In Zeiten der Coronavirus-Pandemie ist auch der Anti-Doping-Kampf im Sport zum Erliegen gekommen. FOTO: DPA
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In Zeiten der Coronavirus-Pandemie ist auch der Anti-Doping-Kampf im Sport zum Erliegen gekommen. FOTO: DPA

Kein Pipi, kein Blut, keine Kontrolle

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(sid). Niemand da, der um 6 Uhr morgens oder kurz vor dem Schlafen gehen an der Tür klingelt. Der unter Aufsicht zum Pipi machen bittet. Oder ein bisschen Blut abzapft, um es im Labor auf verbotene Substanzen prüfen zu lassen. In Zeiten von Corona kommt auch der Anti-Doping-Kampf im Sport zum Erliegen. Und so wächst die Sorge: Werden womöglich die Betrüger zu den großen "Gewinnern" in dieser Krise?

"Es wäre ja lächerlich, wenn ich sagen würde, dass dies keinen Einfluss haben wird. Ich denke, das wissen wir alle", sagte Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics, der ARD-Dopingredaktion. Ganz hilflos seien die Jäger trotz der Ausgangssperren in vielen Ländern aber nicht, meinte der Brite: "Kein Sportler sollte jemals zu dem Schluss kommen, dass er sich in einer Test-Sperrzone befindet, das ist nicht der Fall. Wir werden sie erwischen!"

Ähnlich äußerte sich Olivier Niggli, Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA. Der Kampf gegen Doping bestehe nicht nur aus Tests: "Es gibt viele Mittel, etwa den biologischen Athleten-Pass, der einen Überblick über Jahre gibt und sicher von Interesse sein könnte, wenn es Lücken gibt ohne Dopingkontrollen." Momentan stehe jedoch die Gesundheit der Athleten und Kontrolleure an erster Stelle.

Die Experten wissen, dass der Doping-Betrug vor allem in der wettkampffreien Zeit Hochkonjunktur hat. Und in der Szene wird zudem befürchtet, dass Athleten die jetzige Phase, in der nicht so genau hingeschaut werden kann, dazu nutzen könnten, um neue Substanzen oder Methoden auszuprobieren. Die unabhängige Integritätskommission AIU des Leichtathletik-Weltverbandes geht jedenfalls davon aus, dass ihr Kampf gegen Doping durch die Pandemie "stark gestört" wird.

Während in China das System wieder anlaufen sollte, wird in Russland jetzt mindestens bis Ende April nicht getestet. Auch in Kanada oder Spanien sind Kontrollen ausgesetzt, um die Inspekteure und Sportler nicht der Gefahr auszusetzen, sich anstecken zu können. Norwegen, die USA, Österreich, Kenia, Südafrika, Kamerun oder die Schweiz bestätigten der ARD-Dopingredaktion, dass ihre Kontrollsysteme - wenn überhaupt - nur noch stark eingeschränkt funktionieren.

Selbst die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) musste die Kontrollen in Deutschland gegen Null zurückfahren und "forciert nun bereits angestoßene Forschungsprojekte, die als Ergänzung zu klassischen Dopingkontrollen gelten", wie es in einer Mitteilung heißt. Dabei könnte sich ein Athlet mit einem kleinen Piks unter Video-Liveüberwachung etwa selber etwas Blut abnehmen, dieser wird auf einem speziellen Papier getrocknet und per versiegeltem Umschlag in ein Labor geschickt. Doch ob dieses Verfahren wirklich manipulationssicher ist?

Schon jetzt ist klar, dass viele Athleten, die im Sommer wegen Dopings noch gesperrt gewesen wären, nächstes Jahr in Tokio nach dem Ablauf ihres Banns bei den Olympischen Spielen wieder am Start sein könnten.

Und vielleicht werden in der Coronakrise die Betrüger die großen Gewinner. "Es ist vor allem für Sportler, die in der zweiten Reihe stehen, die Chance, sich über eine gewisse, wahrscheinlich recht lange Zeit mit unrechtmäßigen Mitteln in die erste Linie vorzupushen", sagte Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel der Deutschen Welle.

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