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Lichtgestalt mit Schattenseiten

  • vonSID
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Franz Beckenbauer hat sich immer als Glückskind gesehen. Er war Superstar beim FC Bayern, Welt-meister als Spieler und als Trainer, Werbe-Ikone, Lebemann - und Macher des "Sommermärchens" 2006, was der Krone des "Kaisers" im Nachgang manchen Kratzer zufügte. Heute wird er 75.

Er hat es oft gehört. Er, Franz Beckenbauer, habe viel Glück gehabt in seinem Leben. Und er streitet es ja auch nicht ab, er hat es nie getan. "Natürlich" sei er ein vom Glück verwöhntes Sonntagskind. "Alle Sonntage der Welt sind in mir vereint", und das sei doch auch "klar, wenn man so ein Leben hat, angefangen aus dem Nichts kommend", sagte er vor einigen Jahren in einer Dokumentation der ARD. Glück gehabt?

Vieles von dem Glück, das ihm widerfahren ist, sofern es wirklich nur Glück war, hätte Beckenbauer vermutlich gerne eingetauscht in den vergangenen Jahren: Auf die Lichtgestalt des deutschen Fußballs sind Schatten gefallen. So liegt vor allem seine Rolle beim Skandal um das "Sommermärchen" weiter im Dunkeln. Zu einer gerichtlichen Aufklärung kam es nicht - seine Gesundheit sei zu stark angegriffen, hieß es.

"Was da alles war in den letzten Jahren. Mit all den Operationen und auch mit der Geschichte 2006. Das hat mich schon sehr mitgenommen", sagte Beckenbauer in einem am Mittwoch veröffentlichten Beitrag der Bild-Zeitung. Seit 2016 musste Beckenbauer unter anderem zweimal am Herzen operiert werden. Aus der Öffentlichkeit hat er sich weitgehend zurückgezogen - immerhin war er nach der Corona-Pause zweimal im Stadion beim FC Bayern. Dem Klubmagazin "51" hat er nun ein selten gewordenes Interview gegeben zu seinem 75. Geburtstag und bekannt: Dieses Alter mache ihn "zum ersten Mal in meinem Leben ein bisschen nachdenklich".

Schicksalsschlag: Tod seines Sohnes

Über den Tod hat Beckenbauer häufig philosophiert, und er war auch direkt mit ihm konfrontiert: Am 31. Juli 2015 starb sein drittgeborener Sohn Stephan im Alter von 46 Jahren an einem Hirntumor. Beckenbauer war mit ihm zu den besten Spezialisten gereist - vergebens. Das Grübeln zum 75., sagt er nun, rühre daher, "dass man zwangsläufig mal an den Punkt kommt, an dem man darüber nachdenkt, dass das Leben endlich ist: Wann ist es so weit, dass Du entschwindest?" Wenn er zurückblicke, sei er "sehr zufrieden", versichert der fünffache Vater Beckenbauer, und das sei "das Wichtigste". Diese Zufriedenheit kann man als Glück bezeichnen, doch es ist mitnichten so, dass ihm alles nur zugeflogen ist: Dass aus dem begnadeten Fußballer der "Kaiser", später der erfolgreiche Teamchef, eine Lichtgestalt, der OK-Chef der WM 2006 und Gottvater des "Sommermärchens" wurde, ist nicht nur mit Glück zu erklären.

Erfolg, hat Beckenbauer gesagt, "ist auch vom Glück abhängig" - aber: "Vor allem steckt harte, konsequente Arbeit dahinter." Es mag für Außenstehende so ausgesehen haben, als werde alles zu Gold, was der "Kaiser" anfasst, doch in Wahrheit war er nie einer, der einfach sagt: "Schau’n mer mal."

Tatsächlich hat Beckenbauer Entscheidungen oft aus dem Bauch heraus getroffen, "es waren immer Schritte, die ich gemacht habe, ohne darüber nachzudenken, ob es mir etwas bringt oder nicht", beteuerte er. Es gibt Menschen, die ihn gut kennen, die behaupten daher: Im WM-Skandal hat Beckenbauer Papiere unterschrieben, ohne zu wissen, was drin stand oder die Folgen sein könnten. Es würde zu ihm passen.

Dass ihm seine Fehler in der Regel verziehen wurden, hat auch mit Beckenbauers Art zu tun. Ein Spruch, ein Schmunzeln - und alles scheint nur halb so wild zu sein. Das Glückskind aus dem Münchner Arbeiterviertel Giesing mag Kaiser und Lichtgestalt geworden sein, entrückt ist "der Franz" nie.

Beckenbauer konnte aber auch anders sein: aufbrausend, cholerisch, verletzend. Legendär etwa eine Rede nach dem 0:3 des FC Bayern 2001 in Lyon, als er die Spieler um Kapitän Stefan Effenberg verhöhnte. Wenn es um Fußball ging, war er Perfektionist, duldete keine Zweitklassigkeit - ein Problem bei einem, der vom Weißbierglas ins Loch der Torwand treffen kann.

Und Beckenbauer war oft gedankenlos. Als Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees votierte er für Russland als Ausrichter der WM 2018 - und unterschrieb danach einen Vertrag mit einem russischen Gasproduzenten. Über den WM-Gastgeber 2022 sagte er: "Ich habe noch nicht einen einzige Sklaven in Katar gesehen. Die laufen da frei rum." Er sei oft vor Ort, sein Bild daher "realistischer".

Und was ist nun Glück für ihn? "Glück", sagt Beckenbauer, "ist kein Dauerzustand. Aber es gibt glückliche Momente im Leben. Wenn man sie lange festhalten und sie wiederholen kann: Das ist großes Glück."

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