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Der Holländer Peter Bosz will mit Bayer Leverkusen attraktiven Angriffsfußball spielen - und dabei hoch anpressen.

Hochsensibles Pressingsystem von Bosz

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Bei Bayer in Leverkusen hat man schon bessere Tage erlebt. Der Mutterkonzern ächzt und stöhnt unter den Folgen des vielleicht größten Fehleinkaufs der deutschen Unternehmensgeschichte, den Agrarchemiekonzern Monsanto, Milliarden von Euro teuer. Und die Werkself? War eigentlich bestens gelaunt in die Sommerpause gegangen nach der am letzten Spieltag geglückten Qualifikation für die Champions League, aber die Vorbereitung hat dann doch einige Fragezeichen aufgeworfen und die Stimmung gedrückt. Die Ansprüche sind hoch an das Team von Trainer Peter Bosz, der viel von seinem Team verlangt. Manchmal zu viel.

Wie ist die Stimmung?"Wir haben in der ganzen Vorbereitung zu viel zugelassen und auch wieder viel zu viele Gegentore bekommen", sagte Torwart Lukas Hradecky. Fünf Niederlagen kassierte Bayer in sieben Testspielen, nur gegen Regionalligist Wuppertaler SV gelang ein Sieg. Leicht angespannt geht der Vierte der Vorsaison in die Saison, woran auch das 4:1 in der ersten Runde des DFB-Pokals bei Alemannia Aachen nichts änderte. Im Gegenteil. Gegen den abgestürzten Traditionsklub kam das Bosz-Team zwischenzeitlich arg ins Schleudern. Abwehrchef Sven Bender sagt: "Unser Ziel ist es, so zu spielen wie in der Rückrunde." Nachdem Bosz von Heiko Herrlich übernommen hatte, katapultierte sich Bayer mit tollem Offensivfußball als drittbestes Rückrundenteam noch in die Champions League. Fraglich, ob man daran sofort anknüpfen kann: "Die letzten Testspiele müssen eine Warnung sein, wie es nicht geht", sagt Bender. "Es geht halt nicht mit einem bisschen weniger, sondern man muss sich wirklich konzentriert die ganze Zeit über an den Plan halten. Das ist das A und O."

Wie stark ist der Kader?Samtfuß Julian Brandt, unter Bosz zuletzt aufgeblüht und das Ass im Saisonendspurt, ist zu Borussia Dortmund gewechselt. Das schmerzt. Dennoch ist der neue Kader sogar ein wenig stärker einzuschätzen als der alte. Die Offensive wurde mit den Klassefußballern Kerem Demirbay (25, kam für 32 Millionen Euro von der TSG Hoffenheim) Moussa Diaby (19, 15 Millionen, Paris St. Germain) und Nadiem Amiri (22, 9 Millionen, Hoffenheim) bestückt. Linksverteidiger Daley Sinkgraven, 23, kam für Millionen von Ajax Amsterdam. Auch ist Kai Havertz, Marktwert 100 Millionen Euro, bei den Rheinländern geblieben, das 20-Jährige Juwel, dem eine große Zukunft vorausgesagt wird, wobei schon die Gegenwart nicht so schlecht ist. Doch all die Qualität trägt nicht, wenn Boszs hochsensibles Pressingsystem nicht perfekt umgesetzt wird.

Worauf steht der Trainer?Peter Bosz, 55 Jahre alt, steht auf ein hochsensibles Pressingsystem, das perfekt umgesetzt wird. Und schönen Angriffsfußball, natürlich. Der Mann ist halt Holländer, und als holländischer Fußballtrainer will man, dass die eigene Mannschaft den Ball hat, um jeden Preis. Wenn das System funktioniert, ist es eine reine Augenweide, den Leverkusenern zuzusehen, die sich mit schnellem Kurzpassfußball nach vorne bewegen. Die erste Halbzeit beim 7:1 in der Rückrunde gegen Eintracht Frankfurt war spielerisch wohl das Beste, was in der vergangenen Saison überhaupt geboten wurde. Wenn das System nicht funktioniert, ist Bayer jedoch extrem konteranfällig.

Woran hapert’s noch?Bayer ist extrem konteranfällig. "Die Abstimmung muss besser werden - und da muss ich sagen: In allen Bereichen!", sagte Bosz nach der Vorbereitung. Der FC Valencia hat die gesamte Problematik im letzten Testspiel offengelegt, erwischte Bayer wieder und wieder auf dem falschen Fuß und hätte wesentlich höher gewinnen können als nur mit 2:1. "Wir haben natürlich brutale Fehler gemacht, die wir bei unserer Spielweise nicht machen dürfen", sagte Sven Bender. "Dann ist es auch egal, welcher Gegner es ist. Dann ist es einfach schwer." Weil das gesamte Team inklusive Außenverteidiger sehr hoch steht, entscheidet das Verhalten nach Ballverlusten oft über Wohl und Wehe der Leverkusener. "Wir sind eine Ballbesitzmannschaft und müssen Kontrolle ausüben", sagt Bosz, der sich nicht beirren lässt.

Wer sticht heraus?Natürlich Kai Havertz. Die europäischen Topklubs lecken sich bereits die Finger nach dem Supertalent, das schon so viel mehr ist als das. 17 Tore gelangen dem 20-Jährigen in der vergangenen Saison, er vereint alles seinem Spiel, Physis, Technik, taktische Intelligenz. Mit elf Jahren aus der Jugend von Alemannia Aachen nach Leverkusen gekommen, mit 17 in der Bundesliga debütiert, darf er laut Bayer-Sportchef Rudi Völler selbst mit entscheiden, wann er den nächsten Schritt wagt, dann zu einem ganz großen Verein. Vieles spricht dafür, dass der offensive Mittelfeldspieler in seine letzte Saison bei der Werkself geht und dann für viele, viele, viele Millionen wechselt.

Wie geht’s dem Schatzmeister?Immerhin viele, viele Millionen, 25 nämlich, erhält die Fußball AG Jahr vom Mutterkonzern Bayer. Doch durch ein diverses Sponsorennetz, TV-Gelder und Transfereinnahmen steht die AG längst stabil auf eigenen Beinen, fuhr 2018 einen Gewinn von 49 Millionen Euro ein. Damit kann man arbeiten.

Was ist drin?Die Qualität des Kaders muss für die erneute Champions-League-Qualifikation reichen. Und tut es auch - sofern die Spieler den komplizierten Bosz-Fußball wieder schnell genauso gut umsetzen wie in der vergangenen Rückrunde. Jakob Böllhoff

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