imago1003508547h_050721_4c
+
Titelverteidiger Tadej Pogacar hat am Samstag das Gelbe Trikot übernommen und dominiert die ersten beiden Hochgebirgsetappen der Tour de France.

Pogacar in Alpen unantastbar

  • VonDPA
    schließen

Der Niederländer Max Verstappen rast mit seinem Sieg vor Zehntausenden niederländischen Fans in Spielberg seinem ersten Titel entgegen. Formel-1- Dauerweltmeister Mercedes hat wieder nichts entgegenzusetzen. Sebastian Vettel scheidet in Österreich aus.

(dpa). Tadej Pogacar blickte seinen Konkurrenten im Dauerregen von Tignes kurz tief in die Augen, trat kräftig in die Pedale und ließ den Rest der Favoriten der Tour de France im bitterkalten Alpen-Finale aussehen wie Amateure. Mit Attacken wie von einem anderen Stern ist der Slowene gleich auf den ersten beiden Hochgebirgsetappen zum unantastbaren Dominator der Tour aufgestiegen, der sein Gelbes Trikot wohl nur noch durch eine aktuell nicht vorhersehbare Schwäche verlieren kann.

»Das Trikot gibt mir ein bisschen mehr Wärme. Das ist gut«, sagte Pogacar und lobte den Etappensieger vom Sonntag: »Ben O’Connor war sehr beeindruckend. Ich habe darum gekämpft, das Trikot zu behalten. Ich hoffe auf schönes Wetter am Ruhetag, so dass ich mich etwas erholen kann«

Der Australier O’Connor war nach einer Bummelfahrt von Pogacar gut zehn Kilometer vor der ersten Bergankunft im 2017 Meter hohen Tignes noch der virtuelle Gesamtführende, ehe der Slowene das Tempo im Finale noch einmal forcierte. »Ich hatte ein wenig Angst, er hätte fast das Trikot geholt«, gab Pogacar zu. O’Connor blieb der Sieg auf der neunten Etappe, Pogacar schlüpfte in ein frisches Gelbes Trikot.

Am Samstag war der 22-Jährige beim Etappensieg des Belgiers Dylan Teuns in Le Grand-Bornand mit einem schlicht unglaublichen 30-Kilometer-Solo in das begehrte Maillot Jaune gestürmt. Einen Tag später sah es so aus, als würde Pogacar das Trikot aufgrund einer taktischen Schwäche wieder verlieren. Erst als das britische Ineos-Team übernahm und Pogacar schließlich antrat, schrumpfte O’Connors Vorsprung auf gut sechs Minuten zusammen. »Ich hatte Angst, dass Tadej noch von hinten herankommt«, sagte O’Connor. In der Gesamtwertung liegt Pogacar nun 2:01 Minute vor O’Connor und schon 5:18 Minuten vor dem drittplatzierten Kolumbianer Rigoberto Uran.

Am ersten Ruhetag am Montag werden sich Pogacars demoralisierte Konkurrenten den Kopf darüber zerbrechen, wie sie den Über-Fahrer noch stoppen können. Viele Antworten werden sie womöglich nicht finden, zu überlegen war der Kapitän der UAE-Mannschaft am völlig verregneten Alpen-Wochenende. »Er ist auf einem anderen Level als alle anderen«, gab Sir Dave Brailsford zu, der Chef des erfolgsverwöhnten britischen Ineos-Teams. Die geschockte Konkurrenz wird sich neue Ziele stecken müssen. Das Team Bora-hansgrohe hofft mit Wilco Kelderman weiter aufs Podium, Emanuel Buchmann will nach großen Zeitverlusten am Wochenende eine Etappe gewinnen.

Roglic steigt aus

Der Vorjahreszweite Primoz Roglic beschloss unterdessen am Sonntag kurz vor dem Start der neunten Etappe, sich den Rest der Tour nicht mehr anzutun. Unter großen Schmerzen aufgrund seines Sturzes auf der dritten Etappe gab der Slowene das Rennen auf. »Es hat einfach keinen Sinn mehr gehabt. Ich habe es versucht, aber die Schmerzen waren einfach zu groß«, sagte 31-Jährige. Bereits am Samstag war Roglic als Drittletzter mit über 35 Minuten Rückstand ins Ziel gerollt. Allerdings in bester Gesellschaft, denn nur einen Platz vor dem Vuelta-Champion lag der frühere Tour-Sieger Geraint Thomas. Der ebenfalls von Sturzverletzungen gezeichnete Waliser kämpft sich aber weiter durch die Tour.

Das wollte Mathieu van der Poel mit Blick auf die Olympischen Spiele nicht tun. Der Niederländer, der bis zum Samstag sechs Tage lang das Gelbe Trikot getragen hatte, trat nicht zur Etappe nach Tignes an. »Ich bin sehr stolz auf meine Leitungen in meiner ersten großen Rundfahrt und will mich nun auf meine anderen Ziele konzentrieren«, sagte der Cross-Weltmeister, der in Tokio im Mountainbike-Rennen starten will.

Zehntausende Verstappen-Fans tauchten den Red-Bull-Ring auf der letzten Runde in orange Rauchschwaden, ihr Liebling scheint seiner ersten Weltmeisterschaft entgegenzuschweben: Die Festwochen von Max Verstappen in der Formel 1 nehmen kein Ende. Nach dem Novum von drei Grand-Prix-Siegen binnen 15 Tagen baute der Niederländer seinen Vorsprung auf Rekordweltmeister Lewis Hamilton auf 32 Punkte aus - und konnte sein Glück kaum fassen.

