imago1001636203h_270321_4c
+
Joshua Kimmich (r. der Isländer Aron Gunnarsson) zeigt eine bärenstarke Leistung.

Klebstoff für die Seele

  • VonRedaktion
    schließen

Das DFB-Team zeigt beim 3:0 gegen Island Gemeinsinn und holt sich Anerkennung zurück - auch für die bemerkenswerte Symbolik für Menschenrechte als Botschaft an WM-Gast- geber Katar. Am Sonntag steht die Partie in Rumänien an.

Nach der Aufregung des Vortages und dem 3:0-Sieg zum WM-Qualifikationsauftakt gegen Island ist ein wenig Ruhe eingekehrt im DFB-Camp in Düsseldorf. Ein bisschen Pflege, obligatorische Corona-Testungen, abschalten, durchschnaufen - es gab ja diesmal keine Wunden zu lecken wie noch im Herbst nach dem Desaster von Sevilla.

Tags davor war es ein maximal unruhiger Spieltag gewesen für die deutschen Fußball-Nationalspieler. Es hatte viel zu bereden und zu bemalen gegeben. Obendrauf noch der Coronafall in den eigenen Reihen, Verbannung auf die Einzelzimmer, zusätzliche Testreihe. Es folgte: Ein bemerkenswerte Symbolik für Menschenrechte auf den selbst bemalten Hemden der Startelf als Botschaft an WM-Gastgeber Katar, sowie ein überfallartiges Kommando gegen bemitleidenswert überforderte Insulaner mit zwei pfiffig inszenierten Toren binnen sieben Minuten, und am Ende ein recht nett anzuschauender 3:0-Sieg.

Am heutigen Samstagmorgen steigt eine Truppe in den Flieger nach Bukarest zum Spiel gegen Rumänien am Sonntag (20.45 Uhr/RTL), die nicht nur Kraft aus dem weitgehend überzeugenden fußballerischen Vortrag gesaugt haben dürfte. Sondern auch aus der Gemeinschaft, in welcher sie zusammen ihr Statement an die Welt entwickelt hatten. Dafür gab es natürlich auch Gegenwind in Sozialen Netzwerken (»Statement ist wertlos«), vor allem aber reichlich Lob. Eine Art der Anerkennung, die nicht zu unterschätzen ist als Klebstoff angesichts des labilem Zustands, in dem sich Trainer und Team noch befinden. Sogar die Bundesregierung meldete sich in Gestalt ihres Regierungssprechers Steffen Seibert: »Natürlich ist das etwas Gutes, weil die Nationalmannschaft ein - wenn ich mal so sagen darf - gutes Stück Deutschland ist.«

Die FIFA äußerte ein wenig pathetisch, sie glaube »an die Meinungsfreiheit und an die Kraft des Fußballs, Wandel voranzutreiben«. Auch von Human Rights Watch, Amnesty International und Fanorganisationen gab es grundsätzliche Zustimmung. Katar 2022 könnte für einige Männer im sogenannten »besten Fußballalter« ein optimaler Zeitpunkt werden, sich der Welt als besonders gute Fußballspieler zu präsentieren. Diesen potenziellen Höhepunkt ihrer Karriere dürfte die Führungscrew Ilkay Gündogan, Leon Goretzka und Joshua Kimmich keinesfalls verpassen wollen.

Die Bringschuld sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber dem eigenen Fußballvolk haben sie und ihre Mitspieler im verwaisten Duisburger Stadion erbracht. Ein Stück des schweren Imageschadens, der aufgrund der 0:6-Abreibung in Spanien noch nachhallt, konnte abgetragen werden. Sie hätten »Leidenschaft, für unser Land spielen zu dürfen« demonstrieren wollen, sagte Leon Goretzka nach getaner Arbeit und fand sich bestätigt: Da seien »elf Jungs auf dem Platz« gewesen, »die richtig Bock hatten«.

Kimmich-Pässe eine Augenweide

Bemerkenswert gut abgestimmt geriet dabei das Pressing, auch Passhärte und Tiefenläufe - links der später ein wenig die Lust verlierende Leroy Sané, rechts Kai Havertz, in der Mitte Serge Gnabry - sahen meist gut aus. Joshua Kimmich rückte aus einer tiefen Position als einziger Sechser hinter Goretzka und Gündogan in die Rolle des Primus, seine beiden Auftaktpässe zum 1:0 und 2:0 gerieten zu Augenweiden, insgesamt berührte der 26-Jährige fast zweimal pro Spielminute den Ball.

So gut sah das in der Mittelfeldreihe aus, dass jemand hinterher tatsächlich wagte, Bundestrainer Joachim Löw zu fragen, ob es den verletzt abgereisten Toni Kroos im Nationalteam überhaupt noch brauche. Da reagierte der nette Herr Löw plötzlich geradezu entrüstet: »Warum sollte der um seinen Platz fürchten sollen?« Über die Qualitäten von Kroos zu sprechen, sei müßig. Aber klar, das räumte auch der gestrenge Bundestrainer ein, das Mittelfeld-Trio sei »sehr, sehr gut unterwegs« gewesen. »Das war ein Pfund, ein Gewicht für uns.«

Diese Formation macht die deutsche Nationalmannschaft auf alle Fälle unberechenbarer, zumal sich mit der Aussicht auf eine Rückkehr von Thomas Müller noch mehr Unberechenbarkeit hinzugesellen könnte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare