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Wer hinterher immer schlauer sein will, kümmert sich einfach nicht um sein Geschwätz von gestern. Aber nicht in dieser Kolumne! Sie wird vor dem Holland-Spiel geschrieben und von Ihnen hinterher gelesen, aber dennoch pfeife ich auf Netzer-Phänomen und Adenauer-Methode der Berufsexperten und lege mich auf meine Expertise zum Spiel fest: Das musste ja so kommen!

Wer hinterher immer schlauer sein will, kümmert sich einfach nicht um sein Geschwätz von gestern. Aber nicht in dieser Kolumne! Sie wird vor dem Holland-Spiel geschrieben und von Ihnen hinterher gelesen, aber dennoch pfeife ich auf Netzer-Phänomen und Adenauer-Methode der Berufsexperten und lege mich auf meine Expertise zum Spiel fest: Das musste ja so kommen!

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Nichts bringt mich davon ab, da bin ich einer wie Hollands einmalige Trainer-Gestalt Louis van Gaal. Den kannte ein (holländischer) "Ansto?-Leser persönlich: "Geradlinig, eigensinnig, recht durchs Meer und schwer zu Kompromissen bereit." – "Recht durchs Meer", ein herrlicher holländischer Ausdruck (Original: "recht door zee"). Ebenfalls huldigend gemeint, was der holländische Schriftsteller Leon de Winter über seinen Freund van Gaal sagte: "Menschen mit seiner Persönlichkeitsstruktur begegnet man normalerweise in geschlossenen Anstalten."

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Oder in der eigentümlichen Welt von Winters Landsmann Marten ’t Hart, in dessen Romanen immer wieder der gleiche Typus auftaucht, jene dominanten, verbohrten und sogar grausamen Vater- und Onkelfiguren, unter denen der jeweilige junge Protagonist leidet, fürchterlich leidet, ohne sie jedoch hassen zu können oder zu wollen. Es ist die bizarre Welt selbstgerecht gottgläubiger holländischer Sektierer. – Der Engländer Julian Barnes bringt uns dem Fußball und seinen "Helden" wieder näher. Momentan lese ich seinen schon etwas älteren, aber immer noch aktuellen Roman "Vom Ende einer Geschichte". Darin ätzt der Ich-Erzähler, der seinen Enkel zum Fußball mitnehmen soll: "Ach, da sitzt der triefäugige Opa und weiht den Kleinen in die Geheimnisse des Fußballspiels ein: Wie man Leute in andersfarbigen Hemden hasst, wie man eine Verletzung vortäuscht, wie man aufs Spielfeld rotzt – guck mal, mein Junge, man drückt fest auf ein Nasenloch, damit es zubleibt, und lässt den grünen Schleim aus dem anderen schießen. Wie man eingebildet und überzahlt ist und seine besten Jahre hinter sich hat, bevor man überhaupt begreift, worum es im Leben geht. Oh ja, ich freue mich darauf, mit Lukas zum Fußball zu gehen."

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Oh ja, ziemlich böse. Aber eine hübsche Zusammenfassung. Vorletzte Worte zum Fußball: In dieser Woche entscheidet sich vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, ob die Vereine an den Kosten der Polizeieinsätze beteiligt werden sollen. Da kann ich mich, im Gegensatz zum Holland-Spiel, vorher ernsthaft festlegen und hinterher dabei bleiben: Was denn sonst?!

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"Traue keiner Statistik, die du nicht selbst verfälscht hast." Soll Churchill gesagt haben. Wie so vieles. Manches stammt wohl wirklich von ihm. Aktuelles Beispiel einer nicht gefälschten, aber in der Aussage churchillesk verfälschten Statistik: Innerhalb von acht Monaten starben in Frankreich vier Rugby-Sportler, was ein sid- Artikel statistisch relativiert. "Tatsächlich gab es in Deutschland seit 1972 sogar im Kegeln mehr Tote zu beklagen als im Rugby." – Welche und wie viele Menschen in Deutschland spielen Rugby oder kegeln? Muss man erklären, warum die Statistik ebenso richtig wie in der Aussage blödsinnig ist? Nicht unseren Lesern.

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Auch das noch. Werbung für das Fahrradfahren mit Helm. Auf dem Bild Frauen in Dessous, aber mit Helm. Motto: "Looks like shit. But saves life." Und nun: "SPD-Frauen wollen Helm-Kampagne stoppen" (Bild). Weil sexistisch. Die Helm-Werbung kommt aus dem Haus von VerkehrsministerIn AndreA Scheuer. Ich finde die Kampagne nicht nur sexistisch, sondern auch diskriminierend. Für unsereinen. Denn hinter den knackigen und womöglich sogar echt deutschen Mädchen steht ein junger schwarzer Mann, attraktiv, lässig und in Unterhosen – ewiger Albtraum für den alten weißen Mann. Mit uns kann man’s, kann sie’s ja machen. Wir AWM sind wehrlose Opfer der Zeit.

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Schnüff. Zurück zum Fußball und zu den wirklich wichtigen Fragen. Am Samstag schrieb ich, dass Jungs früher stundenlang auf dem Bolzplatz "geräust" haben. Dazu Werner Haaser aus Gießen: "Reus tat’s bestimmt auch stundenlang, aber er hat gereust. :-)" – Rechtschreibfrage aller Fragen, drängender als Binnen-I und gegenderter Asterisk: Reust Reus oder räust Reus?

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Und was macht Jan Ullrich? "Villa auf Mallorca wird verkauft." Eine sehr erfreuliche Bild- Schlagzeile, weil: Jan Ullrich hat schon lange keine verstörenden Schlagzeilen mehr geliefert, da ist der angebliche Villen-Verkauf nur eine schwache Notlösung des Boulevards und hoffentlich ein Indiz, dass "Ulle" sich berappelt hat.

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Das Allerletzte. Wenn die Stimme in der Lidl-Werbung kreischt, alles werde "billijäär"… das Grauen, das Grauen. (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog "Sport, Gott & die Welt" / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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