»Alles war in Orange getaucht, es war unglaublich«, sagte Verstappen, der bei der Rückkehr der Zuschauermassen den nächsten Start-Ziel-Sieg einfuhr: »Das gesamte Paket in beiden Rennen hier war unglaublich. Ich habe es sehr genossen.« Mercedes-Pilot Valtteri Bottas und Lando Norris im McLaren auf den Plätzen waren ebenso nur Statisten wie Mercedes-Topstar Hamilton, der nach einem Fahrfehler mit beschädigtem Unterboden Vierter wurde. »Ich hab mein Bestes gegeben, ich konnte nicht mehr machen«, sagte ein frustrierter Hamilton am Sky-Mikrofon: »Wir müssen uns verbessern. Wenn man sich Max anschaut, zwei Stopps und 18 Sekunden Vorsprung - wir haben viel Arbeit vor uns.«

Sebastian Vettel schied gar aus: Im Kampf um Platz zwölf kollidierte der Aston-Martin-Pilot in der letzten Runde mit seinem Kumpel Kimi Räikkönen im Alfa Romeo, der ihn offenbar übersehen hatte. »Es muss ein Missverständnis gewesen sein. Ich bin sicher, dass es auf beiden Seiten keine Absicht war«, sagte der Heppenheimer. Am Ende wurde der viermalige Weltmeister als 17. geführt und damit einen Rang vor Mick Schumacher, der im unterlegenen Haas ein unauffälliges Rennen fuhr, aber wieder seinen russischen Teamkollegen Nikita Masepin klar im Griff hatte.

Ungefährdeter Start-Ziel-Sieg

Auf dem Red-Bull-Ring gewann Verstappen den Großen Preis von Österreich ebenso souverän wie den Steiermark-Grand-Prix vor Wochenfrist an gleicher Stelle. Mercedes, Weltmeisterrennstall der letzten sieben Jahre, gerät nach fünf Rennen in Folge ohne Sieg entsprechend immer mehr ins Hintertreffen. Eine Erklärung: Mercedes entwickelt bereits seinen Rennwagen für 2022, wenn ein neues Reglement greift. Red Bull hingegen steckt weiter viel Energie in Updates für das aktuelle Auto - momentan zahlt sich das aus. »Wir sind nicht voll gefahren, Mercedes ist voll gefahren und kam trotzdem nicht ran. Das ist sehr beruhigend«, sagte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko.

Das Wochenend-Highlight aus Mercedes-Sicht war damit die Vertragsverlängerung mit Hamilton bis Ende 2023. Erstmals seit 70 Rennen stand allerdings kein Mercedes in den Top Drei der Startaufstellung. Verstappen verteidigte seine Führung beim Start mühelos. Die beiden Mercedes profitierten von einem harten Zweikampf zwischen Norris und Verstappens Teamkollegen Sergio Perez, in dessen Folge der Mexikaner in den Kies fuhr und zurückfiel. Hamilton jagte nun den zweitplatzierten Norris, während sich Verstappen kontinuierlich absetzen konnte. Als Hamilton in der 20. von 71 Runden endlich an seinem jungen Landsmann vorbei kam, war Verstappen bereits neun Sekunden enteilt.

Hamilton hatte nun zwar ebenfalls freie Fahrt, doch wie schon in der Vorwoche verlor der 36-Jährige immer weiter an Boden auf Verstappen, der ungefährdet seinem 15. Formel-1-Sieg und dem fünften in dieser Saison entgegenfuhr. Nachdem Hamilton seinen W12 beschädigt hatte, wies Mercedes seine Piloten zum Platztausch an. Auch Norris schlüpfte an Hamilton vorbei.

Verstappen erhielt am Red-Bull-Ring gewaltige Unterstützung aus der Heimat. Die Corona-Beschränkungen in Österreich sind seit dem 1. Juli deutlich gelockert. Die Ränge entlang der Strecke waren beinahe wie in Vor-Pandemie-Zeiten gefüllt - die meisten der 62 000 Zuschauer trugen Orange und waren in bester Party-Laune.

(sid). Vor dem Griff in seinen Kleiderschrank hat sich Lewis Hamilton Gedanken gemacht. »Loyalty«, also Treue, stand gewiss nicht zufällig auf dem T-Shirt des Formel-1-Rekordweltmeisters, als er im Mercedes-Motorhome seine Unterschrift unter den neuen Vertrag bis Ende 2023 setzte.

Seit 2013 eilt die Kombination Mercedes/Hamilton von Erfolg zu Erfolg, in den vergangenen sieben Saisons gingen alle WM-Titel nach Stuttgart und Brackley, Hamilton holte sechs seiner sieben Meisterschaften mit dem Team. Gemeinsam will man auch in den nächsten Jahren Titel feiern - trotz oder gerade wegen der derzeitigen Widrigkeiten. In Red Bull und Max Verstappen sind den Dauersiegern nämlich mindestens ebenbürtige Gegner erwachsen.

»Als die Autos am Saisonbeginn so dicht beieinander lagen, war das die aufregendste Zeit für mich. Ich hatte gehofft, das würde so bleiben. Leider sieht es derzeit nicht danach aus«, sagte Hamilton. Dennoch habe er sich dabei ertappt, »wie ich aufgewacht bin und gleich ans Rennfahren gedacht habe.« Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff hat registriert, dass in seinem Star-Piloten »die Leidenschaft brennt«. Die Einigung über zwei weitere Jahre hat einen Grund: 2022 greift ein neues Reglement, in den kommenden Boliden investiert Mercedes schon jetzt den größten Teil seiner Entwicklungsarbeit. »Nur um ein weiteres Jahr zu verlängern, machte keinen Sinn. Wir wollten Stabilität«, erklärte Wolff.

Der Niederländer Max Verstappen rast im Red Bull zur Begeisterung seiner Landsleute in Österreich seinem fünften Saisonsieg entgegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare