Der lautlose Schlussmacher

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Joachim Löw hat anscheinend Angst, Karrieren in der Nationalmannschaft für beendet zu erklären. Nur in wenigen Fällen lief das geräuschlos, wie bei Jens Lehmann. Wie wird es bei Jerome Boateng?

Joachim Löw mag Jerome Boateng. Er verrät es mit einer kleinen sprachlichen Eigenart. Er nennt den Innenverteidiger immer nur beim Vornamen – in diesem Fall und mit mundartlicher Besonderheit: "Der Scheromm." Das ist die gleiche Kategorie wie früher "Der Miro", "Der Lukas". Beim bisweilen nervig-lässigen Leroy Sané ist die Distanz schon hörbar größer, wenn Löw von "Leroy Sahne" spricht.

Derzeit aber scheint der Bundestrainer sich an Jerome Boateng weniger gebunden zu fühlen als noch vor der Weltmeisterschaft, als er versicherte, auf den Münchner auch zu warten, wenn er nach seiner Verletzung erst im Verlauf des Turniers einsatzfähig werden würde. Nach der 0:3-Pleite in der Nations League in Amsterdam ließ Löw Boateng widerstandslos nach München heimkehren und verzichtete beim nicht weniger wichtigen nächsten Spiel in Frankreich auf ihn – derweil Boateng in München schon wieder voll trainierte. Und für die nun anstehende Doppelmaßnahme (Testspiel gegen Russland am Donnerstag in Leipzig, letztes Match der Nations League am Montag in Gelsenkirchen) lässt er den Weltmeister von 2014 "nach Rücksprache" gleich zu Hause. Ist das schon der Abschied?

Joachim Löw tut sich schwer, die Nationalmannschaftskarriere eines Spielers von seiner Seite aus für beendet zu erklären. Nur in einigen Fällen in zwölf Jahren als Bundestrainer war er ein souveräner Schlussmacher. Nach der EM 2008, seinem ersten Turnier als verantwortlicher Trainer, hat er Jens Lehmann klargemacht, dass er auf der Torhüterposition für 2010 eine Erneuerung anstrebe – und ließ seiner Nummer eins die Option, die Sache mit einem Rücktritt gesichtswahrend zu regeln.

Bei Michael Ballack lief es nicht so glatt. Der damalige Megastar des deutschen Fußballs fiel für die WM 2010 kurzfristig aus, die Mannschaft spielte ohne ihren "Capitano" befreit auf, es war offensichtlich, dass sie ihn nicht mehr benötigte. Bei einem Besuch des Rekonvaleszenten im WM-Quartier in Pretoria, gedacht zur moralischen Unterstützung, kam es zu atmosphärischen Störungen, Ballack reiste überstürzt ab, sein Berater Michael Becker giftete im "Spiegel" von einer Verschwörung gegen seinen Klienten – damit war klar, dass Ballack sein letztes Länderspiel längst absolviert hatte. Trotzdem zog es sich noch über ein Jahr hin, ehe man übereinkam, dass es zu keiner weiteren Nominierung kommen werde. Und Torsten Frings, Ballack-Spezi, wurde auch noch hineingezogen.

Keine Signale erhalten

Wegen offensichtlicher Verfehlungen gingen die DFB-Karrieren von Kevin Kuranyi und Max Kruse zu Ende. Kuranyi verließ 2008 die Mannschaft während eines Länderspiels in Dortmund, für Max Kruse war im März 2016 Schluss, nachdem eine ganze Liste von Verfehlungen im privaten Bereich zusammengekommen war. Allerdings: Bei beiden nannte Löw in der Folge immer "sportliche Gründe" als allein ausschlaggebend. Die disziplinarischen Probleme seien aus der Welt geschafft. Joachim Löw will, dass alle seine Personalentscheidungen als sachgerecht erscheinen. Er soll nicht nachtragend wirken – auch wenn er es ist.

Je länger er Bundestrainer ist, desto schwieriger fallen Löw die Schlussstrich-entscheidungen. Nach der WM 2014 (Lahm, Klose, Mertesacker) und mit Verspätung nach der EM 2016 (Schweinsteiger, Podolski) befreiten einige Spieler ihren Bundestrainer mit Rücktritten aus der unangenehmen Pflicht, im Interesse des Gesamtwerks einschneidend handeln zu müssen.

Am problematischsten ist die Lage durch die WM 2018 geworden. Zurückgetreten ist ausgerechnet der, mit dem Löw mindestens eine noch zweijährige Zukunft gesehen hätte: Mesut Özil. Dazu, aber das war absehbar, Mario Gomez. Hingegen kam von Sami Khedira, Jerome Boateng, Mats Hummels und Manuel Neuer kein Signal, dass sie sich auf ihr Wirken im Verein konzentrieren wollten. Löw scheut den klaren Cut – auch weil er sich diesen Spielern verbunden fühlt nach bis zu zehn gemeinsamen Jahren.

Bei Sami Khedira hat er die Taktik gewählt, ihn einfach mal nicht einzuladen und den weiteren Verlauf offenzuhalten. Mit anderen Worten: Er lässt es stillschweigend ausklingen.

Und hat damit vielleicht angetestet, wie er es bei anderen verdienten Spielern auch handhaben könnte. Jogi, der lautlose Schlussmacher.

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