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Hand oder nicht Hand, das ist hier nicht mehr die Frage. Zu lächerlich, das Thema, als dass man ernsthaft diskutieren könnte, ohne sich noch lächerlicher zu machen. Eine Regel muss Hand und Fuß haben. Hat diese nicht. Nur einen Pferdefuß.

Von GW

Hand oder nicht Hand, das ist hier nicht mehr die Frage. Zu lächerlich, das Thema, als dass man ernsthaft diskutieren könnte, ohne sich noch lächerlicher zu machen. Eine Regel muss Hand und Fuß haben. Hat diese nicht. Nur einen Pferdefuß.

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Oben und unten ist alles entschieden. Das ist noch nicht der Übergang zum Semenya-Thema, sondern die Lage der Liga. Faktisch. Also noch ohne Brief und Siegel. Und ohne EC-Teilnahmepässe. Den Titel hat der FC Bayern in der Tasche. Nicht, weil er die letzten beiden Spiele unbedingt gewinnen müsste, sondern weil es der BVB immer wieder selbst verkackt.

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Entschuldigung. Die Fäkalinjurie rutschte mir raus, weil ich gesehen habe, wie die Borussia in Bremen meisterlich auftrumpft und dann, unerwartet und unbegreiflich ... wie unsere Labrador-Retrieverhündin, die am Samstag zur gleichen Zeit bei ihrem Auswärtsspiel in der »Workingtest«-Liga alle Aufgaben souverän meistert, aber sich plötzlich ein paar Meter vor der Ziellinie hinhockt und … buchstäblich verkackt. Disqualifiziert. Aus und vorbei.

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Auch ich hätte es verkackt und stünde im Shitstorm, wenn ich zu erklären versuchte, warum mir bei der allseits gefeierten Choreo der Eintracht-Fans ein Schauer über den Rücken lief. Mache ich daher nicht. Ist rein persönlich, eine Macke von mir, würde der Sache nicht gerecht und wie meine Gefühle beim Massen-Mitmachspektakel »La Ola« die Toleranzschwelle der Fans überschreiten.

Toleranz ist auch in der Testosteron-Diskussion gefragt. Ein schwieriges Thema mit vielen ineinander verquirlten Gemengelagen und vor allem menschlich im Einzelfall kaum voll befriedigend lösbar. Caster Semenya lief also am Freitag ihr letztes 800-m-Rennen in der Frauenklasse. Was viele Fragen aufwirft, die von einer Verunsicherung zur nächsten führen.

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Fangen wir beim Weltrekord an. Den hält die Tschechin Kratochvilova, ein Name, den ich nie vergessen werde, nicht nur, weil er lautmalerisch so gut zu ihrem rustikalen Laufstil passte (Semenya wirkt dagegen fast grazil), sondern weil ich ihn einmal, sogar in einer Schlagzeile, mit dem ihrer Landsmännin Navratilova verwechselte, was eine echte Freudsche Fehlleistung war. Nun stellen sich Fragen: Werden Semenya die nicht »heruntergeregelten« Rekorde und Medaillen aberkannt? Obwohl Kratochvilovas Rekorde bleiben, wie auch andere sehr »männliche« Höchstleistungen (Stichwort Press-Brothers) der Vergangenheit?

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Herunterregeln kann »man« auch mit der Antibaby-Pille, heißt es in der Urteilsbegründung. Da feixt die Szene der KennerInnen, weil mit ihr früher (und noch heute?) der Hormonspiegel auch legal hinaufgeregelt werden konnte, in leistungsgünstigere männliche Bereiche. Es kommt nur auf die jeweilige Antibabypille an.

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In dem Wirrwarr kommen plötzlich »neue« Gedanken auf. »Warum nicht die Geschlechtertrennung ganz aufheben?« (Denkanstoß in der Süddeutschen) . Sag ich doch. Schon vor mehr als 40 Jahren, in einer polemischen Kolumne unter dem, zugegeben reißerischen, Titel »Bizarres Getto Frauensport« (ausführlich nachzulesen im Blog Sport, Gott & die Welt). Aber die klassenlose Sportgesellschaft kann natürlich keine Lösung sein. Diverse Klassen neben Frau und Mann ebenfalls nicht. Das Semenya-Urteil ist ein Kompromiss, und zwar der weiseste realistisch vorstellbare.

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Sportlich noch sinnvoller, aber (wie sie selbst weiß) unrealistisch ist eine Idee von Dr. Sylvia Börgens (ihre klugen und informativen Gedanken sind ebenfalls im Blog zu finden, dort im Link Mailbox). »So blöd es zunächst klingt, mir fiele als Lösung für den Sport nur ein, analog zu den Gewichtsklassen in vielen Sportarten einige, vielleicht vier, Klassen von Testosteron-Hormonspiegeln einzuführen.«

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Da dieser bei älteren Männern von der Natur heruntergeregelt wird, dürfte ich in Zukunft nicht in der Männerklasse »Ü 70« starten, sondern müsste in die Testo-Klasse 4. Balian Buschbaum, vormals Yvonne, bliebe zweifellos in der Echte-Männer-Liga. Er schwärmte nach seiner Geschlechtsumwandlung: »Eine Morgenlatte habe ich auch!« (»Sport-Stammtisch«). Dazu Dr. Börgens: »Ich mag meine(n) Morgen-Latte (macchiato)!«

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Humor und Toleranz sind nicht die Patentlösung, zumal es keine gibt, aber immer hilfreich, auch in diffizilsten Diskussionen. Meine Haltung kann ich jetzt in einem einzigen Wort ausdrücken. Denn die sprachliche Wurzel der Toleranz habe ich, da das große Latinum vom Zahn der Zeit zu einem klitzekleinen abgenagt worden ist, in meinem »Heinichen« nachgeschlagen, einem sehr alten Schulwörterbuch. Toleranz kommt, weiß ich jetzt wieder, von tolerare , Substantiv tolerantia, und das ist die »Fähigkeit, geduldig zu ertragen«. Im Umfeld von tolerantia fand ich im »Heimichen« auch so hübsche und mir völlig unbekannte Wörter wie titibillicium (Kleinigkeit) und titubanter (schwankend, unsicher).

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Ich bin also, nicht nur in Sachen Frauensport, sondern fast immer: titubanter. (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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