Ein Bild aus schlechten Tagen: Diego Maradona hat seinem Körper viel zugemutet.
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Ein Bild aus schlechten Tagen: Diego Maradona hat seinem Körper viel zugemutet.

Ein Leben zwischen den Extremen

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Neulich noch auf Twitter, als alle Diego Maradona zu seinem 60. Geburtstag huldigten, die Bemerkung eines Journalisten vom Nachrichtenmagazin "Spiegel": Einer der größten Erfolge Maradonas sei es ja wohl gewesen, dass er seinen 60. Geburtstag überhaupt geschafft habe.

Am 30. Oktober erst stiegen die Feierlichkeiten zum runden Geburtstag des Argentiniers, der Hamburger Medienunternehmer Oliver Wurm brachte extra noch ein Magazin an den Kiosk - und hatte sogar eine Neuauflage im Sinn: Über Instagram fragte er beim großen Diego auf Spanisch um ein Interview nach. Es kam keine Antwort. Schon kurz nach den Feierlichkeiten war zu erfahren, dass er ins Krankenhaus gebracht worden war. Und gestern dann die Meldung, die alle ja irgendwie befürchtet hatten: Diego Maradona ist tot. Der Mann, der die Welt verzaubert, sie oft aber mit seinem obszönen Lebenswandel auch vor den Kopf gestoßen hatte.

Glanzzeit in Neapel

Voriges Jahr war ein Film des Regisseurs Asif Kapadia über ihn ins Kino gekommen. Eine Dokumentation, an der er tatsächlich mitgewirkt hatte. Sie zeichnete seinen Weg aus einfachen Verhältnissen an die Spitze des Weltfußballs nach. Sie beschönigte nichts, zeigte, wie er sich beim FC Barcelona, seinem ersten großen Club in Europa, bei einer wilden Schlägerei auf dem Spielfeld unmöglich machte und wie er nach seinem Wechsel zum SSC Neapel in die Fänge der örtlichen Mafia-Clans geriet.

Aber immer wieder die Bilder der Begeisterung, die er auslöste. Diese gebeutelte Stadt, ständig in Gefahr, von Vulkanasche bedeckt oder von ihrer Armut erdrückt zu werden, erblühte durch Maradona. Diego und Neapel, das war eine große Liebe. In München erinnert man sich mit warmem Herzen, wie man im UEFA-Pokal gegen Neapel und Maradona rausflog. Machte nichts. Denn die Zuschauer, die damals rechtzeitig ins Olympiastadion gefahren und gegangen waren, bekamen die größte Aufwärmshow aller Zeiten zu sehen. Die Schnürsenkel ließ Maradona offen, als er spontan die Stadionmusik aufnahm und mit dem Ball tanzte wie mit einem Menschen, den er nicht inniger lieben könnte.

Zu jener Zeit hatte allerdings auch schon der Raubbau an seinem Körper begonnen. Er war ohnehin untersetzt, hatte eine Neigung zur Pummeligkeit. In einem Sommer schnellte sein Gewicht 14 Kilo hoch, Maradona erklärte es mit den Grillpartys an Argentiniens Stränden. Er setzte Appetitzügler ein, um wieder in Form zu kommen. Im Klartext: Er dopte, putschte sich auf. Von der Weltmeisterschaft 1994 in den USA wurde er ausgeschlossen, es war der größte Dopingskandal in der Geschichte des Weltfußballs.

Doch man sah ihm das nach, sogar in Argentinien, wo sich eine um ihn gerankte Glaubensgemeinschaft, die "Kirche Maradonas", bildete. Wenn die Nationalmannschaft bei Turnieren auftrat, wie zuletzt bei der WM 2018 in Russland, waren die speziellen Diego-Fans schon da, um ihre Banner an den Stadionzäunen anzubringen. Lionel Messi, der vielleicht der noch komplettere und vor allem viel diszipliniertere Fußballer war, schlug diese Verehrung nie entgegen. Natürlich hatte Messi allerdings weniger erreicht für Argentinien.

Die Hand Gottes

Diego Maradona war der Star der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko. In einem Spiel, dem Viertelfinale gegen England, zeigte er all seine Facetten, die betrügerische und die geniale. In England schimpfen sie noch heute auf ihn, weil er den Ball im Luftsprung mit der Hand ins Tor bugsiert hatte und - trotz eindeutiger Aufnahmen - es nicht einmal zugab. "Es war der Kopf Maradonas und die Hand Gottes", erklärte er anmaßend. Er mag sich im Recht gefühlt haben, auch weil dieses Spiel politisch aufgeladen war. England und Argentinien hatten Krieg geführt um die Falkland-Inseln. Drei Minuten nach seinem unsportlichen Tor erzielte er jedoch eines, das ebenso in die Geschichte einging: Ein irrwitziger Sololauf über das ganze Feld - es wurde später zum "WM-Tor des Jahrhunderts" gewählt.

