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Englands Marcus Rashford besticht auch durch sein soziales Engagement.

Testspiele

Kapitän schreibt kluge Kolumnen

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Erfolgreich kann eine Fußball-Nationalmannschaft nur dann sein, wenn sie sich wohl fühlt. Darum versucht der DFB, ein zweites Campo Bahia zu erschaffen - in Franken.

(gkl). Der Weltstar, der nun endlich auch sein Land beglücken will, der Jungstar, der politischen Einfluss ausübt, der Kapitän, der kluge Kolumnen schreibt - bei der EM geht es nicht immer nur um das, was in 90 Minuten auf dem Platz passiert.

Robert Lewandowski (Polen): Sei erstes großes Turnier war die EM 2012, die zur Hälfte in Polen stattfand. Man konnte damals an der Skyline Warschaus sehen, welche Bedeutung Robert Lewandowski in seinem Heimatland hat: Sein Abbild nahm ganze Hochhausfassaden ein - Sponsor Nike hatte in großem Stil plakatiert. Damals war der Stürmer mit Borussia Dortmund zwar Deutscher Meister geworden und sicherlich die größte Pretiose im polnischen EM-Kader, doch eben noch nicht mehr als der Star seiner Generation. Neun Jahre später ist er das Beste, was Polen im Fußball je hervorgebracht hat. Lewandowski ist der derzeitige Weltfußballer, er ist an Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, den Seriensiegern dieser Wahl, vorbeigezogen. Das bedeutet allerdings auch: Er muss seinem Status als Spieler des FC Bayern auch in der Nationalmannschaft gerecht werden. Obwohl dort ohne ihn nichts geht - auf einen Erfolg und außergewöhnlichen Wochen bei einem der großen Turniere wartet der Superstürmer noch.

Marcus Rashford (England): Für seine 23 Jahre hat Marcus Rashford schon viel erreicht. Er ist Dr. h.c. (Ehrendoktor) an der Universität von Manchester. Die Queen ernannte ihn zum Member des Order of the British Empire. Diese Auszeichnungen hatte primär nicht mit seiner Fußballkunst zu tun. Allenfalls indirekt: Seine Popularität als Spieler von Englands Rekordmeister Manchester United nutzte Rashford, um soziale Projekte durchzusetzen, die ihm am Herzen liegen. 1,7 Millionen englische Kinder aus prekären familiären Verhältnissen verdanken ihm ihr tägliches Mittagessen an der Schule. Auch während der Ferien und der Corona-Pandemie wurden sie dort versorgt - weil Fußballer Rashford das teils aus eigener Tasche finanzierte, vor allem aber über seine Lobbyarbeit mit einer Petition an die Regierung erreichte. 190 Millionen Euro investierte die Politik. Rashfords Antrieb: Er hatte ebenfalls eine von Armut geprägte Kindheit. Rahsford ist zu einem Wortführer und Influencer im englischen Fußball geworden. Auch bei der Kritik an der Super League war er vorne mit dabei, obwohl er finanziell ein Nutznießer gewesen wäre. Er stellte sich gegen die Pläne des eigenen Vereins und auf die Seite der Fans. Und: Ein guter Offensivspieler ist Rashford auch.

Tim Sparv (Finnland): In einigen nerdigen Fußballgeschichten kam der Mittelfeldspieler schon vor. Da ging es um den dänischen Klub FC Midtylland, der mit innovativem Scouting und Datenerhebungen herauszufinden versucht, welcher Spieler besonders gut zu ihm passen könnte - und Tim Sparv, der Finne, der 2013/14 in der 2. Bundesliga bei der SpVgg Greuther Fürth spielte, war einer. Mit Midtjylland gewann er dreimal die dänische Meisterschaft. Inzwischen hat ihn seine internationale Reise, die mit 16 beim FC Southampton in England begann, nach Griechenland geführt. Als Kapitän führte er Finnland zur ersten EM-Teilnahme. Das ist nun seine große Story. Denn Sparv schreibt auch gerne. Auf seiner Website verfasst er auf Englisch regelmäßig Essays über Fußball, zudem gehört eine finnische Zeitung zu seinen Abnehmern, und einen Auftrag der »11Freunde«, den Aufstieg des finnischen Fußballs zu ergründen, nahm er mit dem Hinweis, es sei ihm eine Ehre, an. Der 34-Jährige lädt auch die Fans ein, mit ihm jederzeit über Social Media in Kontakt zu treten.

