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Dortmund blamiert, Schalke verliert, Leverkusen ist raus, München feiert ein 0:0 wie eine Auferstehung, und nur Frankfurt rauscht beschwingt durch Europa. Hessen vorn! Zumal das zweite, kleinere deutsche Erfolgserlebnis seine Wurzel ebenfalls bei uns hat. Wie Kovac in Liverpool spielen ließ, das hat er zuvor ausgiebig in Frankfurt geübt. Doch ob das reicht? Torlose Auswärts-Unentschieden haben die perfide Angewohnheit, bis zum Rückspiel von Tag zu Tag bedrohlicher zu wirken.

Von GW

Dortmund blamiert, Schalke verliert, Leverkusen ist raus, München feiert ein 0:0 wie eine Auferstehung, und nur Frankfurt rauscht beschwingt durch Europa. Hessen vorn! Zumal das zweite, kleinere deutsche Erfolgserlebnis seine Wurzel ebenfalls bei uns hat. Wie Kovac in Liverpool spielen ließ, das hat er zuvor ausgiebig in Frankfurt geübt. Doch ob das reicht? Torlose Auswärts-Unentschieden haben die perfide Angewohnheit, bis zum Rückspiel von Tag zu Tag bedrohlicher zu wirken.

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Aber noch einmal zum Hinspiel. Im Vorfeld wurden die grandiose Atmosphäre, das einzigartige Flair der Anfield Road, die Stadt der Beatles, "The Kop" und der Klopp derart penetrant beschworen und ausschweifend gefeiert, dass ich es mitsamt "You’ll never walk alone" nicht mehr hören und lesen konnte. Überzogene Schwelgerei als medialer Overkill. Ejaculatio präcox. Schon schrumpelten die Schwellkörper. Es folgte ein ganz normales Fußballspiel mit ganz normalem Publikum und einem Halbzeit-Ergebnis, das alles offen lässt.

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Zu den fußballsachlicheren Thematisierungen im Vorfeld gehörte die Rückschau auf Ramos’ "Catchergriff" im Champions-League-Finale gegen Salah, der in Kombination mit Karius’ Fehlgriffen Liverpool den Titel kostete. Aber war es wirklich ein "Catchergriff"? Ganz gewiss nicht. Sondern dessen Gegenteil. Catchergriffe sollen gefährlich aussehen, aber dem Gegner nicht wehtun. Ramos’ Griff sollte harmlos aussehen, aber sehr, sehr wehtun. Hat funktioniert.

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Überhaupt lohnt es sich (nicht nur im Spiegel ...), genauer hinzuschauen, was Übertreibungen und Erfindungen angeht. Zum Beispiel die reißerischen Schlagzeilen zu Khediras "Herz-OP". Fast glaubte man, ihm sei in einer riskanten Operation am offenen Herzen das Leben gerettet worden. Aber eine Ablation von Rhythmusstörungen, ohne Anästhesie, bei leiser Musik, ist keine dramatische Sache. Ein paar Stunden später kann man nach Hause gehen. Ich weiß, wovon ich schreibe.

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Noch mal zu Real-Kämpe Ramos. Als er im spanischen Liga-Derby gegen Atletico einen Elfmeter verwandelte, "posierte er vor der Tribüne mit eng angewinkelten Ellbogen und Handgelenken, als imitiere er ein flatterndes Federvieh", schreibt die FAZ über den grassierenden Wahnsinn der Torjubel-Inszenierungen. Viele der angesagten "Moves" stammen aus dem Videospiel "Fortnite", das ja auch unsere Nationalspieler bei der WM nachts bis in die Puppen gespielt haben sollen. Doch jetzt wissen wir: Das war kein "Gaming", sondern Training! Für all die Tore, die bei der WM, nun ja, dann leider doch nicht geschossen wurden.

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Viel unangenehmer als "Fortnite"-Hampeleien wirkt auf mich (neben dem theatralischen Finger am Mund) der geheuchelte Verzicht auf offen gezeigte Freude, wenn es gegen einen ehemaligen Klub geht (beim Ur-Schalker Sané steckte wenigstens ein glaubhafter Kern im Respekt). "Entsprechend defensiv freute sich Ante Rebic im Spiel gegen Werder Bremen – allerdings nur, weil er glaubte, er spiele gerade gegen seinen früheren Verein RB Leipzig". – Hübscher Gag der FAZ. Allerdings "jubelt" Rebic fast immer so. Vielleicht ist innere Genugtuung ohne gezeigten äußeren Überschwang ja ein, sein ehrlichster Ausdruck von Freude.

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Schmunzelnd freue ich mich über manche Leser-Mail, vor allem auch, wenn sie so beginnt: "Bisher habe ich mich in all den Jahren, in denen ich Ihre Bemerkungen mit Vergnügen lese, mit Kommentaren oder Hinweisen zurückgehalten", schreibt Karl Heinz Reitz (Gießen). Aber "die von Ihnen zuletzt so ergreifend dargestellte ›Affäre‹ Halla bringt mich nun doch zur Schilderung einer passenden Arabeske. Auch für mich und meine Schulkameraden des damals noch echten Gymnasiums für Jungen in der Ludwigstraße war H. G. Winkler mit seinem Olympiapferd ein Idol. An besagtem Gymnasium gab es Ende der Fünfziger bei rund 600 Schülern und 35 männlichen Lehrern neben der Sekretärin nur noch ein einziges weibliches Wesen. Dies war die Studienassessorin Winkler. Es wird Sie, der Sie wie wir in alten Macho-Zeiten aufgewachsen sind, nun keineswegs überraschen, dass besagte Frau Winkler von den Schülern natürlich den Spitznamen Halla erhielt." "Was durchaus nicht abwertend gemeint war", fügt unser Leser hinzu, was aber "womöglich heute zu starker Empörung" führen könnte. – Allerdings. Oder das ikonische Foto des Matrosen vom Times Square, der in seinem Überschwang bei der Feier des Kriegsendes 1945 eine ihm unbekannte Krankenschwester gepackt, sie nach hinten gedrückt und ihr einen Kuss aufgedrückt hatte. Der gute Mann ist jetzt im gesegneten Alter von 95 Jahren gestorben. In MeToo-Zeiten würde er nicht alt werden ...

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Aber holla, was lese ich da im Zeit- Interview mit dem renommierten forensischen Psychiater Hans-Ludwig Kröber über die Psyche von Mördern und auf die Frage, ob Matriarchate friedlicher wären: "Das Töten ist vor allem männlich, aber die Bereitschaft, das Böse zu decken, sich zu rächen, Feinde zu vernichten, ist bei Frauen ebenso ausgeprägt. Ich glaube nicht daran, dass Frauen die besseren Menschen sind." – Ich schon! Zumindest, wenn es sich um meine liebste Zielgruppe handelt, bleibe ich freudvoll ergebener Anhänger des Matriarchats.

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Wenn ich ihn hörte und sah, schoss mir durch den Kopf: Das arme Kind! Hat den vergeblichen Kampf um die Liebe der kaltherzigen, schneidend schlauen und schlagfertigen Mutter sublimiert, indem er sie verehrend auf einen Sockel stellte und ihr nacheiferte. Ich habe Karl Lagerfeld, obwohl von seinem Metier Lichtjahre entfernt, bewundert für Haltung, Stil und vor allem für seine spontane Eloquenz. Aber selbst dieser mehrsprachige, gebildete und rhetorisch überbegabte Mann kannte den Unterschied von "wie" und "als" nicht. Auch das hätte er besser können müssen … wie ich. (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog "Sport, Gott & die Welt" / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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