Hürden werden immer höher

  • schließen

Europa League, Halbfinale. Der FC Chelsea wird heute Abend in der Commerzbank Arena erwartet. Ein "Über-Gegner", wie Eintracht- Trainer Adi Hütter behauptet. Dennoch sieht er sein Team nicht chancenlos.

Der Triumphzug der Frankfurter Eintracht quer durch Europa wird mittlerweile sogar in der Neuen Welt registriert, in der Fußball nach wie vor sicher nicht als größte Attraktion schlechthin gilt. Das angesehene "Forbes"-Magazin mit Hauptsitz in der Fifth Avenue in New York City hat sich nun ausgiebig dem hessischen Aushängeschild in Sachen Balltreterei genähert und sich sehr fachkundig dem Phänomen Eintracht gewidmet. Die Auftritte des Teams und seiner Fans in Europa seien "mind-blowing", also überwältigend, wahnsinnig oder auch irre. Das mächtige US-Blatt adelte die Eintracht gar als noch aufregender und unglaublicher als die Niederländer von Ajax Amsterdam, die ja nun mit einem Bein im Finale der Champions League stehen. Sollten die Frankfurter auch noch den FC Chelsea aus dem Weg räumen, dann wäre das eine Ohrfeige fürs Establishment, "ein Schock" für die Großen, die ganz Großen und auch die Mittelgroßen in Europa.

So weit ist die Eintracht noch nicht, noch lange nicht, und wer dem Frankfurter Trainer Adi Hütter gestern bei seinen Ausführungen gelauscht hat, der konnte manchmal tatsächlich glauben, dass seine Mannschaft im Halbfinalduell der Europa League mit den Engländern vor einer astreinen "Mission impossible" steht. Der Österreicher bezeichnete den Tabellenvierten der Premier League als "Topmannschaft mit tollen Spielern", im Stakkato-Stil betete er gleich die ganzen Hochkaräter herunter, "die Blauen" seien ganz klar der Favorit, "darüber müssen wir nicht diskutieren, wir wissen, was auf uns zukommt". Eine ganze Menge. "Das ist eine der besten Mannschaften der Welt", flankierte der wiedergenesene und ergo einsatzbereite Mittelfeldspieler Mijat Gacinovic.

Hütter ging dann gar so weit, die Londoner als "Über-Gegner" zu bezeichnen, was einen Reporter direkt dazu veranlasste, zu fragen, ob es denn so clever sei, den Kontrahenten dergestalt zu überhöhen, ein Boxer etwa würde so etwas niemals machen. Hütter reagierte vor dem nächsten Spiel des Jahres auf diese Einlassung ganz cool, natürlich werde seine Elf "mutig wie immer" ans Werk gehen, er habe ja auch nicht behauptet, dass man chancenlos sei, sondern nur die Kräfteverhältnisse realistisch eingeschätzt: "Man sollte nicht übermütig sein." Genau diese Haltung habe die Eintracht bis ins Halbfinale geführt. Das erste wird heute Abend (21 Uhr/live bei RTL) in Frankfurt angepfiffen, dann werden die Hessen wieder von ihren enthusiastischen Fans nach vorne gepeitscht und getragen. Von der ekstatischen Stimmung, sagt Coach Hütter, "waren schon viele Teams beeindruckt", selbst eine ausgebuffte Mannschaft wie die des FC Chelsea könne sich von derlei Druck von außen ganz sicher nicht frei machen. Hütters generelles Understatement ist überdies auch Teil der Taktik, um den Gegner so ein bisschen einzulullen und in Sicherheit zu wiegen. Die Engländer sehen sich selbst als haushohen Favoriten und glauben nicht ernsthaft daran, dass sie über die Hürde Eintracht stolpern könnten. Das gaben die Londoner Verantwortlichen der Frankfurter Delegation deutlich zu verstehen, und natürlich nutzt die Sportliche Leitung der Eintracht diese Großspurigkeit, um die eigene Mannschaft anzustacheln.

Die Aussicht, den Goliath zu Fall zu bringen, soll das Ensemble von Adi Hütter beflügeln und über sich hinauswachsen lassen. Der Trainer räumt freimütig ein: "Wir fühlen uns in der Rolle des Underdogs sehr wohl." Die Eintracht hätte kein Problem damit, in der Rolle des krassen Außenseiters nach Baku zu segeln, dort steigt am 29. Mai das große Finale.

