Fußball / Bundesliga

Das war nichts Trostlose Nullnummer Leipzig stürmt direkt in die Champions League

So schlecht hat Niko Kovac die Frankfurter Eintracht noch nie in seiner Amtszeit erlebt. Die desaströse Leistung gegen den VfL Wolfsburg ärgert den Frankfurter Trainer mächtig.

Von GW

Pokalfinalist und souveräner Nichtabsteiger: Eintracht-Fans, was wollt ihr mehr? Voriges Jahr um diese Zeit schien der Abstieg festzustehen. Jetzt gibt es eine Berlin-Party als Zugabe. Nur Traumtänzer finden’s nicht traumhaft.

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Red Bull in der Champions League. Sportlich immerhin eindrucksvoller, als einen Österreicher aus dem Flugzeug abzuwerfen. Oder einen Kenianer mit Spoilern im Windschatten eines Hasen-Autos um die Rennbahn zu hetzen. Red Bull hat auch den besseren Hasen(hüttl) als Nike. Sein Vorschlag zur Spontanheilung Schwerverletzter: fünf Minuten Schutzsperre für sich am Boden windende Profis. Nebeneffekt: Dann dauert ein Spiel wieder 90 Minuten.

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Hasenhüttl gibt seinen Spielern bis Mittwoch frei. So etwas gibt es nur im Fußball, wundere ich mich oft. Diesmal nicht. Für Leipzig ist die Saison mit dem Wunschtraumerfolg beendet, da kann man es getrost schleifen lassen. Auch Wettbewerbsverzerrung ist nicht zu befürchten. Die letzten zwei Gegner: Bayern und Eintracht.

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Nächste Saison kommt der Videobeweis. Das Konfliktpotenzial steckt schon im Namen: VideoBEWEIS. Sinnvoll und konfliktfrei ist nur die VideoHILFE für den Schiedsrichter. Aber dieses Gummi kaue ich nicht mehr durch. Will nicht auf die Kaudrauf-Bestenliste. Die Medaillen dort sind eh vergeben: Ferguson - Ancelotti - Kahn.

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Täuscht der Eindruck, oder kaut nur die alte Garde? Sind Tattoos das Kaugummi der Fußball-Moderne? Na ja, Guardiola oder Tuchel kauen weder Kaugummi noch sind sie sichtbar tätowiert. Nagelsmann auch nicht, "unser" Nico sowieso nicht.

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Apropos Tuchel: Schrill scheppert das Schweigen zwischen Trainer und Boss. Watzke deutet an, der Coach habe intern etwas anderes gesagt als öffentlich am Tag danach. Oder stinkt es einem eitlen Fa.., quatsch, oder ärgert es Watzke nur, dass er kritisiert und sein Untergebener belobigt wurde? Wie es auch gewesen sein mag: Tuchel und der BVB, das passt einfach nicht. Vielleicht sollte Tuchel, siehe alte Garde, im Spiel nicht mit vier bis fünf Extremitäten herumfuchteln, sondern mit zwei Kiefern genauso leidenschaftlich kauen. Das kommt bei Fußball-Traditionalisten besser an.

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Sorry. Zu albern. Fast so albern wie der Nicht-Rekord von Monza (in Herzogenaurauch stieg eine Spontan-Fete) oder die Bestrebungen, alle Leichtathletik-Rekorde aus der Vergangenheit zu annullieren. Weil: zu gut, um unverdächtig zu sein. Hübscher Treppenwitz: Kaum wurde die Diskussion angestoßen, bricht ein Speerwerfer den verdächtigen Rekord aus dem Jahr 1986. Vielleicht wäre der Speer sogar bis auf Uwe Hohns fabulöse 104,80 Meter aus dem Jahr 1984 geflogen, denn aus Sicherheitsgründen wurde danach bei dem 800-Gramm-Gerät der Schwerpunkt verändert, sodass es steiler fliegt und früher absinkt.

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Wie zum Hohn hält Hohn zwei andere phänomenale Wurf-Weltrekorde: 100,02 Meter mit einer DDR-F1-Handgranate und 44 Meter ... mit einem Streichholz! Nur den Weltrekord im Rohes-Ei-Werfen, den hält ein finnisches Duo: 73 Meter, heil aufgefangen. Schwerter zu Pflugscharen? Macht Handgranaten zu rohen Eiern! Oder wenigstens zu Streichhölzern.

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In der Diskussion ist auch der Vorschlag, die alten Rekorde zu belassen und neue Rekordlisten zu führen. Gar nicht so übel, denn im Klartext heißt das, die ehrlich gedopten Rekorde des 20. Jahrhunderts von den unehrlich ungedopten des 21. Jahrhunderts abzugrenzen. Zu denen hätte auch der Hasenlauf von Monza gehört, wenn nicht ... 25 Sekunden ... hihihi, kichert es schadenfroh von Herzogenaurach bis Mittelhessen.

