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Himmelfahrtskommando

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imago1010293018h_100322_4c © Imago Sportfotodienst GmbH

Bernd Neuendorf oder Peter Peters? Mit einem neuen Präsidenten soll endlich Ruhe beim krisengeplagten DFB einkehren. Doch die Zweifel an einem Neuanfang sind groß.

Beide versprechen vollmundig einen Neuanfang, beide sehnen ein Ende der Dauerkrise herbei - doch schon vor dem Showdown zwischen Bernd Neuendorf und Peter Peters mehren sich die Zweifel. Wenn am Freitag beim Bundestag in Bonn der neue DFB-Präsident gekürt wird, sind all die Machtkämpfe, Skandale und Ermittlungen omnipräsent. Das Vertrauen ist zerstört, das Image desaströs - auf den neuen Boss wartet eine Mammutaufgabe.

Die Erwartung und sein Ziel sei, »dass beim DFB wieder Ruhe einkehrt«, beteuerte der noch weitgehend unbekannte Neuendorf (60). Er geht als klarer Favorit in die wegweisende Wahl, nachdem sich das stimmgewaltige Amateurlager mehrmals für ihn ausgesprochen hatte. Peters (59), dessen Kompetenz von vielen Seiten stark angezweifelt wird, dürfte als Kandidat der Profiklubs bei der erstmaligen Kampfabstimmung unter den 262 Delegierten kaum eine Chance haben.

Doch kann einer der beiden Kandidaten den krisengebeutelten Deutschen Fußball-Bund (DFB) wirklich retten? Das Misstrauen in der Öffentlichkeit ist groß. Nicht umsonst warnte Sachsen-Anhalts Verbandschef Holger Stahlknecht im Deutschlandfunk vor einem »Himmelfahrtskommando, wenn man sich für dieses Amt da bewirbt«.

Vor allem die Altlasten wiegen schwer. Die Staatsanwaltschaft schlug zuletzt regelmäßig in der Otto-Fleck-Schneise zu, noch immer ist der Sommermärchen-Skandal nicht vollständig aufgeklärt. Und: Die nicht enden wollenden Schlammschlachten, immer neue Rücktritte sowie Intrigen und Affären innerhalb der Führung belasten den Verband schwer. Seit Jahren befindet sich der DFB im Krisenmodus.

Der jüngste Angriff der drei Ex-Präsidenten passte ins Bild. Für den Imageschaden und etliche Probleme machten Fritz Keller, Reinhard Grindel und Theo Zwanziger das »System Koch« indirekt verantwortlich.

Gemeinsam forderten sie einen »echten Neuanfang«. Einen, den etwa Keller und Grindel ebenfalls versprochen hatten, aber krachend am »alten DFB« und sich selbst gescheitert waren.

Kritiker sehen den einflussreichen Interimsboss Rainer Koch, der die erste Reihe verlässt, in zahlreiche dubiose Machenschaften verstrickt - etwa in die ominöse »Diekmann-Causa«. Während Peters eine Zusammenarbeit mit dem 63-jährigen Koch ausschloss, sieht ihn Neuendorf weiter im Präsidium und im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA). Es lauern weitere Konflikte.

Die Frauen-Initiative »Fußball kann mehr« um Katja Kraus hatte sich früh mit scharfer Kritik aus dem Machtkampf verabschiedet und auf eine Kandidatur verzichtet. Ein abgekartetes Spiel, beklagte die Gruppe, dazu Deals in Hinterzimmern. Neuendorf und Peters warben zwar mit Frauen in ihren Teams. Es bleibt aber offen, wie ernst der Verband künftig das lange vernachlässigte Thema Vielfalt nimmt.

Neuendorf Favorit

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Neuendorf die Scherben der Vergangenheit aufkehren müssen. Der Mittelrhein-Boss und SPD-Politiker gilt als integer, wird oftmals als ruhiger Analyst beschrieben. Doch eine Eingewöhnungszeit dürfte der neue Boss keineswegs erhalten.

Es ist völlig offen, welche Probleme auch auf dem Weg zum Prestigeprojekt Heim-EM 2024 noch im Verborgenen warten. »Die kommenden Jahren werden für den DFB finanziell herausfordernd«, schrieb etwa der scheidende Schatzmeister Stephan Osnabrügge im Jahresbericht. Da wären der Neubau des Campus, Steuerzahlungen oder die Coronapandemie.

Noch mehr rückt dadurch die Verhandlung über den Grundlagenvertrag im kommenden Jahr mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) in den Fokus. Auch im Dauerstreit zwischen Amateuren und Profis müssen neue Brücken gebaut werden. »Wir sehen die Wahl, unabhängig von deren Ausgang, als eine große Chance für einen Neuanfang«, sagte DFL-Chefin Donata Hopfen der »Sport Bild«. Es sei wichtig, dass »der DFB in ruhigeres Fahrwasser kommt«.

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