"Wir sind die unerwartetste Mannschaft im Halbfinale", sagt Hütter, "aber wir haben uns das verdient, das muss man auch mal klar sagen". Wer Olympique Marseille, Lazio Rom, Schachtjor Donezk, Inter Mailand und Benfica Lissabon schlägt, der braucht da keinen Widerspruch zu befürchten. Die Hessen haben eine herausragend gute Europa-League-Saison gespielt, weil sie den Wettbewerb nicht, wie etwa RB Leipzig, als lästiges Übel ansahen, sondern ihn als Chance und etwas Außergewöhnliches begriffen. Das hat selbst der Dachverband erfreut zur Kenntnis genommen, DFL-Chef Christian Seifert lobte die Entwicklung und die Haltung des Klubs zuletzt häufiger. "Eintracht Frankfurt hat die Europa League ernst genommen und spektakuläre Spiele gezeigt. Klub und Mannschaft haben mit starken Vorstellungen bewiesen, was in ihnen steckt – und viele Sympathien inner- und außerhalb Deutschlands gewonnen", sagte er dem "Kicker". Auch die sehr intensiven internationalen Bemühungen des Traditionsvereins verfolgt der 49-Jährige mit viel Wohlwollen. Der Bundesligist gilt als Vorzeigeklub.

Heute Abend, wenn der nächste Schritt gemacht werden soll, wird Hütter auf seinen ersten Sturm verzichten müssen. Ante Rebic (Gelbsperre) und Sebastien Haller (Bauchmuskelzerrung) stehen nicht zur Verfügung, Luka Jovic ist zudem nicht in Topform, Goncalo Paciencia noch nicht ganz auf dem Niveau des brillanten Dreigestirns. Hütter ist aber kein Typ, der sich darüber beklagen würde. "Wir sind einen langen, harten Weg gegangen, um dorthin zu kommen, wo wir jetzt sind. Wir wissen, welche Bedeutung dieses Spiel nicht nur für den Verein, sondern für das ganze Umfeld hat."

Leihspieler: Eintracht Frankfurt will die drei Leihspieler Kevin Trapp, Martin Hinteregger und Sebastian Rode langfristiger unter Vertrag nehmen. "Die drei Spieler wollen wir auf jeden Fall halten", sagte Sportdirektor Bruno Hübner. "Alle drei Spieler haben selbst auch gesagt, dass sie bleiben wollen." Nationaltorwart Trapp steht noch ein weiteres Jahr beim französischen Erstligisten Paris St. Germain unter Vertrag. Er war vor vier Jahren von Frankfurt für rund neun Millionen Euro zu PSG gewechselt. Auch Mittelfeldakteur Rode ist bis 2020 bei Borussia Dortmund gebunden. Er war ebenso wie Hinteregger in der Winterpause an den Main gekommen. Der Verteidiger war nach einem Zerwürfnis mit seinem damaligen Trainer Manuel Baum vom FC Augsburg, bei dem er noch einen Kontrakt bis 2021 hat, zur Eintracht gewechselt.

Trainingslager: Frankfurt bereitet sich in Österreich (24. Juli bis 4. August) und der Schweiz (9. bis 13. Juli) auf die neue Saison vor. Dies gaben die Hessen bekannt. Im schweizerischen Biel treffen die Frankfurter in Testspielen auf den FC Luzern und Young Boys Bern, mit denen Eintracht-Trainer Adi Hütter im vergangenen Jahr die Meisterschaft gewonnen hatte. "Die Bedingungen vor Ort werden perfekt sein für eine optimale Vorbereitung auf die kommende Saison, und ich freue mich natürlich ganz besonders auf unser Aufeinandertreffen mit meinem ehemaligen Klub aus Bern", sagte Hütter. Im Zuge des zweiten Trainingslagers im österreichischen Windischgarsten testet der Europa-League-Halbfinalist beim Viertligisten FC Wels.

Voraussichtliche Aufstellungen: Eintracht Frankfurt – FC Chelsea (Donnerstag, 21.00 Uhr/RTL und DAZN): Eintracht Frankfurt: Trapp – Abraham, Hasebe, Hinteregger – da Costa, Kostic – Rode, Gacinovic, Fernandes – Jovic, Pacienca. - FC Chelsea: Kepa Arrizabalaga – Azpilicueta, Luiz, Christensen, Emerson – Jorginho, Kovacic, Barkley – Pedro, Giroud, Eden Hazard. - Schiedsrichter: Carlos del Cerro Grande (Spanien). (sid/dpa)

Kommentare