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Neue Werte nach Corona?

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Wahre Einsichten oder doch nur notgedrungenes Handeln im Existenzkampf? Wie wird Corona den Sport verändern? Eine Zukunftsforscherin und ein Philosoph machen sich Gedanken. Es geht vom Breitensport bis hin zu Olympia.

Es ist ein sonniger Tag im August 2021. In Tokio brennt das Olympische Feuer. Die Menschen sind gut gelaunt, Sportlerinnen und Sportler springen, rennen, kämpfen um Medaillen, auf den Tribünen jubeln Zuschauer. Die deutschen Fußball-Nationalspieler haben sich gerade von der EM erholt und trainieren wieder mit ihren Kollegen im Verein - alle zusammen auf einem Platz. Lewis Hamilton schickt sich an, mit dem achten Titel Rekordweltmeister Michael Schumacher endgültig als erfolgreichsten Formel-1-Piloten abzulösen. Die ganze Welt dreht sich wieder im normalen Tempo. Die Corona-Krise aus 2020 ist vor allem schlimme Erinnerung.

Wird dieser Sport-Tag im August 2021 aber vielleicht ganz anders aussehen als angenommen, selbst wenn es keine Einschränkungen mehr gibt?

Der Sport verändert sich bereits - Die gute Nachricht sei, "dass sich trotz Corona an der Sportgesellschaft und dem Interesse der Menschen an Bewegung und Sport nichts ändern wird", prophezeit die Zukunfts- und Trendforscherin Anja Kirig. "Sport an sich ist aber bereits dabei, sich durch die Pandemie zu verändern. Das betrifft zum einen den Breitensport, den professionellen Sport und die Fankultur." Vieles werde aktuell auf den Kopf gestellt, was früher selbstverständlich war und vieles auf die Beine gestellt, was vor Corona für viele undenkbar gewesen sei.

Sporttreiben in Vereinen ist in Zeiten von Kontaktsperren praktisch nicht möglich. Die Bedeutung digitaler Angebote wächst. Seien es Online-Kurse oder Plattformen zum Mitmachen. Klarer Trend: Der Sport kommt zum Menschen, anders geht es durch die Maßnahmen im Kampf gegen die weitere Ausbreitung des Virus auch gar nicht.

"Künftig wird es selbstverständlich sein, dass sich analoge mit digitalen Angeboten vermischen. Es geht darum, diejenigen, die nicht an einem Training teilnehmen können, dennoch mit einzubinden, Angebote zu unterbreiten", erklärt Kirig. Das werde eine der großen Aufgaben für die Post-Corona-Zeit im Sport.

Schluss mit der Zügellosigkeit oder nur ein Intermezzo? - Immer schneller, immer weiter, immer besser - immer gieriger. Corona könnte ein Entschleuniger im Sport sein. Ein Rückbesinner, auch und erst recht im Milliardengeschäft Fußball. "Das Virusgeschehen kann noch lange dauern, und es kann sein, dass dann viele Leute, die im Fußball tätig sind, Angehörige verloren haben. Das sind sehr elementare Erfahrungen, die man macht; Erfahrungen der Verunsicherung. Vielleicht entwickelt man ein anderes Verhältnis zum eigenen Körper", erklärt Philosoph und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer.

Die Wiedererkennung von Gesundheit als höchstem Gut. "Das hat zur Folge, dass man auch eine etwas andere Einstellung zum Sport gewinnt. Diese Unbefangenheit und die Bereitschaft, Raubbau zu betreiben am eigenen Körper, könnte durch diese Krise etwas gedämpft werden. Das wäre eine Vermutung, jedenfalls zunächst einmal im Breitensport. Einiges davon könnte auch im Spitzenfußball hängenbleiben. Dann sind diese irrsinnigen Ablösesummen eigentlich nichts mehr, was das Publikum entzückt."

Ende der Sorglosigkeit oder wie Fanverhalten künftig aussehen könnte - Der Sport als Unterhalter braucht sein Publikum. Geisterspiele und Geisterrennen sind aus der Not geboren und zumindest besser als gar nichts, solange sie TV-Gelder generieren und fehlende Einnahmen des Vor-Ort-Besuchers kompensieren. Dennoch: Zuschauer motivieren, Zuschauer treiben an, Zuschauer fiebern mit.

Und mehr: Beim Stadionerlebnis sei es gar nicht so wichtig, ob der Verein gewinne oder verliere, "wenn die Gemeinschaftskultur stimmig erlebt werden kann. Die Fans wollen eingebunden sein, mitgestalten. Wir bewegen uns aus der Konsum- und Berieselungskultur raus. Gerade aktuell kann man exzellent sehen, wie viel Kreativität Menschen an den Tag legen. Diese Kreativität verbindet auch", sagt Zukunftsforscherin Kirig.

Verbindung trotz Abstand. Philosoph Gebauer rechnet auch damit, dass die Sorglosigkeit, "mit der man aufseiten des Publikums Massenevents bis jetzt begrüßt und verfolgt hat", künftig sehr gedämpft sein wird. "Wir werden vermutlich nach der Corona-Krise nicht mehr den gleichen Enthusiasmus haben, uns diesen Events hinzugeben, sich bedingungslos für Sport zu interessieren." Kaum ein Bereich ist nicht von der Pandemie irgendwie berührt. "Jede Familie wird vermutlich davon betroffen sein, dass irgendjemand seinen Job oder Geld verliert. Das ist etwas, was die Hochphase, in der wir in den letzten 30 Jahren gelebt haben, nicht nur dämpfen, sondern weitgehend beenden wird", befürchtet Gebauer.

Aufgabe für Olympia - Der Sport könnte sich rückbesinnen. Alles ein bisschen kleiner, bescheidener. Die Athleten rücken wieder mehr in den Vordergrund. "Die Frage aus Perspektive der Hauptprotagonisten wird sein, ob diese Formate, die häufig auf Leistung und Nationen abgestimmt sind, in Zukunft noch adäquat sind", sagt Zukunftsforscherin Kirig sogar. "Trotz nationaler Eskapaden zeigt sich aktuell weltweit ein einzigartiges Gemeinschaftserleben, dass die kollektive Identität stärken kann. Olympiaden und Weltmeisterschaften sollten überlegen, wie sie ihr Konzept anpassen können, sodass Athleten, Sportler und Teams sich beweisen können, aber jenseits der gestrigen Parameter." Man darf also gespannt sein auf den sonnigen Tag im August 2021.

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