Artjom Dsjuba (Russland): Für Russland lief es als Gastgeber der WM 2018 viel besser als erwartet, bis ins Viertelfinale spielte sich das Team, es bezwang sogar Spanien. Und er war einer der auffälligen Spieler: Artjom Dsjuba von Zenit St. Petersburg. Kein geschmeidiger Stürmer, sondern eine Kante. Einen, den man einwechselt, weil er dem Gegner schon Angst bereitet, wenn er spielbereit an der Seitenlinie steht. Bei Dsjuba kam dazu: Kurz bevor Trainer Stanislav Tschertschessow ihn aufs Feld schickte, ließ er ihn immer noch an einem Fläschchen riechen. Um die Substanz darin machten die Russen ein Geheimnis und waren beleidigt, als man ihnen Doping unterstellte. Dsjuba soll neben dem derzeitigen Star des Landes, Alexander Golowin von AS Monaco, die »Sbornaja« stützen - da St. Petersburg einer der zentralen Austragungsorte ist, findet Dsjuba Heimspielatmosphäre vor, und schließlich ist er Kapitän. Allerdings stand seine Nominierung auf der Kippe. Im Herbst 2020 war im Internet nämlich ein Video aufgetaucht, das zeigte, wie Artjom Dsjuba Hand an sich legte. Tschertschessow verzichtete bei der November-Maßnahme mit den letzten Partien der Nations League auf ihn. Dsjuba nannte sich selbst einen »Sünder«, inzwischen hat sich die Er... die Aufregung wieder gelegt.

Wie ein Quartier für ein Turnier nicht sein soll - man braucht nur auf 2018 zurückzublicken. Watutinki - der eigentlich niedlich klingende Name weckt Wohn-Albträume bei den deutschen Fußballern. Eine Geheimdienstferienanlage in der Moskauer Peripherie, nahe eines Autobahnkreuzes gelegen, das Birkenwäldchen die einzige Attraktion inmitten der Mauern. Das deutsche Team blühte nur auf, als es für ein paar Tage nach Sotschi ans Schwarze Meer durfte.

Dass eine Unterkunft, neudeutsch Basecamp genannt, einen Anteil am sportlichen Erfolg haben kann, wurde 2014 bewiesen. Logistisch sprach alles gegen das abgelegene Campo Bahia im nur mit der Fähre erreichbaren Fischerdorf Santo Andre- doch im Idyll mit Strandzugang wurde aus dem Kader eine Mannschaft.

Das Konzept Campo Bahia will der DFB nun auf die 2021 stattfindende Europameisterschaft übertragen. Er hat sich einfach ein Campo bauen lassen. Nur ohne Brasilien, Meer und Palmen. Obwohl der Arbeitstitel für das Projekt die Sehnsucht nach der Nähe zum Wasser erkennen ließ. »Wir haben es ›Riptide‹ genannt«, sagt Thomas Beheshti, der Teammanager beim DFB. »Riptide« heißt Springflut.

In der Endfassung trägt die Anlage den Namen »Homeground«. Der DFB hat mit Adidas, seinem Ausrüster seit Ewigkeiten, zusammengefunden. Davon ausgehend, dass man die Vorrunde in München spielen würde, suchte der DFB nach einem Quartier im Süden, der Stadt etwa eine Fahrtstunde entfernt: Tegernsee, Murnau, Garmisch-Partenkirchen. »Doch die Anreise am Spieltag wäre schwierig geworden«, erklärt Beheshti. »Und vier Wochen in einem Innenstadthotel wären auch nicht gut gewesen.«

Für Herzogenaurach, die fränkische Kleinstadt, sprachen die Trainingsmöglichkeiten. »Ihr habt nur kein gutes Hotel«, sagte Nationalmannschafts-Direktor Oliver Bierhoff zu Adidas-CEO Kasper Rorsted. Und der ließ eben eines bauen, weil es »um unsere wichtigste Partnerschaft weltweit« geht. Es entstand eine Anlage, eingebettet ins Firmenhauptquartier, die »HerzoBase«. Wegen der Corona-Pandemie wurde die EM verschoben - und auch die Eröffnung des »Homeground«. Rorsted: »Die Mannschaft sollte unser erster Gast sein.« Am Dienstag zieht das deutsche Team ein. Nach der EM wird Adidas sein »extrem gut gebautes Village« (Rorsted) auch anderen Teams für Trainingslager und Firmengästen in Herzogenaurach anbieten.