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Immer wieder wird alter Wein in neue Schläuche verpackt und als neue Sau durchs Dorf oder alter Hase durch Monza getrieben, wenn die Stilblüte mal erlaubt sein möge. Unser Innenminister versucht es mit einem neuen Trick und will uns alten Wein im alten Schlauch verkaufen. Leitkultur! Ist doch längst ancelottig durchgekaut und hat einen längeren Bart als jeder volltrottelige vollzottelige Islamist.

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Schwierig wird es schon mit dem neuen Ersten Gebot: "Wir geben uns zur Begrüßung die Hand." Als ich letztes Jahr zum Check im Facharztzentrum war und versehentlich dem mir bekannten Mediziner, einem Fußballtorwart, die Hand reichen wollte, wich dieser mit erhobenen Händen zurück. Vor ein paar Tagen war ich wieder einmal im Krankenhaus. Das ist ganz sicher nicht muslimisch unterwandert, aber dennoch las ich, bevor ich zur Entbindungsstation hoch fuhr, den freundlichen Hinweis, bitte dem Arzt nicht die Hand zu geben. Die Mediziner wissen eben, was wirklich ansteckend wirken kann.

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Ach ja, zur Sicherheit, wegen der Entbindungsstation: Ich kam nur als Besucher. Sooo weit geht meine Identifikation mit meiner liebsten Zielgruppe nun doch nicht. (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog "Sport, Gott & die Welt" / Mail: gw@anstoss-gw.de)

In Niko Kovac brodelte es. Nach dem Offenbarungseid beim 0:2 (0:0) gegen den VfL Wolfsburg ging der Trainer von Eintracht Frankfurt mit seinen Schützlingen ungewohnt hart ins Gericht. "Ich habe heute bei vielen Spielern nicht die Bereitschaft gesehen, alles für den Nebenmann zu geben", prangerte Kovac an. "Es war zu viel Stückwerk, zu viel allein. So habe ich die Mannschaft, seit ich hier bin, noch nie gesehen. Das war von vorne bis hinten nicht das, was ich mir vorstelle, einfach gesagt schlecht."

Rums – das hatte gesessen. Eine Erklärung für das kollektive Versagen hatte Kovac nicht parat. Zumal er vor dem über weite Strecken unansehnlichen Spiel noch davon gesprochen hatte, dass sich jeder Spieler in der Bundesliga-Endphase für das Pokalfinale in drei Wochen gegen Borussia Dortmund empfehlen könne. Diese Botschaft blieb offenbar ungehört. Die Eintracht agierte pomadig, ideenlos, kraftlos. "Es hat den Anschein gemacht, dass hintenraus die Power gefehlt hat", räumte Abwehrspieler Bastian Oczipka ein. Nach den Gegentoren von Daniel Didavi in der 48. Minute und Mario Gomez (63.) war die Luft raus. "Der Gegner musste gar nicht viel dafür machen", stellte Ersatzkapitän Timothy Chandler fest.

Drei Wochen vor dem großen Spiel in Berlin befindet sich die Eintracht körperlich und mental in einem Zustand, der Kovac Sorgen bereiten dürfte. "Wir müssen uns jetzt alle noch einmal zusammenreißen und die nächsten Spiele besser gestalten", forderte Chandler. Das wird auch ein Charaktertest, denn als Tabellenelfter mit 41 Punkten können sich die Frankfurter über die Bundesliga wohl kaum noch für die Europa League qualifizieren. Da liegt es nahe, dass sich alle auf den 27. Mai fokussieren – den Tag des Pokalendspiels. "Wir wollen uns erst auf die Bundesliga konzentrieren, um das Positive für das Finale mitzunehmen", versprach Oczipka. "Eine Niederlage wie heute kann ja absolut nicht der Sinn sein. Das war zuhause einer der schwächsten Auftritte in diesem Jahr. Wir müssen jetzt die Kurve kriegen und in den nächsten beiden Spielen punkten."

Dafür bedarf es einer gehörigen Leistungssteigerung und einer gewissen Coolness beim Abschluss, die den Frankfurtern in drei aussichtsreichen Situationen fehlte. Branimir Hrgota vergab kurz vor dem 0:2 mit einem Kopfball, den VfL-Keeper Koen Casteels parierte, den möglichen Ausgleich. Später trafen Marco Fabian und Haris Seferovic aus jeweils fünf Metern das Tor nicht. Es war der traurige Höhepunkt an einem völlig missratenen Nachmittag vor 49 000 Zuschauern. "Es fällt mir schwer, das zu erklären", sagte Kovac. "Wir werden analysieren, aber das entschuldigt nicht diese Leistung."

