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Fritz Keller tritt als DFB-Präsident am Montag ab.

Keller geht und nimmt Gegner mit

  • VonRedaktion
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Die bisherigen Führungskräfte des Deutschen Fußball-Bundes beugen sich dem Druck der Öffentlichkeit, der Sponsoren Volkswagen und Adidas, der Bundesligaklubs, der Landesverbände und der Deutschen Fußball-Liga. Sowohl der noch amtierende Präsident Fritz Keller als auch Generalsekretär Friedrich Curtius räumen zeitnah das Feld, Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge folgen.

Beide kandidieren beim nächsten großen DFB-Bundestag, der auf Anfang 2022 vorgezogen wird, nicht mehr für ihre derzeitigen Ämter.

In einer kurzfristig angesetzten außerordentlichen Sitzung des DFB-Präsidiums zog der in seinen Grundfesten erschütterte Verband am Dienstag somit endlich Konsequenzen aus der anhaltenden Führungskrise und begann mit den dringend notwendigen Aufräumarbeiten.

Der DFB veröffentlichte am Dienstagabend eine Pressemitteilung. Darin hieß es: »Präsident Fritz Keller hat aus eigener freier Entscheidung in Verantwortung des Amtes als Präsident seine grundsätzliche Bereitschaft erklärt, nach Abschluss der Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht, am kommenden Montag, sein Amt zur Verfügung zu stellen.« Kellers Intimfeind Curtius, der mit dem Chef nie eine gedeihliche Arbeitsatmosphäre gefunden hatte, wird Keller laut DFB »nach einer Verständigung über eine Aufhebung seines Arbeitsvertrags und der Übergabe seiner Amtsgeschäfte unmittelbar folgen«. Ganz billig dürfte die Trennung vom Curtius nicht werden, der seit 2004 für den Verband arbeitet.

DFB-Chef schnell überfordert

Ehe der führende Vizepräsidenten Rainer Koch beim nächsten Ordentlichen Bundestag nicht mehr für das Amt des 1. Vizepräsidenten Amateure kandidiert, wird der 62-Jährige erst einmal befördert. Gemeinsam mit dem Ligamann Peter Peters, einem treuen Gefährten von DFL-Chef Christian Seifert, die gemeinsam die Demission von Curtius und Koch vorantrieben, wird Koch nach dem Rücktritt von Fritz Keller vorübergehend als Interimspräsident fungieren.

Für den Multifunktionär und Vielflieger, der auch Mitglied in der Uefa-Exekutive ist und Chef des bayerischen Fußball-Verbandes, ist es das dritte Mal, dass er den Verband vorübergehend führt. Nach den Rücktritten von Wolfgang Niersbach 2015 und Reinhard Grindel 2019 tat der umtriebige Bayer das schon an der Seite des ehemaligen Liga-Präsidenten Reinhard Rauball. Kochs Ziel gemeinsam mit Peters laut DFB-Bulletin: Sie wollen »den Verband gemeinsam mit dem Präsidium schnellstmöglich in ruhige Fahrwasser zu bringen«. Auch eine interimistische Nachfolgerin für Curtius ist schon gefunden: Die stellvertretende Generalsekretärin Heike Ullrich wird Geschäftsbereiche kommissarisch übernehmen. Im Verband traut man der Frau allemal zu, den Job auch langfristig gut auszufüllen.

Das Scheitern des Breisgauers Fritz Keller ist auch ein Scheitern von Koch und Seifert. Die beiden hatten sich gemeinsam mit einer gut dotierten Unternehmensberatung schnell auf einen einzigen Kandidaten geeinigt. Seifert und dessen Getreue wollten mit dem ehemaligen Präsidenten des SC Freiburg einen Mann der Liga im DFB installieren, nachdem dem vier Jahre zuvor von Koch gegen den ausdrücklichen Willen der Liga durchgeboxten Grindel keine glückliche Amtszeit beschieden war.

Doch Keller entpuppte sich schnell als überfordert. Zudem beschwerte er sich wohl nicht zu Unrecht, von zentralen Informationen, speziell über einen 360 000 Euro teuren Medienberater, abgeschnitten worden zu sein. Die Vertragsunterzeichnung hatte er allerdings nach seinem Amtsantritt im Herbst 2019 selbst geleistet, wie behauptet wurde, durch List und Tücke seiner internen Widersacher Koch, Curtius und Osnabrügge.

Ein Hauen und Stechen

Weil ihm Informationen vorenthalten worden waren, hatte Keller seinen Bürochef hinter dem Rücken von Curtius ins Controlling geschickt, um dort Papiere zu kopieren, die später beim ZDF landeteten. Das Misstrauen hätte nicht größer sein können, man zerrte sich gegenseitig vor die verbandseigene Ethikkommission, man steckte ständig kompromittierende Informationen an die Medien durch, es wurde ein Hauen und Stechen, bei dem auch die DFL eine Rolle spielte.

Das Vertrauen der 21 Landeschefs hatten Keller und Curtius seit der Sitzung in Potsdam verloren. Koch wurde von den Chefs der Basis noch getragen und dürfte Rückendeckung genießen, wohl aber nicht mehr ausreichend breite. Nach FR-Informationen könnten sich am Dienstag Regionalvertreter dann doch mit Distanz zum bislang mächtigsten Mann der Amateure gestellt haben. Gewiss ist die Gemengelage um Koch, der wie Keller keineswegs vorhatte, sein Amt zur Verfügung zu stellen, allerdings nicht. Im Fall von Keller ist klar: Ohne die Unterstützung der Landesverbände kann ein DFB-Präsident nicht arbeiten, zumal auch sein Ansehen trotz Entschuldigungen für seinen verbalen Ausfall gegen Koch erheblich gelitten hat. Keller brauchte mehr als zweieinhalb Wochen, bis er sich zu der Rücktrittsankündigung durchringen konnte:

JAN CHRISTIAN MÜLLER

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