Die Form von 1986 verlor er. 1990 und dann 1994 war er nicht mehr der Maradona, den man kannte. Frauengeschichten, die Kokserei, das pralle Leben, Streitigkeiten (auf Reporter legte er sogar mal mit dem Schrotgewehr an), Prozesse um Vaterschaften - das alles ging nicht spurlos an Maradona vorbei.

Gedemütigt als Trainer

Dennoch, und auch das zeigt der Film: Er war beliebt bei seinen Mitspielern, er sonderte sich nicht ab, er gab ihnen seine Klasse und seine Liebe. Es sagt niemand was Schlechtes über ihn. Es ergaben sich Freundschaften, etwa mit dem deutschen Star Lothar Matthäus. Sie waren die tragenden Spieler ihrer Teams in den 80er Jahren.

Als Lothar Matthäus sich im Jahr 2000 vom FC Bayern verabschiedete, weil er ein Angebot aus New York erhalten hatte, lud er zu seiner Goodbye-Gala auch Maradona ein. Der spielte dann tatsächlich im Bayern-Trikot. Er war da nicht mehr aktiv und völlig aus dem Leim gegangen, doch spielte er den schönsten Standfußball, der je zu sehen war. "Maradonas Abschiedsspiel" titelte die "Süddeutsche Zeitung".

Was macht so einer, wenn er nicht mehr spielen kann? Er wird Trainer, dem konnte er nicht ausweichen. Er machte es halt aus dem Bauch heraus, wie 2008.

Sein Land rief nach ihm, er war jetzt Nationaltrainer und nicht ein exprominenter Freak, der irgendeine arabische Mannschaft für viel Schmerzensgeld anleitete. Er hatte eine große Mission bekommen. Anfangs ging sie gut, er schaffte die Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika. Dort aber der Untergang: 0:4 im Viertelfinale gegen Deutschland mit dem storchenbeinigen Thomas Müller, den er ein paar Monate zuvor bei einem Testspiel in München noch für den Balljungen gehalten hatte. Maradona hatte versagt, er war gedemütigt.

Sein Weg wurde zunehmend skurriler. Er nahm die Trainerangebote aus Ländern an, in denen der Fußball nicht richtig entwickelt war, er wurde für drei Monate Vorstandsvorsitzender eines belarussischen Vereins in Brest und fuhr bei seiner Präsentation im Panzer durch die Stadt. Nächste Station war ein mexikanischer Zweitligist, regiert von einem Drogenkartell. Stoff für die Spötter: Passt ja. Der Kokser an der Quelle. Bezahlung in Naturalien? Zuletzt hatte er einen Club in La Plata in Argentinien, er stand dort unter Vertrag.

Skurrile Auftritte auf der Tribüne

Mit der FIFA, die ihn 1994 hatte verstoßen müssen, war er schon länger wieder im Reinen. Der Hochglanz, den er dem Weltfußball verliehen hatte, machte die Verfehlungen wett. Besonders der neue Präsident Gianni Infantino schmückte sich mit Maradona, ließ ihn vor zweieinhalb Jahren in Russland gewähren, als er das Rauchverbot in den Stadien ignorierte und mit Zigarre im Mund und seiner Entourage um sich die VIP-Logen kaperte. Bei einem der Spiele musste sich Maradona zurückziehen, von einem Schwächeanfall war die Rede, sogar von einer Wiederbelebung, die erforderlich gewesen sein soll. Doch beim nächsten Spiel war er wieder da - provozierend wie eh und je.

Ja, man wusste, er würde kein nach Jahren alter Mann werden. Er war schon ein Greis. Die Schlussszene des Maradona-Films zeigt ihn beim Versuch, mit Kindern aus seiner Familie in Buenos Aires Fußball zu spielen. Die Hüften sind kaputt, die Knie haben gelitten. Der Wirbler aus den 80er konnte sich in den 2010er Jahren kaum noch bewegen. Er hatte noch die Lust am Spiel, doch sein Körper, dem er so viel zugemutet hatte (sogar eine operative Verkleinerung des Magens, um abzunehmen), war zu seinem Gefängnis geworden.

Die Vorahnung bestätigte sich. Am Mittwoch, dem 25. November 2020, blieb in seinem Haus in Buenos Aires das Herz von Diego Armando Maradona stehen. Unwiderruflich. Günter Klein

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