Kritik an Bezahlkarten-Anbieter

Unterdessen haben sich die Betreiber der Commerzbank-Arena massiv über Schwierigkeiten mit den Bezahlkarten des Anbieters Payment Solutions bei der Partie Frankfurt gegen Wolfsburg beschwert. "Wir verstehen und teilen die Verärgerung unserer Gäste und Besucher und kritisieren scharf, dass der vom Insolvenzverwalter schriftlich zugesicherte geregelte Betrieb nicht umgesetzt wurde", hieß es in einer Pressemitteilung der Betreibergesellschaft. Payment Solutions droht die Insolvenz. Für das letzte Heimspiel gegen Leipzig soll rechtlich geprüft werden, ob an den Stadionkiosks auch Barzahlung möglich ist und welche Optionen die Fußballfans bei der Rückgabe ihrer Bezahlkarten für das Stadion haben.

Zudem werde geschaut, ob Besitzer der Karten das Restguthaben auch anderweitig nutzen könnten.

Mit einer gehörigen Portion Zweckoptimismus klammerten sich der Hamburger SV und Mainz 05 nach dem trostlosen 0:0 an ihre Hoffnungen im Bundesliga-Abstiegskampf. "Ich kann mir vorstellen, dass der Punkt Gold wert sein kann", sagte HSV-Coach Markus Gisdol, dessen Team weiter auf dem Relegationsrang festsitzt. "Das war kein Leckerbissen, und das war kein unwichtiger Punkt", betonte auch Gegenüber Martin Schmidt, der HSV-Torhüter Christian Mathenia für seine gute Leistung im Keller-Duell am Sonntag lobte. Ihn hatte er bei Mainz in der Jugend betreut. "Abstiegskampf ist dreckig, das war eine gute Reaktion nach Augsburg", sagte Mathenia, der den Punkt festhielt. "Der Punkt ist auf jeden Fall zu wenig. Schade, dass wir nicht gewonnen haben", sagte HSV-Sportdirektor Jens Todt, meinte aber: "Es kann noch ein wertvoller Punkt sein." Kämpferisch sei es im Vergleich zum 0:4 in Augsburg ein großer Schritt nach vorn gewesen. Sein Mainzer Kollege Rouven Schröder meinte: "Man hat gesehen, dass beide Mannschaften Riesendruck haben. Wir stehen vor Hamburg, und das zählt."

Die letzten beiden Spieltage der 54. Bundesligasaison versprechen Spannung pur. Eine Woche nach dem neuerlichen Titelgewinn des FC Bayern stehen der erste Absteiger und der zweite direkte deutsche Teilnehmer an der Champions League fest. Weitere Entscheidungen stehen noch aus. Dass für den SV Darmstadt 98 das Erstliga-Abenteuer nach zwei Jahren beendet ist, war keine Überraschung mehr. Auch wenn sich das Team von Torsten Frings in den vergangenen Wochen mit einer kaum für möglich gehaltenen Serie gegen das Unvermeidliche gestemmt hatte. Nach dem 0:1 beim Rekordmeister von der Isar ist der Klassenverbleib rechnerisch nicht mehr möglich.

Weiter rechnen und bangen müssen der HSV und Mainz 05. Das Duell zwischen dem noch nie abgestiegenen Tabellen-16. aus Hamburg und dem -15. endete am Sonntag 0:0. Damit kommen beide Mannschaften auf 34 Punkte und weisen vier Zähler Differenz auf den Vorletzten FC Ingolstadt auf. Der HSV hat mit minus 29 Treffern allerdings ein zusätzliches Handicap. In ganz anderen Regionen, nämlich weit oben, tummelt sich der SC Freiburg: Nach dem 2:0 zum Abschluss des 32. Durchgangs gegen enttäuschende Schalker ist der Aufsteiger aus dem Breisgau Fünfter – die Europa-League-Teilnahme rückt immer näher.

Stolz war Ralph Hasenhüttl – und mit ihm alle, die zur tollen Saison von RB Leipzig beitrugen. Der Aufsteiger kann nach dem 4:1 in Berlin auf eine Spielzeit der Rekorde zurückblicken. Bis in den frühen Morgen feierten die Sachsen den Einzug in die Gruppenphase der Königsklasse in einem Leipziger Nobelclub. Von Hasenhüttl erhielten die Spieler drei Tage frei für einen Kurztrip in die Sonne.

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