Vier Bewohner in einem Haus

Village, Dorf - wie das Campo. In Brasilien bewohnten Sechser-Gruppen je ein Haus. Auf dem Homeground stehen 15 Häuser für vier Bewohner. Wobei die Bezeichnung der Bauwerke keine einheitliche ist. »Container«, sagt Adidas. »Villen« nennt Oliver Bierhoff sie. Für Thomas Beheshti sind sie »Units«, Einheiten. Jedenfalls: Bierhoff war es wichtig, »Luft und Glas« zu haben sowie einen »Marktplatz«, an dem »alles ist«. Treffpunkt, Freiluft-Restaurant, Zugang zu den Funktionsgebäuden mit Physiotherapie und Trainerbüro.

Dass es nach München mit dem Bus zwei Stunden sind, wird in Kauf genommen. Dafür ist man in 20 Minuten am Flughafen Nürnberg, wo auch nachts gelandet werden kann, was ein Vorteil ist, wenn man - nach der Vorrunde - nicht mehr in München spielt.

Muss man jetzt nur noch schaffen, dass es ein »nach der Vorrunde« gibt und man das »Turnier von hinten denken« kann. Ein Begriff, der nach Watutinki führt.

(sid). »Azzurri in Hochglanz« lassen Italiens Fußballfans vom zweiten EM-Titel nach 1968 träumen. Eine Woche vor dem Eröffnungsspiel der paneuropäischen Endrunde gegen die Türkei am Freitag in Rom fertigte das Team von Nationaltrainer Roberto Mancini die Auswahl Tschechiens im letzten Test mit 4:0 (2:0) ab.

»Tuttosport« kommentierte: »Azzurri in Hochglanz: Mancinis Super-Truppe überrollt die mittelmäßigen Tschechen.« Der Ex-Dortmunder Ciro Immobile (23.), Nicolo Barella (42.), Lorenzo Insigne (66.) und Domenico Berardi (73.) erzielten die Tore. Für die seit September 2018 in 27 Spielen ungeschlagene Squadra Azzurra war es der achte Zu-Null-Sieg in Folge. In der Gruppe A trifft Italien außerdem auf die Schweiz und Wales.

Auch Schweden mit dem überragenden Leipziger Emil Forsberg hat eine gelungene Generalprobe hingelegt. Das Team bezwang am Samstag auch dank eines Freistoß-Tores von Forsberg (16.) Armenien mit 3:1 (2:0). Das 2:0 von Marcus Danielson per Kopf (34.) bereitete Forsberg per Eckball vor. Torjäger Wout Weghorst vom VfL Wolfsburg hat mit seinem ersten Länderspieltor ebenso für eine gelungene EM-Generalprobe der Niederlande gesorgt. Der Stürmer erzielte beim 3:0 gegen Georgien in Enschede das zwischenzeitliche 2:0.

Russland spielte indes ohne große Inspiration: Durch ein Elfmeter-Tor von Alexander Sobolew (84.) hieß es gegen Bulgarien am Ende 1:0 (0:0). Wales kam bei seinem letzten Test nicht über ein 0:0 gegen Albanien hinaus.

(dpa). Ungeachtet der Buhrufe einiger Fans wollen Englands Fußballer auch vor den Spielen der Europameisterschaft Zeichen gegen Rassismus setzen. Die Mannschaft habe darüber gesprochen und man werde auch im Vorfeld der EM-Partien mit je einem Knie auf den Boden gehen, sagte Nationalspieler Kalvin Phillips. Vor dem 1:0-Sieg im Testspiele gegen Österreich am vergangenen Mittwoch in Middlesbrough hatten einige Zuschauer die Geste kurz vor dem Anpfiff ausgebuht, andere hatten applaudiert. Auch vor der EM-Generalprobe am Sonntagabend gegen Rumänien gab es Buhrufe in Middlesbrough.

»In erster Linie sind wir alle sehr enttäuscht, dass das passiert ist«, sagte Nationalcoach Gareth Southgate. »Ich verstehe das nicht. Wenn man damit nicht einverstanden ist, kann man vielleicht auch einfach nichts tun. Aber das eigene Team auszubuhen, ist meiner Ansicht nach eine sehr merkwürdige Reaktion.«

Marcus Rashford hat unterdessen das Team in seinem ersten Spiel als Kapitän zu einer gelungenen EM-Generalprobe geführt. Beim verdienten 1:0 (0:0) gegen Rumänien traf der 23-Jährige von Manchester United per Foulelfmeter zum Sieg. Southgate verzichtete dabei auf einen Großteil seiner Stars. Jadon Sancho von Borussia Dortmund traf aus 15 Metern die Latte (38.).

Finnlands Kapitän Tim Sparv hat auch das Schreiben für sich entdeckt.
In dieses Dorf auf dem Adidas-Werksgelände ziehen die Nationalspieler ein.
Ein Häuschen im Grünen. So sehen die »Units« für je vier Nationalspieler aus.

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