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»Ich gehe mit einem Lächeln«

Nach acht Jahren verlässt Bob Hanning den Deutschen Handball-Bund. Der streitbare Manager mit dem Faible für bunte Pullover wird eine Lücke hinterlassen.

Am Sonntag beim DHB-Bundestag in Düsseldorf ist nach acht Jahren Schluss für DHB-Vizepräsident Bob Hanning (53) - den selbst ernannten »Napoleon des Handballs«. Sein Charisma und seine Durchsetzungskraft, aber auch seine Energie und die Leidenschaft sind in der Szene beispiellos. Nachfolger des mächtigen Funktionärs aus Berlin soll Jörg Föste, der Geschäftsführer des Bundesligisten Bergischer HC, werden.

Verabschieden Sie sich mit einem lachenden oder weinenden Auge vom DHB?

Ich gehe ganz eindeutig mit einem Lächeln im Gesicht. Ich bin mit dem, was sich in all den Jahren getan hat, sehr zufrieden. Aber ich bin ehrlich gesagt auch froh, dass diese Episode nun zu Ende geht. Es waren acht intensive Jahre, die viel Kraft gekostet haben. Es ist schön, wenn man den Moment, an dem man geht, selbst bestimmen kann. Es ist umso schöner, wenn man das Gefühl hat, dass man gemeinsam im Verband viel bewegt hat. Und das haben wir.

Gibt es etwas, auf das Sie besonders stolz sind?

Nein. Ich bin mit dem Gesamtbild sehr zufrieden. Wir haben einen ganzen Verband komplett neu strukturiert. Wir haben den Verband auf links gedreht, einmal kernsaniert und ihm ein neues Gewand gegeben. Darum ging es. Wir haben die Menschen wieder für den Handball begeistert und die zerstrittenen Landesverbände und die Ligen wieder zusammengeführt und hinter gemeinsamen Zielen versammelt. Wenn ich jetzt auf das Gesamtwerk schaue, kann ich sagen: Der Verband hat sich personell komplett neu aufgestellt, wir sind ausvermarktet, sind gut durch die Krise gekommen und die permanenten persönlichen Zwistigkeiten haben ein Ende gefunden.

Es gab auch einigen Ärger. Sie haben sich mit Heiner Brand und dem damaligen Präsidenten Bernhard Bauer überworfen. Auch die Trennung von Bundestrainer Christian Prokop im Jahr 2020 verlief alles andere als geräuschlos. Bereuen Sie etwas?

Nein. So etwas gehört dazu. Wenn man Verantwortung übernimmt, macht man sicherlich auch Fehler und kann es nicht immer jedem recht machen. Wichtiger ist, dass die Plattform DHB sauber bleibt. Sie ist wichtiger als jeder Einzelne. Nach diesem Grundsatz habe ich immer gehandelt. Mit Bernhard Bauer habe ich sehr viel im Verband angeschoben, doch dann hat er sich über das System gestellt. Die anschließende Schlammschlacht hätte ich ihm und dem Verband gerne erspart.

Und das unrühmliche Ende mit Christian Prokop?

Nach der erfolgreichen Zeit mit Dagur Sigurdsson wollten wir mit Christian Prokop ein neues Kapitel aufschlagen. Ich sage noch heute, dass die Idee mit ihm eine gute war. Doch leider waren wir mit ihm nicht schnell genug erfolgreich. Sein Weggang war am Ende unumgänglich. Ich habe ein Rennpferd in ein Rennen geschickt, für das es nicht geboren war. Daher nehme ich das auch auf meine Kappe.

Welche Dinge bleiben bei Ihnen in besonders positiver Erinnerung?

Natürlich der sensationelle EM-Titel 2016 oder auch Olympia-Bronze in Rio. Das sind Dinge und Erfolge, die ich nie vergessen werde. Viel wichtiger ist mir aber, dass wir eine neue professionelle Struktur und eine ganz neue Kultur in diesen Verband implementiert haben. Früher, das dürfen wir nicht vergessen, haben wir nur mit größten Anstrengungen Sponsoren bekommen. Heute können wir uns aussuchen, wen wir auf die Brust nehmen. Die Zukunftsaussichten sind glänzend. Wir haben die Junioren-WM 2023 im eigenen Land, die Europameisterschaft der Männer 2024, wir richten die Frauen-WM 2025 und die der Männer 2027 aus. Das ist alles kein Zufall. Es sind Dinge, die wir zusammen entwickelt haben. Sie sind das Ergebnis harter Arbeit und zeugt von viel Vertrauen, das wir uns auf internationaler Ebene zurückgeholt haben.

Was muss jetzt passieren, damit der deutsche Handball nach den Misserfolgen bei der WM in Ägypten und bei den Olympischen Spielen in Tokio nun wieder Fahrt aufnimmt?

Die Liga muss der Nationalmannschaft weitere Freiräume geben. Zudem waren wir alle, ob Spieler oder Verantwortliche, nach den Erfolgen 2016 zu schnell zu satt und zu zufrieden. Wir brauchen wieder junge, hungrige Spieler. In der Breite, das möchte ich betonen, sind wir besser als alle anderen. Jetzt müssen wir aber in der Spitze wieder stärker werden. Jeder muss wieder mehr in den Topf hineinzahlen, als er herausnimmt. Für Egoismen wie zuletzt ist in unserer Nationalmannschaft kein Platz mehr.

Hat der deutsche Handball momentan ein Mentalitätsproblem?

Ich möchte nicht von einem Mentalitätsproblem sprechen. Aber Spieler, Klubs und Funktionäre müssen ihre Mentalität wieder besser kanalisieren. Es geht nur im Team. Wir müssen alle an einem Strang ziehen, denn es gibt nur ein Ziel: den Handball. Das habe ich zuletzt in der Corona-Zeit vermisst. Krisen demaskieren und machen ehrlich. Die Molekularinteressen einiger Klubs, das haben die letzten anderthalb Jahre deutlich gemacht, sind tödlich für unseren Sport. Denn wir brauchen zuvorderst die Nationalmannschaft. Ein Beispiel: Für ein Ligaspiel der Füchse Berlin gegen Melsungen interessieren sich vielleicht 20 000 Zuschauer. Wenn du aber Deutschland gegen Frankreich in einem Viertelfinale hast, schalten zwölf Millionen ein.

Jetzt endet das Kapitel Hanning beim DHB. Verschwinden Sie damit aus den Schlagzeilen

Ich bin gerne bereit, aus den Schlagzeilen zu verschwinden. Mir liegt der Jugendhandball und das Thema Nachwuchsförderung ohnehin viel mehr am Herzen als alles andere. Aber, auch das können Sie mir glauben: Ich brauche keine Funktion, um mich einzumischen und meine Meinung zu den großen Themen zu äußern. Und wenn es notwendig ist, werde ich auch mal dazwischenhauen. Man wird mich punktuell hören, wo es wichtig ist. Und vielleicht auch mal da, wo es wehtut.

Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel ›Hanning. Macht. Handball.‹ geschrieben, das am Freitag zwei Tage vor Ihrem Ausscheiden im Verband erscheint. Müssen sich die Leute warm anziehen?

Es ist ein extrem ehrliches Buch, auch zu mir selbst. Es beschreibt, wie Verbände funktionieren mit all den Gefahren, die dort lauern. Es geht um Führung, um Miteinander und um Nachwuchs. Es ist kein Abrechnungsbuch, es wird aber trotzdem sicherlich nicht jedem gefallen.

FOTO: IMAGO

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