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Jude Bellingham sorgt beim BVB für Furore.

»Kleiner Drecksack« reift zum Anführer

(sid). In der englischen Presse brummt es mächtig: Borussia Dortmund hat einen zügigen Wechsel von Jude Bellingham ausgeschlossen. Das »Liverpool Echo« verkündete sofort aufgeregt »eine klare Absage« an den FC Liverpool, die »Manchester Evening News« beklagten einen Rückschlag für die Ambitionen von Manchester United - und die »Sun« meldete, das »Transferziel des FC Chelsea« bleibe wohl vorerst beim BVB.

Damit ist der Hype um Jude Bellingham vor dem Ligaspiel gegen den 1. FC Köln heute (15.30 Uhr/Sky) einigermaßen treffend nachgezeichnet. Wie schon bei Jadon Sancho hat die Borussia den englischen Giganten ein Supertalent vom heimischen Teller geschnappt, für dessen Rückkehr sie irgendwann teuer bezahlen werden.

Aber: noch nicht so bald. »Er ist Spieler von Borussia Dortmund und bleibt Spieler von Borussia Dortmund«, sagt Lizenzspielleiter Sebastian Kehl. Bei Sport1 verwies er alle Gerüchte ins Märchenland: »Es gibt keine Schmerzgrenze und auch keine Ausstiegsklausel. Er wird hier geliebt, das genießt er.«

In der Tat. Der 18-Jährige ist in Rekordzeit zu einem Publikumsliebling gereift, den Trainer Marco Rose zärtlich »einen kleinen Drecksack« nennt. Hart, furchtlos, die Fans nach perfekten Tacklings mit erhobenen Armen anpeitschend: Bellingham befindet sich in einer Blitz-Metamorphose zum Leader. »Wenn er noch etwas strategischer wird, kann er mal ein ganz Großer werden«, betont Rose, der seinen Schützling »aber manchmal noch etwas wild« sieht.

Dieser Jude Victor William Bellingham, geboren in der früheren Glasmacherstadt Stourbridge, hat den Fußball von klein auf studiert: an den Non-League-Plätzen der West Midlands. Sein Vater Mark, ein Polizist, genoss dort in 20 Karrierejahren einen guten Ruf als Stürmer. »Ich habe ihm immer zugeschaut«, sagt Bellingham. Dabei hat er einiges gelernt. »Das bodenständige Spiel der Amateure, die Härte und Grobkörnigkeit spiegelt sich in meinem Verhalten«, analysierte er im »Guardian«: »Das kommt vom Beobachten meines Vaters. Obwohl der nie gegrätscht hat...« Der Sohn steht inzwischen auf der Shortlist für den Golden Boy, das verheißungsvollste Talent des Weltfußballs. »Man weiß nicht, wo sein Limit liegt«, sagt Kehl. Auch nicht im Preis.

Beim deutschen Nationalspieler Julian Brandt, einst selbst früh hochgejubelt, mischt sich Skepsis in die Begeisterung. »Wir sind in einem Zeitalter, in dem man sehr schnell gehypt wird«, mahnte er. »Ich hatte mit 18 auch schon eine gute Zeit.«

Manchmal wirkt Bellingham, 2020 für 25 Millionen Euro von Birmingham City gekommen, längst Nationalspieler, bemüht erwachsen, sein Führungsanspruch kann aufgesetzt erscheinen. Aber das bessert sich von Spiel zu Spiel.

Mit Verspätung ist jedenfalls die Gier der englischen Giganten erweckt. Zur Sicherheit ein Hinweis: Jobe Bellingham, 16, Judes kleiner Bruder, spielt in Birmingham in der U18 und in der U17-Nationalmannschaft. Den könnte man ja mal im Auge behalten.

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