Weltmeister Philipp Lahm schickte Glückwünsche "zum sensationellen Sieg", obwohl Straßer für Bayern-Rivale 1860 fährt.

Der vielleicht emotionalste Beitrag kam von Fritz Dopfer. "Wie oft hast du’s probiert, warst verkrampft und hast nicht annähernd dein Potenzial abrufen können?", schrieb der WM-Zweite von 2015: "Aber hey - du bist durch Höhen und Tiefen gegangen und stehst so was von verdient am obersten Podest!" Jetzt, davon ist nicht nur Dopfer überzeugt, "geht der Spaß erst so richtig los".

Mit dem Klassiker am Sonntag in Adelboden, Straßers "Lieblingsrennen", stehen bis Ende Januar sechs weitere Slaloms auf dem Programm, am 16. (Parallel) und 21. Februar geht es in Cortina d’Ampezzo um WM-Medaillen.

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