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Olga Korbut, die "Mutter des Turnens"

  • vonred Redaktion
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10 000 Zuschauer in der Münchner Olympiahalle - und alle wären sie in diesem Moment am liebsten nach unten gerannt auf die Wettkampffläche und hätten diese kleine Person in den Arm genommen. Die Rede ist von Olga Korbut. Sie weinte.

Korbut war einer der großen internationalen Stars der Olympischen Spiele von 1972. Ein bleibender Name - wie Mark Spitz mit seinen sieben Goldenen im Schwimmen, wie John Akii-Bua, der 400-Meter-Hürdenläufer aus Uganda, Publikumsliebling in der Leichtathletik. Und eben Olga Korbut aus der Sowjetunion. Sie gewann dreimal Gold und einmal Silber im Turnen. Doch bei ihr ging es nicht um den vordergründigen Erfolg und um Perfektion - sondern um die Bande, die sie mit ihrer Performance zu den Menschen knüpfte. Sie riss mit, sie wurde binnen Sekunden adoptiert, weil sie mit ihren 38 Kilo und 1,53 Metern so klein und zerbrechlich war. Und man litt eben auch mit ihr, als sie im Mehrkampf die Übung am Stufenbarren komplett versemmelte und Siebte statt Erste wurde. Da weinte sie bitterlich.

Olga Korbut, 17, Pferdeschwänze, "der Spatz von Minsk". Für die einen Tochter, für die anderen Schwester oder ein Fernseh-Schwarm im Sommer vor 48 Jahren. Die westdeutschen Zuschauer hielten zu der Weißrussin - und nicht zu denen der nahezu gleichstarken DDR-Equipe.

Später sagte sie: "An Medaillen und Titeln bin ich nicht interessiert. Ich brauche sie nicht. Ich brauche die Liebe des Publikums, und dafür kämpfe ich." Diese Liebe erfuhr sie vor fast 48 Jahren in München im Übermaß.

Freilich geht es auch um die sportliche Wertigkeit. Sie nennt sich selbst "Mutter des Turnens", sie meint das moderne Turnen, das mit München neu ausgerichtet wurde. Nicht mehr die eleganten Damen mit ihren Hochsteckfrisuren dominierten den Sport, sondern biegsame und federleichte jüngere Athletinnen.

Vier Jahre nach Olga Korbuts olympischer Premiere stand mit der Rumänin Nadia Comaneci eine bereit, die diese Entwicklung noch forcierte. Zur Geschichte von Comaneci gehören allerdings auch der hyperautoritäre Trainer (Bela Karoly), Drill und Leiden. Auch bei Olga Korbut gibt es eine Geschichte hinter der Fröhlichkeit, die sie zeigte, wenn sie nach der Übung ohne Wackler gelandet war.

Am heutigen Samstag wird Olga Korbut 65. Lange hatte sie weiter ihr Turnerinnen- und Starleben fortgeführt. 1976 noch einmal Olympia, 1978 Heirat mit Leonid Bertkowitsch, dem Sänger einer sowjetischen Popgruppe. Sie war eine sozialistische Celebrity. Im Jahr 2000, in zweiter Ehe, wanderte sie nach Arizona aus und betreibt dort seitdem eine Turnschule.

Vor zwei Jahren, als sich Frauen zu Wort meldeten, die vom US-Filmproduzenten Harvey Weinstein sexuell belästigt und vergewaltigt worden waren, klagte sie ihren ehemaligen Trainer an. Vor der Abreise nach München im August 1972 hätte Renald Klish sie im Minsker Hotel "Jubilee" missbraucht Der hochbetagte Klish stritt, als 2018 Olga Korbut ihre Erfahrungen öffentlich machte, alles ab: "Lüge vom ersten bis zum letzten Wort! Ist das ihr Dank, dass ich sie weltberühmt gemacht habe?" Zu einer strafrechtlichen Verfolgung kam es nicht.

Auf Bildern wiedererkennen würde, wer 1972 im Kopf hat, Olga Korbut wohl nicht. Sie ist immer noch ein Leichtgewicht, in einem Interview von 2012 kokettierte sie: "Ich habe nur drei, vier Pfund mehr als zu meiner aktiven Zeit. Wäre das Alter kein Hindernis, könnte ich an den Spielen in London teilnehmen." Aber natürlich ist ihre Figur viel fraulicher geworden. In München war sie ein Mädchen.

Ihren Familiennamen behielt sie nach der Heirat. Olga Korbut, das ist eine Marke. Auch nach fast fünf Jahrzehnten. Als Wachsfigur gibt es sie (auf dem Schwebebalken, ihrem besten Gerät) im Berühmtheiten-Kabinett von Madame Tussaud, die US-Zeitschrift "Sports Illustrated" zählte sie zu den 40 wichtigsten Sportlern der Geschichte, Die Medaillen (mit Montreal viermal Gold, zweimal Silber) hat sie versteigert. Dass das wegen finanzieller Probleme geschah, bestreitet sie: Fake! Sie sei ein glücklicher Mensch. Sicher war sie einer, der andere glücklich machte. Oder mitfühlend stimmte. Wie in München. Als sie 17 und ein Spatz war. Günter Klein

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